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Ein Meer voller Leichen

Von WZ-Korrespondent Julius Müller-Meiningen

Politik

Mehr als hundert Menschen ertrinken, nachdem Schiff gekentert ist. | Helfer brechen weinend zusammen, Papst spricht von "Schande".


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Rom/Lampedusa. Es sind schwarze und graue Säcke, die die Hilfskräfte von den Schiffen der Küstenwache auf die Hafenmole hieven. Immer wieder, ohne Pause. Jeweils vier Männer, die meisten sind Sanitäter, packen mit allen Kräften an. Es ist ein beinahe mechanischer Vorgang. So viele Tote müssen sie aus dem Meer vor der italienischen Insel Lampedusa bergen. 133 Opfer werden bis Donnerstag Nachmittag geborgen. Und dann trifft eine erneute, schreckliche Botschaft ein: Dutzende weitere Leichen befinden sich im Bauch des gesunkenen Flüchtlingsschiffs. Darunter viele Frauen und Kinder. Rettungstauchern hätte sich dieses unvorstellbare Desaster dargeboten, berichten italienische Nachrichtenagenturen.

"Überall schwimmen leblose Körper herum", berichtet ein Helfer schon kurz nach der Tragödie vom Unglücksort. Nicht alle sind den grausamen Anblicken gewachsen. Immer wieder brechen einige der Hilfskräfte am Hafen in Tränen aus.

Diejenigen, die die Rettungsarbeiten aus nächster Nähe verfolgt haben, sowie einige der 155 Geretteten rekonstruieren das Geschehen so: Ein mit etwa 500 afrikanischen Flüchtlingen besetzter Kutter hat in den Morgenstunden die Gewässer vor Lampedusa erreicht. Frauen, Kinder und Männer sind an Bord, sie stammen aus Eritrea und Somalia. Nur eine halbe Meile vor der Kanincheninsel, einem auf Sichtweite vor Lampedusa gelegenen Eiland, kommt das Boot zu liegen. Vorbeifahrende Fischerboote sehen die Flüchtlinge nicht oder wollen sie nicht sehen. Das ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Die Staatsanwaltschaft Agrigent hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Auch einer der Schlepper, der das Unglück überlebte, wurde laut Zeugenaussagen festgenommen.

Die Flüchtlinge, die offenbar von der libyschen Küste ablegten, sind beinahe an ihrem Ziel. Um an Land zu schwimmen, ist die Strecke bis Lampedusa zu weit. Weil auch die Versuche der Schiffbrüchigen, die Küstenwache per Handy zu verständigen, scheitern, kommen einige von ihnen auf eine verhängnisvolle Idee.

Offenbar Brand an Bord

Sie zünden Decken an Bord an, um mit dem Feuer die Aufmerksamkeit an Land oder anderer Schiffe zu erwecken. Doch auch der überfüllte Fischkutter fängt Feuer. Panik bricht an Bord aus. Das mit 500 Menschen völlig überfüllte Boot kentert. Unter den 94 Toten sind auch drei Kinder und zwei schwangere Frauen. 250 Menschen wurden noch vermisst.

Die Ersten, die Alarm schlagen, sind die Besitzer mehrerer Motorboote, die sich in der Nähe des Unglücksortes aufhalten. Unter ihnen sind auch Touristen. Es ist 7.20 Uhr, als sie die Küstenwache erstmals informieren. Das deutet darauf hin, dass sich das Unglück noch bei Dunkelheit zugetragen hat. Die Passagiere der Motorboote leisten am Morgen erste Hilfe. Schwimmwesten, Holzstücke und Öl schwimmen am Unglücksort verstreut im Meer. "Es ist ein unglaublicher Horror", berichtet die Bürgermeisterin der Insel, Giusi Nicolini, die direkt von den Hilfskräften informiert wird. "Was erwarten wir jetzt noch? Es reicht", sagt Nicolini und spielt damit auf die vielen Flüchtlingsunglücke der letzten Jahre, Monate und Tage an. Erst am Montag waren 13 Flüchtlinge in der Nähe der sizilianischen Stadt Ragusa ertrunken.

Mehrere Schiffe der Küstenwache sind um Unglücksort geeilt, später werden auch zwei Hubschrauber für die Rettungsarbeiten eingesetzt. "In vielen Jahren hier auf Lampedusa habe ich noch nie etwas Vergleichbares erlebt", sagt Pietro Bartolo, der als Arzt am Hafen hilft. "Wir brauchen keine Sanitäter, sondern Särge", sagt er.

Später werden die ersten Überlebenden von den Rettungsschiffen an Land geführt. Fast alle von ihnen sind junge Männer, die entweder halbnackt auf die Mole geführt werden oder sich mit silbern und golden glitzernde Wärmedecken schützen. Während die Leichen in einem Hangar in der Nähe des Hafens aufbewahrt werden, begleiten Carabinieri die Überlebenden in das Aufnahmezentrum der Insel. Schon in der Nacht waren auf Lampedusa 463 Flüchtlinge auf Syrien angekommen, sie hatten die gefährliche Überfahrt überlebt. 6200 Menschen seien in den vergangenen 20 Jahren allein im Kanal von Sizilien ums Leben gekommen, teilt die Organisation "Fortress Europe" mit.

Auch Papst Franziskus äußerte sich zu der Tragödie. Er hatte Lampedusa erst vor drei Monaten besucht und die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" angesichts der Flüchtlingstragödien kritisiert. "Mir kommt das Wort Schande. Es ist eine Schande", sagte der Papst. "Wir müssen unsere Kräfte vereinen, damit sich solche Tragödien nicht mehr ereignen", sagte er.

Für Donnerstagnachmittag hatten sich auch der italienische Innenminister Angelino Alfano sowie die Präsidentin des italienischen Abgeordnetenhauses, Laura Boldrini, für einen Besuch angekündigt. Am Abend kam der Ministerrat zusammen, um Nationaltrauer auszurufen.

Lampedusa
Die Mittelmeerinsel Lampedusa ist wegen ihrer Nähe zu Afrika seit Jahren für Bootsflüchtlinge das Tor nach Europa. Die Küste Tunesiens ist nur 130 Kilometer entfernt. Doch mehr als 6000 Menschen starben schon bei der Überfahrt, die Boote sind oft kaum seetüchtig. Nach einem Rückgang 2012 strandeten in der ersten Jahreshälfte 2013 mehr als 3000 Menschen auf Lampedusa - mehr als dreimal so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Auf Lampedusa, das 5000 Einwohner zählt, gibt es kein geschlossenes Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, sondern nur noch ein Durchgangslager.