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Ein Konsul als Piraten-Versicherung

Von Rudolf Agstner

Politik

Der 1718 zwischen Österreich und der Hohen Pforte geschlosssene Friede von Passarowitz und der gleichzeitig abgeschlossene Handels- und Schiffahrtsvertrag ermöglichten es den Habsburgern, | Konsuln in jenen Orten des Osmanischen Reiches zu ernennen, in denen bereits Vertreter anderer christlicher Mächte residierten. Zu den Orten, wo Österreich sofort vertreten war, gehörte Tripolis, | seit 1711 Sitz eines de facto unabhängigen Paschas der Karamanli-Dynastie. Meist bediente man sich fremder Agenten . . .


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Trotz des Friedens von Passarowitz entwickelten sich die Piraten der nordafrikanischen Barbareskenstaaten zu einer wahren Geißel für die österreichische Handelsschiffahrt. Da der Friede

mit dem Sultan nicht ausreichend war, um Korsarenangriffe aus Tripolis zu verhindern, wurde 1726 zwischen Kaiser Karl VI und Achmed Karamanli, dem Pascha von Tripolis, ein eigener Vertrag

abgeschlossen, der auch die Bestellung eines k. k. Konsuls in Tripolis vorsah, was im selben Jahr durch Ernennung von Franz Josef Mayer erfolgte; bis dahin hatte der britische Konsul Benjamin

Lodington die kaiserlichen Interessen vertreten. Ab 1734 bediente sich Wien der Dienste von Philippus Gerbrans, von 1713 bis 1750 niederländischer Konsul in Tripolis. Am 27. Januar 1749 wurde ein

neuer Friedensvertrag zwischen dem Kaiser und der "Régence de Tripoli" geschlossen, der wieder die Bestellung eines Konsuls beim Regenten von Tripolis vorsah.

Österreich zahlte für die Aufrechterhaltung des Friedens einen jährlichen Tribut von 20.000 Zecchinen an den Pascha von Tripolis. 1749 wurde ein Herr Preyer zum Konsul in Tripolis bestellt. 1755

scheint ein gewisser Conti als k. k. Konsul auf; dieser amtierte bis 1767, dann scheint das Konsulat Tripolis geschlossen worden zu sein. 1779 bis 1781 war der französische Konsul d'Esparron

kaiserlicher Agent in Tripolis, 1780 ein gewisser d'André; von 1780/81 bis 1796 bediente sich Wien der Dienste des niederländischen Konsuls Nathaniel Warnsman. Auf diesen folgte 1798 der königlich

dänische Konsul Johan Frederic Lochner, ab 1800 der dänische Konsul Georg Nikolaj Nyssen. Von 1808 bis 1811 war ein ein gewisser Zuchet Agent in Tripolis, danach bis 1814 der französische

Generalkonsul Beaussier; diesem folgte 1815 bis 1826 der britische Konsul Colonel Hanmer Warrington. Von 1826 bis 1846 amtierten fünf französische Konsuln als Agenten des Kaisers: 1826 bis 1830 Baron

Rousseau, 1831 bis 1835 Baron Schwebel, 1835 bis 1842 Bourboulon, 1842 bis 1845 de Chateau und 1845 bis 1846 Blanchet.

1835 kam es zu einer entscheidenden Änderung des Status von Tripolis; im Mai liefen türkische Kriegsschiffe in den Hafen von Tripolis ein und unterstellten am 2. Juni Tripolitanien wieder direkter

türkischer Kontrolle.

Am 2. Dezember 1846 wurde mit Giovanni Merlato, Versicherungsagent aus Triest, der erste k. k. Generalagent in Tripolis bestellt. Er berichtete über seine Ankunft: "Während der Durchführung der . . .

Formalitäten mußte ich mich an Bord der k. k. Brigg aufhalten, da es mir nicht möglich war, in der Zwischenzeit noch später eine geeignete Unterkunft, um eine europäische Familie unterzubringen, zu

finden; so daß ich mich zuletzt in der bedauernswerten Notwendigkeit befand, die mir angebotene Gastfreundschaft des hiesigen englischen Generalkonsuls Mr. Warrington in seiner Residenz anzunehmen

. . ."

Merlato berichtete über Tripolis: "Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Bezirks ist nicht sehr groß. Die letzten Herrscher haben mit Vorliebe Piraterie betrieben, und auch die innere Verwaltung

bestand nur aus Raub, um den Besitz umzuverteilen . . . Der überwiegende Teil der importierten Waren in diesem Hafen, und in jenem von Bengasi, stammt aus Österreich und besteht aus Platten aus

Illyrien und Venetien, Stoffballen, gewöhnlichen Glaswaren, Nägeln, Eisen, und Schreibpapier . . . Die Ausfuhren bestehen aus Öl, Wolle, Rinderhäuten, Straußenfedern, Elfenbein, Senf und Fleisch, und

werden von Maltesern und Livornesern nach Marseille verschifft . . . Seit unserer Ankunft sind zwei Karawanen über Ghadames von Murzuk im Fezzan angekommen. Sie brachten 800 schwarze Sklaven, Männer

und Frauen, Elfenbein, Senf, Wachs, Straußenfedern, Rinderhäute und Goldstaub." Merlato blieb dreieinhalb Jahre in Tripolis; danach verwaltete der britische Generalkonsul F. H. Crowe das k. k. Amt,

bis am 18. Dezember 1850 der Handelsmann Anton Gazzi Francovich zum Hororar-Konsul bestellt wurde.

Nach dessen Tod 1858 erhielt Luigi Rossi, seit 1857 Kanzler des k. k. Konsulats, die Stelle des k. k. Honorarkonsuls. Am 30. Mai 1864 explodierte in Tripolis ein Pulvermagazin. Rossi berichtete, das

"k. k. Konsulat, das ca. 360 Schritt entfernt ist, hat starke Schäden an den Dächern aufzuweisen, ein Dach ist eingestürzt. Durch den Druck der Explosion wurde ein halber menschlicher Körper an

unsere Hauswand geschleudert. Gott sei Dank wurde bei uns niemand verletzt . . ." Rossi war unter den österreichischen und deutschen Reisenden ein Begriff.

Die deutschen Afrika-Forscher Gerhard Rohlfs und Gustav Nachtigal bewohnten Rossis Landsitz "am Rande der kümmerlich dem Sande abgewonnen Oase." Erzherzog Leopold Salvator von Habsburg-Lothringen,

1873 mit seiner Dampfjacht "Nixe" in den Syrten unterwegs, war Gast im Konsulat: "Von den Häusern, welche die Höhe der Muraglia gegen den Hafen krönen, genoß man die herrlichste Aussicht. Es befindet

sich darunter auch das Haus des österreichischen Konsuls Rossi, an der hohen Fahnenstange erkennbar, ein recht bequemes, luftiges und von ihm selbst erbautes Gebäude . . . Der österreichische und

zugleich deutsche Consul Luigi Rossi ist ein Livorneser, hat aber fast sein ganzes Leben in Tripoli zugebracht."

Rossi starb 1875, und Italiens Konsul verwaltete das Amt bis zur Bestellung von Saul Labi 1877. Labi war führendes Mitglied der jüdischen Gemeinde, und als er anfangs 1885 in der französischen Presse

als Erzfeind der türkischen Regierung, der mit Leib und Seele Italien ergeben sei, dargestellt wurde, mußte er über Wunsch der Hohen Pforte abgesetzt werden.

Am 29. April 1885 wurde Konsul Graf Wass die Leitung des Amtes in Tripolis übertragen; sein Intermezzo blieb kurz, und schon am 24. Oktober 1886 wurde Emilio Rossi, der Sohn von Luigi Rossi, zum

Gerenten bestellt. Mit Ah. Entschließung vom 21. Mai 1891 wurde er zum Honorar-Vizekonsul, und am 20. April 1899 zum Honorar-Konsul ernannt.

Feldmarschalleutnant von Eisenstein, der 1901 nach Tripolis kam, zufolge war "das Haus des österr.-ung. Honorar-Consuls ein von ihm selbst am Meeresstrande erbautes, schönes und großes, zweistöckiges

Gebäude mit zwei Balkons und vielen Zimmern, deren Böden aus weißem Marmor bestehen, welche durchwegs mit schönen Teppichen belegt sind. Auch die übrige Einrichtung der Zimmer ist schön und elegant

. . . Der Consul führt mit seinem Bruder Ludwig in Tripolis eine Großhandlung und steht allgemein in hohem Ansehen . . ."

Das sollte sich bald ändern; ab 1905 häuften sich in Wien Beschwerden österreichischer, ungarischer, aber auch deutscher Firmen über nicht bezahlte Lieferungen an Rossi (u. a. Fezfabrik Theodor

Pollak, Biala und Seifenfabrik Fa. Georg Schicht AG, Aussig). Nach einer Überprüfung der Vorwürfe wurde Rossi am 2. Dezember 1911 seines Amtes enthoben.

Inzwischen hatte Italien am 5. Oktober 1911 Tripolis besetzt; im Frieden von Lausanne vom 17. Oktober 1912 verzichtete die Türkei auf Tripolitanien und die Cyrenaika. Schon am 7. November 1910 war

mit Finanzrat Ernst von Kwiatkowski ein Beamter als Gerent des Honorarkonsulates Tripolis bestellt worden; er wurde am 24. März 1912 zum Konsul ernannt. Österreich-Ungarn reagierte auf den Umstand,

daß Tripolitanien nunmehr Kolonie des verbündeten Italien war, am 5. Dezember 1913 mit der Umwandlung des Honoraramts in ein "effektives", dessen Leiter Kwiatkowski blieb. Letzter Konsul war der am

26. Februar 1914 ernannte effektive Staatsbeamte Rudolf von Franceschi. Seine Mission fand durch die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 ihr Ende.

Im Ersten Weltkrieg wurde Libyen zur Nebenfront. Das Küstengebiet um den Hafen von Misurata, wo in den achtziger Jahren die VÖEST-Alpine ein riesiges Stahlwerk errichtete, wurde als Nachschubhafen

ausgebaut und von den Senussi dank der Versorgungsfahrten durch deutsche, von Pola · aus Tarnungsgründen unter k. u. k. Flagge · operierenden U-Booten auch gehalten. Die U-Boote brachten Gewehre,

Munition, Sprengstoff, Lebensmittel, Sanitätsartikel und Gold.

Als am 3. Juli 1918 der osmanische Sultan Mehmed V starb, brachte das unter k. u. k. Bezeichnung U 92 laufende deutsche U-Boot ein junges Kamel, einen Hammel und eine Ziege als Huldigungsgabe der

Senussi an den neuen Sultan Mehmed VI, der noch immer als Herrscher angesehen wurde, von Misurata nach Pola; im August 1918 wurde in Agilah Scheich Said Ahmed al-Scharif an Bord von k.u.k. U 60

genommen, der über Pola nach Konstantinopel zur Huldigung Mehmed VI. reiste. Ereignisse wie diese sind heute in Libyen noch nicht vergessen und tragen zum exzellenten Ruf Österreichs bei. Die

Republik Österreich ließ sich Zeit, mit dem seit 24. Dezember 1951 unabhängigen Königreich Libyen in offizielle Kontakte zu treten. Am 5. November 1957 beschloß die Bundesregierung die Aufnahme

diplomatischer Beziehungen mit Libyen. Am 16. Januar 1961 überreichte Dr. Max Löwenthal-Chlumetzky, Botschafter in Rom, sein Beglaubigungsschreiben als Österreichs Gesandter in Tripolis, und erst am

25. Juni 1969 war mit der Überreichung des Beglaubigungsschreibens durch den in Tunis residierenden Dr. Weichs an der Glon ein Botschafter in Libyen mitbeglaubigt. Am 28. Mai 1974 beschloß die

Bundesregierung die Errichtung der Botschaft in Tripolis, die "den zunehmenden Importbedarf Libyens für Österreich in verstärktem Maße nutzbar machen sollte . . ." Diesmal ging es schneller ·

Botschafter Dr. Otto Pleinert traf am 30. September 1974 in Tripolis ein.