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"Ein Milchboykott ist sehr realistisch"

Von Klaus Faißner

Wirtschaft

Kampf gegen das Bauernsterben länderübergreifend. | Forderungen kosten Konsumenten 3 Euro pro Monat. | Wien. 1994 bekamen die Rinderbauern für einen Liter Milch noch über 40 Cent. Jetzt sind es 26 bis 28 Cent, und bald soll es der Weltmarktpreis von 22 Cent sein, wenn man den Agrarexperten Glauben schenken darf. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der österreichischen Milchbauern von 82.000 auf nunmehr knapp unter 50.000. Genau diese Entwicklung wollen über 5000 Milchbauern, die sich - enttäuscht von der Standesvertretung - seit dem Vorjahr zur IG-Milch zusammengeschlossen haben, nicht mehr hinnehmen.


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"Milch ist dramatisch unterbezahlt, was auch die Verarbeitungsbetriebe und der Handel nicht verneinen", erklärte gestern, Montag, Ewald Grünzweil, Milchbauer aus Bad Leonfelden und Obmann der IG-Milch, bei einer Pressekonferenz. Der bis September nächsten Jahres geforderte Milcherzeugerpreis von 40 Cent je Liter würde nicht nur "für eine gesunde wirtschaftliche Basis" sorgen, sondern auch den Fortbestand der Arbeitsplätze im ländlichen Raum sowie eine gepflegte Kulturlandschaft sichern helfen - zu Mehrkosten von 2,80 bis 3 Euro pro Monat für den Konsumenten, was beispielsweise einem Seidel Bier oder zwei Tafeln Schokolade entspräche.

"Nichts ist so teuer wie billige Milch", ergänzte Kollege Johannes Bauer im Hinblick auf den Arbeitsmarkt und den Fremdenverkehr einen Leitspruch der IG-Milch.

Dementsprechend wollen die hier organisierten Bauern nicht länger von der Milchwirtschaft vertröstet werden: Da das Ultimatum an die Molkereien, den Milchpreis bis September in der ersten Etappe auf mindestens 35 Cent pro Liter zu erhöhen, nicht eingehalten wurde, ist ein Boykott "sehr realistisch", wie Ernst Halbmayr, ein weiterer IG-Milch-Vorkämpfer, erläuterte. Schon im November könnte eine europaweite Maßnahme mit Bauern aus mindestens 11 Ländern beschlossen werden. Die beteiligten Bauern produzieren nach eigenen Angaben mehr als 40 Prozent der in diesen Ländern erzeugten Milch in Österreich halten die IG-Milch-Mitglieder bei 30 bis 35 Prozent.

Dass Molkereien bei Preisabsprachen in Konflikt mit dem europäischen Kartellrecht kämen, stört die IG-Milch nicht: "Wenn sie nichts tun, bieten wir ihnen schlechte Schlagzeilen an."

"Geiz bleibt Geiz"

Während die Molkereien bisher unbeweglich blieben, konnte beim Lebensmittelhandel durch einige öffentlichkeitswirksame Aktionen ein Umdenken erzielt werden: Hier gelten inzwischen "fast lückenlos" die geforderten Mindestverkaufspreise von 69 Cent (bei Eigenmarken) bzw. 89 Cent je Liter Milch und 99 Cent pro 250 Gramm Butter.

"Geiz ist nicht geil, sondern bleibt Geiz und gefährdet den ländlichen Raum", betonte Grünzweil.

Dasselbe gelte bei der Gentechnik: Qualitativ hochwertigeres - also gentechnikfreies - Futter sei teurer, was von den Molkereien und somit in weiterer Folge von Konsumenten noch zusätzlich abgegolten werden müsste.