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Ein neues Leben nach dem Islamischen Staat im Irak

Von Thomas Seifert aus Mossul

Politik
Die 30-jährige Haifa Ismail (im Tschador), die vor sechs Monaten mit ihren fünf Kindern aus dem Dorf Scheich Hamed nach Hadschi Ali geflohen ist, denkt nicht an Rückkehr. Zuhause gibt es nichts mehr, hier kann die Familie in Sicherheit leben und ist versorgt.
© Thomas Seifert

Die Menschen in Mossul, der zweitgrößten Stadt im Irak, stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.


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Mossul. Die zehn Jahre alte Nadar liegt auf einer Krankenliege im Muharabeen-Spital in Ost-Mossul und bemüht sich, ein tapferes Mädchen zu sein. Sie ist eines von 18.000 Opfern, die bei der blutigen Schlacht um Mossul, der zweitgrößten Stadt im Irak, verletzt wurden. Ganz in Rot hat ihre Mutter Nadar sie eingekleidet: rotes Kleid, rote Hose und dazu passend eine rote Kunstwollmütze mit Schirmchen. Dazu Herzen. Überall Herzen: Am Kleid ist ein schwarzes Herz aufgenäht, auf der Schirmmütze ein rotes. Nadar muss jetzt wieder einmal die Zähne zusammenbeißen und die schmerzhafte Bewegungstherapie mitmachen. Wo einst ihr rechter Fuß ansetzte, ist nur mehr ein Stumpf. Es geschah am 4. April 2017: Eine Bombe - oder war es eine Granate? - schlug im Haus der Familie ein.

Bis heute weiß niemand, ob sie vom Islamischen Staat, der hier abfällig Daesh genannt wird, stammte oder von der irakischen Armee. Nadars Vater Mohammed wurde schwer verletzt, von den fünf Geschwistern der Zehnjährigen Nadar wurden zwei getötet. Eine Schwester und ein Bruder. Nadars Fuß wurde von einem Granatsplitter getroffen, ein weiterer Splitter drang in Nadars Unterkiefer ein. Nachbarn brachten sie ins Dschumhurijet-Krankenhaus, wo der Fuß amputiert wurde. Auch mehr als sieben Monate nach dem Bombeneinschlag kann Nadar wegen der Kieferverletzung nur flüssige Nahrung zu sich nehmen und nichts wirklich kauen. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es: Die Hilfsorganisation Handicap International plant, Nadar in die jordanische Hauptstadt Amman ins Spital zu bringen, wo man ihr Kiefer behandeln kann.

Nadars Vater Mohammed sitzt rechts von seiner Tochter auf einem Krankenbett. Die Physiotherapeuthin bringt ihm bei, wie er den Stumpf seines linken Beins so versorgt, dass er bald eine Prothese tragen kann. Müde und niedergeschlagen sitzt er da, der Krieg hat das Leben seiner Familie zerstört. Die Familie steht auch materiell vor dem Nichts: Ihr Haus ist komplett zerstört, daher leben derzeit vier Familien im Haus der Großeltern. Für die Ärzte des Dschumhurijet-Spitals, wo man ihn und Nadar im April eingeliefert hatte, hat er nur Bitterkeit übrig: Ihm selbst wurde dort das linke Bein über dem Knie amputiert. Stundenlang hätten ihn die Ärzte im Spital bluten lassen, sie haben ihm gesagt, dass zuerst die Daesh-Kämpfer und erst danach die Zivilisten behandelt werden. Doch nun, in Muharabeen-Spital, kann er wieder Hoffnung schöpfen. Er selbst kann auf eine Prothese hoffen, Tochter Nadar ebenso. Tochter Nadar lernt, wie man sich richtig auf Krücken bewegt.

Schicksale wie jene von Mohammeds Familie gibt es hier viele, Mossul ist eine von Krieg und Bürgerkrieg verwundete Stadt. Besonders die am Westufer des Tigris gelegenen Stadtteile gleichen in manchen Bezirken einem Trümmerfeld. Pockennarbige Häuserfassaden, die von Einschusslöchern übersät sind, Stahlbetonbauten, bei denen nach einem Bombeneinschlag Geschoßdecke auf Geschoßdecke fein säuberlich aufeinander geschichtet liegt, so als sei das zerstörte Gebäude ein Anti-Kriegs-Monument aus der Ära des Brutalismus. Schutt, ausgebrannte Autowracks, Trümmer. Der Detritus des Krieges. Es fehlt eigentlich nur mehr ein Transparent mit der Aufschrift: "Die Menschheit. Die Geschichte einer großen Enttäuschung."

EU-Hilfen für den Irak

Es waren ganze Wellen von Gewaltorgien, die die Stadt verheert haben: Schon nach dem Einmarsch der US-Armee im Jahr 2003 war Mossul im Nordwesten des Landes eines der gefährlichsten Pflaster für die G.I.s. Hier war eine Hochburg der Sunniten, die sich von der neuen schiitisch dominierten Regierung in Bagdad nicht vertreten fühlten und daher anfällig waren für die Propaganda des Islamischen Staats. Im Juni 2014 wurde Mossul, auf deren Boden sich einst die Mesopotamische Metropole Nineve befand, vom IS übernommen. Daesh (IS) errichtete ein Schreckensregime, das Jahre andauern sollte. Im Oktober 2016 begann dann die Offensive der irakischen Armee und der schiitischen Al-Haschd-asch-Schabi-Milizen gegen Daesh. Die Kämpfe dauerten bis zum 21. Juli 2017 an, es war ein brutaler, blutiger Häuserkamp um jedes Haus, jeden Block, Mann gegen Mann. In der großen Al-Nuri-Moschee aus dem 12. Jahrhundert hatte IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi einst das "Kalifat" verkündet, die Rückeroberung der Stadt markierte im Sommer das Ende von Daesh im Irak.

Javier Rio Navarro ist der Leiter des Büros von ECHO im Irak (European Civil Protection and Humanitarian Aid Operations). Die EU hat seit dem Jahr 2015 rund 350 Millionen Euro in die humanitäre Hilfe im Irak investiert, und der Spanier Navarro war einer der treibenden Kräfte für einen neuen Ansatz in der Hilfeleistung. Feldlazarette wurden oft nur ein paar hundert Meter hinter der Front errichtet, man baute Flüchtlingscamps, noch bevor die Offensive der irakischen Armee gegen Daesh begann und der Flüchtlingsstrom einsetzte. "Jetzt, nach dem Ende der Kämpfe, ist die Lage einigermaßen stabil, auch wenn die Unterschiede zwischen dem weniger betroffenen Ostteil der Stadt und dem in weiten Teilen in Trümmern liegenden Westteil Mossuls groß sind", sagt Navarro.

Katherine Bequary von der NGO New York City Medics erklärt, warum die Helfer so nah am Kampfgeschehen aktiv waren: "Es gibt das Konzept der sogenannten ‚goldenen Stunde der Rettung‘, die besagt, dass man rund eine Stunde zur Versorgung des Patienten hat, ehe sich der Zustand radikal verschlechtert. Wir konnten oft schon 15 Minuten, nachdem eine Granate eingeschlagen ist oder ein Scharfschütze auf Menschen geschossen hat, medizinisch intervenieren." Die New York Medics operierten in Behelfslazaretten, eingerichtet in ausgebombten Ruinen und nicht wenige Male einfach unter freiem Himmel.

Lise Grande, UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe im Irak, ist zufrieden über diesen "Risiko-Appetit" der Helfer. "Es war jedes mal dasselbe: Ein militärischer Fortschritt war gleichzeitig eine humanitäre Katastrophe", sagte sie vor einer Gruppe Journalisten unter anderem vom "Corriere della Sera", der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Wiener Zeitung" im Hotel Al Mansour in Bagdad. "Je näher man die Hilfe an die Menschen heranbringt, umso effizienter ist sie."

Die Herausforderungen sind enorm, Mossul ist eine der größten und schwierigsten Hilfsmissionen im Nahen Osten, die Flüchtlingsbetreuung ist eine Herkulesaufgabe. Die Zahlen sprechen für sich: 5,8 Millionen Irakis sind seit Jänner 2014 auf der Flucht, 2,6 Millionen konnten bisher zurückkehren. 3,2 Millionen Irakern steht der Weg zurück bisher nicht offen - entweder sind ihre Häuser zerstört oder die Lage in ihrer Herkunftsregion erscheint den Menschen zu gefährlich. 700.000 Irakis leben in einem der 90 Flüchtlingslager. Aber die irakische Regierung hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis zu den Wahlen im Mai 2018 sollen 2,5 Millionen Menschen zurückkehren. Die UN halten diesen Plan für "sehr ambitioniert", wie es aus Kreisen der Vereinten Nationen in Bagdad heißt. Die UN-Experten gehen davon aus, dass 2018 1,7 Millionen Menschen in ihre Häuser zurückkehren werden, 1,5 Millionen Iraker aber weiter in Camps oder in Dörfern und Städten außerhalb ihres Heimatorts leben müssen. Immerhin: Die Finanzierung ist im Fall des Irak einfacher als bei anderen humanitären Katastrophen. "Typischerweise müssen wir für unsere humanitären Missionen der Vereinten Nationen um Geld regelrecht betteln. Im Irak ist das anders. Denn wir sagen den Geberländern: Ihr seid Konfliktpartei, ihr müsst zahlen", sagt Grande. Schließlich hätten Länder wie Großbritannien oder die USA am Kampfgeschehen aktiv teilgenommen. 2017 standen rund 985 Millionen Dollar zur Verfügung, 2018 werden 550 Millionen Dollar benötigt. Der Generalsekretär des irakischen Ministerrats, Mahdi M. Al Alak, betont die moralische Verpflichtung der internationalen Gemeinschaft zur Hilfe für den Irak: "Das Land hat große Opfer gebracht, um Daesh zu besiegen. Wir hoffen, dass nach dem Sieg 2018 das Jahr der Stabilisierung des Irak sein wird", sagt Al Alak und betont die Bedeutung von Versöhnungsmaßnahmen.

Kommt Mossul wieder hoch?

Während die kleine Schayma das Licht der Welt erblickt, ...
© Wiener Zeitung, Thomas Seifert

Ob Mossul jemals wieder auf die Beine kommt? In weiten Teilen der Stadt kommt kein Trinkwasser aus den Leitungen. In Bezirk Hadschi ar Rafa’I nicht weit vom linken Tigris-Ufer entfernt wird unter der Anleitung von Mauled Warfar vom UN-Kinderhilfswerk Unicef mit Hochdruck an der Verlegung neuer Wasserleitungen gearbeitet. Rund fünf Millionen Liter Trinkwasser werden derzeit in die Stadt geliefert, um dort rund 600.000 Menschen zu versorgen, sagt der Unicef-Mann. Erst wenn es wieder Wasser und Strom und die allernotwendigste Infrastruktur gebe, wären die Menschen auch bereit, in ihre Häuser zurückzukehren.

... sorgt Warfar in Mossul für den Wiederaufbau des Wasserleitungssystems.
© Wiener Zeitung, Thomas Seifert

Jassin Mohammad hütet unweit der Wasserleitungs-Baustelle gemeinsam mit seiner Frau Haus und Besitz - Kinder und Enkelkinder sind vor den Kämpfen geflohen und noch nicht zurück in Mossul. Die Familie scheint vor dem Krieg wohlhabend gewesen zu sein: Haus mit Garten, feines Porzellan in den Kästen. Sie hatte einen Bekleidungsladen am Bazar in der Altstadt. Haus, Möbel und Geschirr haben den Krieg heil überstanden, genauso wie Jassin und seine Frau - "al-Hamdu li-Llah, Allah sei Dank". Der Krieg ist zwar vorbei, der Reichtum der Familie ist aber dahin: Das Auto zerstört, das Geschäft in der Altstadt ebenso. Wer in Mossul reich war, hat oft alles verloren, und wer arm war, kämpft nun ums nackte Überleben. Nach dem Abzug des IS fürchtet Jassin nun Rachemorde: "Ich sehe schwarz für die Zukunft. Nun ist die Zeit, wo Rechnungen beglichen werden, die Spirale der Gewalt wird sich weiterdrehen." In der Nachbarschaft von Jassins Haus ist es gespenstisch ruhig, es gibt so gut wie kein Leben auf den Straßen.

Im Lager Hadsch Ali

Ganz anders die Atmosphäre im Flüchtlingscamp Hadsch Ali rund 85 Kilometer südlich von Mossul. Hier leben 5765 Familien, insgesamt 26.231 Menschen. Kinder spielen auf den Steinpisten, es gibt einen Volleyballplatz, einen Spielplatz für Kinder, einen Bazar, Wasserstellen und Latrinen. Die Menschen leben zwar in Zelten, aber immerhin sind sie versorgt - regelmäßig werden Essensrationen, Kleidung und Hausrat verteilt.

Die Zahl der Camp-Bewohner sei nach den militärischen Operationen in Tal Afar und Mossul angeschwollen, erzählt Camp-Managerin Caroline Logan von der Internationalen Organisation für Migration (IOM), sobald sich die Lage etwas entspannt hat, habe sich Hadschi Ali dann wieder etwas entleert.

 Zuhause gibt es nichts mehr

Haifa Ismail (30), die vor sechs Monaten mit ihren fünf Kindern aus dem Dorf Scheich Hamed nach Hadschi Ali geflohen ist, denkt allerdings nicht an Rückkehr. Zuhause gibt es nichts mehr, hier könne die Familie in Sicherheit leben und sei versorgt. Dass es im Lager kaum Arbeit gebe und dass die Kinder nicht regulär zur Schule gehen können - das seien die zwei größten Probleme. Haifa muss sich alleine um ihre Kinder kümmern, ihr Mann wurde bei der Flucht aus dem von Daesh besetzten Gebiet von einem Dschihadi-Kämpfer erschossen, sagt sie. In Scheich Hamed lebte die Familie davon, dass Haifas Mann mit dem Taxi fuhr, gemeinsam bewirtschafteten sie einen kleinen Bauernhof. Doch bald nach der Machtübernahme durch Daesh musste die Familie das Auto verkaufen, um an Geld zu kommen. Das Leben in der IS-besetzten Zone wurde von Monat zu Monat schwieriger. Das Geld wurde immer knapper und reichte bald nicht mehr, um etwa Kleidung für die Familie zu kaufen. Die Schulen wurden vom IS geschlossen, also gab es für die Kinder keinen Unterricht mehr. Dabei war am Anfang die Begeisterung für den IS bei vielen Bewohnern des Dorfes groß, erzählt Haifa. Viele Männer aus Scheich Hamed hätten sich zu Beginn Daesh angeschlossen. Für deren Familien habe es ein monatliches Gehalt, Benzin und Essen gegeben. Wer sich hingegen dem strengen Regiment von Daesh widersetzte, musste mit harten Konsequenzen rechnen: Eine Frau, die die strengen Bekleidungsvorschriften missachtet hatte, habe 18 Stockhiebe erhalten. "Frauen durften sich auch nicht mehr ohne männliche Begleitung aus dem Haus", sagt Haifa.

Als die Armee im Sommer näher rückte, befürchtete die Familie, dass ihr Heimatort zu einem Schlachtfeld werden könnte. Also beschlossen sie zu fliehen: Allzuviel habe man nicht mitgenommen, denn das wäre zu auffällig gewesen - das war Haifa und ihrem Mann klar. Denn die Daesh-Kämpfer wollten unter allen Umständen einen Exodus aus den von ihnen kontrollierten Gebieten unterbinden. Also haben sich die Familien aufgeteilt und machten sich mit möglichst wenig Gepäck Richtung Tigris auf den Weg. Jetzt ging es darum, es von der von Daesh kontrollierten Westseite auf die von der Armee kontrollierte Ostseite des Tigris zu schaffen. Dort ist man in Sicherheit, das wussten Haifa und ihr Mann. Sie bereiteten peu à peu ihren Abschied vor. Ihre Foto-Erinnerungen vergruben sie im früheren Stallgebäude. Dann seien sie fortgegangen. Nun sind Haifas Erinnerungen in ihrem Haus begraben, ein Grab für ihren Mann gibt es nicht.

Neues Leben in Mossul

Wer einen glücklicheren Ort in Mossul sucht, ist in der Geburtenstation des Mustaschfana al-Mossul al-am, dem allgemeinen Krankenhaus von Mossul, an der richtigen Adresse.

Das Spital selbst wurde vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen, ganze Stockwerke sind ausgebrannt und werden derzeit mit Unterstützung des UN-Weltbevölkerungsfonds UNFPA und Geldern von ECHO repariert.

Aber hier gibt es neues Leben und überglückliche Mütter. Vor zehn Minuten hat im Kreißsaal die kleine Schayma das Licht der Welt erblickt. Suzan, die Mutter und Töchterchen Schayma sind noch erschöpft. Suzan war mit ihrer Familie während des Krieges in Kurdistan und ist erst vor nicht allzulanger Zeit zurückgekehrt. Auf die Frage, ob die Geburt einfach war, antwortet die 17-Jährige: "Ja, al-Hamdu li-Llah." Dabei hat eine Krankenschwester sie noch vor einer Stunde vor Schmerzen wimmern gehört. Doch nun hat sie ihr Töchterchen vor sich und all der Schmerz und die Wehen sind vergessen. Eine Metapher für einen Neuanfang im Irak: Die Menschen müssen Leid und Schmerz vergessen und ein neues Leben beginnen.

Diese Reportage entstand mit finanzieller und logistischer Unterstützung von ECHO.