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Ein patriotisches Stück Stoff

Von Edwin Baumgartner

Politik

Revolution, Krieg und Blutvergießen sind oft Themen der Nationalflaggen.


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Flaggen, wohin man schaut. Logisch: Olympische Spiele. 204 Nationen - 204 Nationalflaggen. Manche schlicht, manche schreiend bunt. Patriotischer Stoff, der patriotischen Stoff erzählt: vom Werden einer Nation, von Revolutionen, von Kriegen und Siegen. Mit Nation und Kampf beginnt die Geschichte der Flagge - und die ist am Anfang maritim. Die Idee der Nationalflagge nämlich kommt um 1600 auf, sozusagen als Nationalitätsausweis für ein Schiff. Später werden Flaggen für die Verständigung auf See benützt; und für klare Zeichensetzung obendrein: Jenes Schiff eines Kriegsverbands, auf dem sich der Admiral befindet, hisst dessen Flagge und wird dadurch zum Flaggschiff. Flaggschiff ist also eine übertragbare Funktion. Wechselt der Admiral das Schiff, wechselt auch das Flaggschiff.

Das Wort "Flagge" stammt vom altnordischen "flogra" ab, was "flattern" bedeutet. Die Flagge ist eine Weiterentwicklung der Standarte, die spätantiken und mittelalterlichen Truppen als Markierungspunkt galt: Man folgte der Standarte in die Schlacht, und wenn es dem Feind gelang, die Fahne zu erobern, konnte er gehörig Verwirrung stiften.

Genau genommen sind Flaggen übrigens keine Fahnen und umgekehrt. Eine Fahne ist ein Unikat, sie dient als Zeichen einer Gruppe, in früheren Zeiten etwa einer Zunft, heute eines Vereins oder eines Regiments. Die Fahne ist fest mit dem Fahnenstock verbunden, sie kann geschwenkt, nicht jedoch gehisst werden.

Was hingegen gehisst wird, und zwar in der Regel auf einem senkrechten oder schrägstehenden Mast, ist eben die Flagge. Sie ist reproduzierbar, sie wird in verschiedenen Größen und Stückzahlen hergestellt. Weht die Flagge von einer Querstange, heißt sie Banner. Was die Olympiamannschaften bei der Eröffnungsfeier trugen, ist streng genommen ein Hybrid: Kein Unikat, also keine Fahne, aber fest mit dem Stock verbunden, ergo keine Flagge.

Flaggen stehen für Nationen, hinter der Flagge versammelt sich die Bevölkerung eines Landes. In vielen Fällen erzählen ihre Symbole die Geschichte einer Nation. Eine verwickelte Geschichte führt bisweilen zu einer komplizierten Flagge, etwa jener des Gastgeberlandes der Olympischen Spiele.

Der Union Jack Großbritanniens zählt zu den komplexesten Flaggen überhaupt. Kein Wunder: Er besteht aus drei übereinandergelegten Flaggen. Das aufrechte rote Kreuz auf weißem Grund steht für England, das weiße Schrägkreuz auf blauem Grund für Schottland, das rote Schrägkreuz auf weißem Grund für Irland.

König Jakob I., der England und Schottland in Personalunion regiert, führt den Union Jack, vorerst noch ohne irisches Kreuz, im Jahr 1606 als Nationalflagge ein. Nach dem Ende des englischen Bürgerkriegs, 1649, in dessen Verlauf Oliver Cromwell Irland unterwarf, wird die englisch-schottische Flagge um eine irische Harfe ergänzt - aber das dauert nur bis 1660. Danach verzichtete man auf die Darstellung Irlands auf der britischen Flagge. Das dauert bis 1801, als im Verlauf der Integration Irlands ins großbritische Reich auch die irische Flagge in die britische aufgenommen wird.

England dominiert

Der Union Jack sagt übrigens ganz deutlich, wer im Reich das Sagen hat: Das englische Kreuz liegt dominierend über dem schottischen und dem irischen. In Schottland sah man das im Jahr 1606 ganz anders - und zeichnete das schottische Kreuz über das englische und das irische. Dass diese Version des Union Jack keinen Bestand hatte, versteht sich von selbst.

Wer oft englische Filme oder Fernsehserien sieht, speziell jene, in denen Schiffe vorkommen, hat sicherlich schon britische Flaggen entdeckt, die das komplizierte Gebilde aus Kreuzen auf nur ein Viertel einer sonst einfärbig roten oder einfärbig blauen Flagge beschränken. Diese Flaggen sind das "Red Ensign" (bei rotem Grund), das von Handelsschiffen, und das "Blue Ensign" (bei blauem Grund), das von der Kriegsmarine geführt wird. Auch diverse britische Kolonien führten das "Blue Ensign", das sie mit einem charakteristischen Zusatz ergänzten, Gambia etwa mit einem Elefanten.

Eine gerade durch ihre Einfachheit einprägsame Flagge ist die französische, oft als die "Tricolore" bezeichnet, was heraldisch jedoch falsch ist. Als "Tricolore" gilt nämlich jede Flagge, deren Symbolik ausschließlich aus drei unterschiedlichen Farben besteht. Die französische Flagge ist daher eine Tricolore, wie auch die unserer Nachbarländer Italien und Deutschland Tricoloren sind.

Die französische Tricolore ist die Flagge der Französischen Revolution. Ursprünglich war sie mit umgekehrter Farbenfolge als Seekriegsflagge in Verwendung - da symbolisierte der weiße Streifen noch das Königshaus. Dieses Weiß war freilich einschränkend flankiert durch Rot und Blau, die Farben des Volks von Paris, das die Macht des Königs begrenzte.

Die Abschaffung der Monarchie am 21. September 1792 macht diese Symbolik hinfällig, man belegt die Farben mit einer neuen: Weiß für Freiheit, Blau für Gleichheit, Rot für Brüderlichkeit. Am 15. Februar 1794 wird die Flagge mit der heutigen Farbreihenfolge zur Nationalflagge Frankreichs erklärt und ist es seither geblieben.

Deutsche Tricolore

Auch die deutsche Flagge ist eine Revolutionsflagge: Die Revolutionsjahre 1848/49 gipfeln in der Gründung einer Nationalversammlung. Sie beschließt am 9. März 1848 die Flagge mit den waagerechten Farben Schwarz-Rot-Gold (vertikale Streifen werden stets vom Mast aus, horizontale von oben nach unten gelesen) als Nationalflagge eines geeinten Deutschland. Die Farbzusammenstellung wurzelt in einem zentralen Satz der Revolution: "Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit."

Gemessen an den klaren Linien der Tricoloren ist das Star-Spangled Banner (sternengeschmückte Banner) der USA ein eher kompliziertes Ding. Zu Recht trägt es seinen Spitznamen "Stars and Stripes" (Sterne und Streifen). Aber wie viel wovon - und was bedeutet es? Die Streifen sind eine Übernahme von der Flagge der Sons of Liberty, einer Vereinigung vorrevolutionärer Patrioten, die ausschließlich rote und weiße Streifen in großer Zahl führte. Das Star-Spangled Banner begrenzt die Streifen auf sieben rote und sechs weiße, sie symbolisieren die dreizehn Gründungsstaaten der USA, die Sterne, derzeit 50, die Bundesstaaten.

Wie es 1777 zum Entwurf des Sternenbanners kam, ist umstritten. Als sicher gilt: So, wie es jahrzehntelang in den Schulbüchern stand, war es nicht. Die Geschichte, der Kongress habe die Flaggennäherin Betsy Ross beauftragt, Sterne und Streifen auf ein Tuch zu nähen, wobei Betsy die ursprüngliche Idee mit sechszackigen Sternen auf fünfzackige abänderte, ist schlicht eine Legende.

Die Flagge der USA ist dabei ein Work in progress, da die Zahl der Sterne verändert werden muss, sobald ein neuer Bundesstaat hinzukommt. Trotz der Veränderungen behält die Flagge ihr Erscheinungsbild - was den Entwurf, von wem immer er auch stammt, zum Geniestreich macht. Die jüngste Änderung erfolgte am 4. Juli 1960, als Sterne für Alaska und Hawaii hinzugefügt wurden.

Die österreichische Flagge hingegen weht schon lange unverändert. Sie geht auf den rot-weiß-roten Bindenschild der Babenberger zurück, der sich seinerseits auf den verschlungenen Bahnen sterbender und erbender Fürstengeschlechter von der Lehensfahne der Eppsteiner herleitet.

Österreichs blutige Flagge

Die früher bekannteste Legende zur Entstehung der österreichischen Flagge wird heute aus politischer Überkorrektheit meist verschwiegen: Der Babenberger Herzog Leopold V. nahm am Dritten Kreuzzug teil. Nach der siegreichen Schlacht um Akkon soll Leopolds weißes Gewand getränkt gewesen sein vom Blut der Moslems. Der Schwertgurt allerdings deckte das Gewand ab und hinterließ um die Hüften einen weißen Streifen. Darauf verlieh Heinrich VI., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, dem Babenberger Herzog das Wappen Rot-Weiß-Rot zur Verewigung seines Heldenmutes. Diese Geschichte findet sich 1260 in einer Urkunde. Das Gewand soll 1683 in den Wirren der zweiten Türkenbelagerung Wiens verloren gegangen sein.

Also keine Flagge ohne Krieg, Revolution und Blutvergießen? Sollte es die Flagge sein, dieses scheinbar unschuldig flatternde Tuch, die aus dem Sport den Ersatzkrieg macht? In der Antike war die Zeit der Olympischen Spiele eine Zeit des Friedens. Flaggen gab es damals freilich keine.