Zum Hauptinhalt springen

Ein Revolutionär mit Grips

Von Markus Kauffmann

Kommentare
Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Wenn einer ein helles Köpfchen hat und einen wachen Verstand, dann hat er nach norddeutschem Idiom "Grips". Und wenn sich ein Theater so nennt, darf man neugierig werden.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Berlin in den berühmten 68er-Jahren: Nicht nur auf der Straße und in den Universitäten "steppt der Bär", in fast allen Lebensbereichen müssen sich die Bürger mit Provokationen abfinden, nicht zuletzt auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Dass Kabarett sich selbst immer schon als "links" begriffen hat, wurde in dieser Zeit noch viel deutlicher. Denn die Rädelsführer unter den Studenten und den Protestlern zeichneten sich zwar durch geschulte Rhetorik, kaum jedoch durch sprudelnden Humor aus. Somit konnte das Kabarett eine Flanke abdecken, die bei den großen Volkstribunen zu schwach war.

Beispielsweise das von dem 68er-Linken Volker Ludwig, der aus der Studentenbewegung kam, gegründete "Reichskabarett" in Berlin. Neben der Satire, mit der man sehr erfolgreich war, entstand die Idee, auch für Kinder Theater zu spielen. Aber ein etwas anderes, als damals so üblich und zwischen Kasperl und Märchenstück angesiedelt war.

Zuerst begannen Volker Ludwig und sein um zwei Jahre jüngerer Bruder, im Rahmen des Reichskabaretts Märchen kabarettistisch aufzuarbeiten, später ging man dazu über, eigens für Kinder geschriebene Stücke mit Gegenwartsstoffen auf die Bühne zu bringen; aktuelles Kindertheater gewissermaßen. Die beiden Hachfeld-Brüder ("Volker Ludwig" war ein Pseudonym, das sie voneinander unterscheiden sollte) wollten die Kinder in der Welt ansprechen, in der sie leben, in ihrer Lebenssituation im Hier und Jetzt.

Damit war eine damals ziemlich revolutionär anmutende Neuerung im Kindertheater geboren. Heuer vor 40 Jahren gründete Volker Ludwig jenes Theater, das Anfang der 70er Jahre als "Grips"-Theater erst in Berlin und dann in der ganzen Welt bekannt wurde.

1969 entstand das erste sozialkritische Kinderstück des Brüderpaares, "Stokkerlok und Millipilli". Das erste Kinderstück des Ur-Grips-Theaters wurde ein großer Erfolg, auf vielen Bühnen im In- und Ausland nachinszeniert - und erhielt sogar den Brüder-Grimm-Preis.

Ludwig und "Grips" haben nie ein Hehl daraus gemacht, wo sie politisch stehen. Über den Widerstand im konservativen Lager sollte man sich also nicht wundern, zumal die Kinder in den Stücken frech und respektlos gegenüber Erwachsenen auftraten.

1971 spaltete sich ein Teil des Ensembles mit einem umstrittenen Sexualaufklärungsstück ab und gründete das Kindertheater "Rote Grütze". 1972 und 1974 gab es je einen Umzug. Volker Ludwig schrieb 1975 die musikalische Revue "Linie 1", die Musik dazu stammt von seinem Freund Birger Heymann. Es wurde nicht nur der größte Erfolg des Grips-Theaters, sondern das meistgespielte Theaterstück seiner Zeit und nach der "Dreigroschenoper" das erfolgreichste deutsche Musical.

Mitte der 80er Jahre schloss auch die konservative Politik Waffenstillstand mit dem Grips-Theater, dem inzwischen bekanntesten Kindertheater der Welt.

In dieser Woche trat der nun 72-jährige Ludwig vor die Presse und stellte sein Jubiläumsprogramm vor, außerdem ein Buch über die Geschichte seines Hauses und kündigte einen Relaunch der Grips-Internetseite an. Der als "Erfinder des modernen Kindertheaters" gepriesene Pionier ist jung geblieben, wie die Stücke, die sein Theater zeigt. Seit "Stokkerlok und Millipilli" waren das immerhin 140 Premieren. Im Repertoire sind 18 Produktionen, pro Jahr werden etwa fünf Stücke neu entwickelt - eines davon ist eine namibische Version der "Linie 1", die statt in der U-Bahn in Sammeltaxis und Eselskarren spielt.