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Ein schallendes "Non!" für Macron

Von Birgit Holzer aus Paris

Wirtschaft

Wehren sich die Franzosen so heftig gegen die geplante Pensionsreform, weil sie ein Problem mit der Arbeit haben?


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Lionel ist schon am frühen Morgen mit dem Zug aus einem Vorort nach Paris gekommen. Ein Kollege von ihm steuerte die S-Bahn - eine der wenigen, die an diesem nationalen Streiktag überhaupt fuhren. Lionel, selbst Zugführer, hat weder eine Früh- noch eine Nachtschicht gemacht. Er musste sich nicht um den Stand der Wägen kümmern, nicht rangieren wie sonst jeden Morgen.

An diesem Tag ist er im Ausstand, wie tausende weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der RATP, des Unternehmens für den öffentlichen Nahverkehr von Paris, um gegen die geplante Pensionsreform der französischen Regierung zu demonstrieren. "Mich selbst betrifft sie nicht mehr, aber ich bin aus Solidarität mit den Jüngeren da", sagt der 56-Jährige. "Mein Ruhestand naht: Mit 60 Jahren ist Schicht im Schacht." Er lacht fast verlegen, denn er weiß, dass er hier zu den Privilegierten gehört.

Bevor der Marsch durch Paris losgeht, steht Lionel mit Kolleginnen und Kollegen verschiedenen Alters zusammen, alle tragen über ihren Winterjacken orangefarbene Sicherheitswesten mit dem Aufdruck "CGT-RATP". Die CGT ist eine der führenden Gewerkschaften Frankreichs. Durch ihre langjährige Nähe zu marxistischen Strömungen gilt sie als besonders rigoros bei Arbeitskämpfen. Im Widerstand gegen die Pläne von Präsident Emmanuel Macron, das gesetzliche Pensionsantrittsalter von 62 auf 64 Jahre anzuheben, hat sie sich ausnahmsweise mit der moderateren CFDT und sechs weiteren Arbeitnehmerorganisationen zusammengetan, um möglichst viele Menschen auf die Straße zu bringen.

Proteste gegen die Streichung von Sonderkonditionen

Nachdem es bisher einzelne Streiktage mit großen Protestzügen in den Städten gab, ist eine Verschärfung der Arbeitsniederlegungen ab dem 7. März, nach den Schulferien, im Gespräch. Den Angestellten der RATP kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Wie die Mitarbeiter der Staatsbahn SNCF oder der Raffinerien können sie mit einem Streik das Land weitgehend lahmlegen.

Bei der RATP gelten immer noch Sonderkonditionen für den Ruhestand, einerseits hinsichtlich der Berechnung der Pension, die sich wie bei den französischen Beamten auf den Verdienst der letzten sechs Monate beziehen und nicht wie bei den meisten anderen Angestellten auf die besten 25 Jahre der gesamten Berufslaufbahn. Andererseits beginnt ihre Rente früher, für manche schon mit 52 Jahren, je nach Funktion und Einstiegsjahr. Doch gegenüber Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Sonderbehandlung festgelegt wurde, hat sich der Beruf stark verändert, ist körperlich weniger fordernd. Deshalb soll es für alle, die ab 1. September bei dem öffentlichen Unternehmen anfangen, mit dem Ausnahmesystem vorbei sein. Das sieht die Reform vor, die derzeit noch im Parlament debattiert wird.

"Viel Kraft an alle, die diesen Job bis 64 Jahre machen müssen", sagt Lionel und schnauft wütend auf. "Die angeblichen Privilegien sind absolut notwendig, damit wir nicht sterben, bevor wir in Rente gehen." Sein Metier sei hart durch den ständigen Wechsel zwischen Tag- und Nachtschichten. "Das nutzt ab." In der Luft herrsche ein hoher Anteil an Feinstaub und Metallpartikeln. "Und glauben Sie mir: Stundenlang in einer Fahrerkabine zu sitzen und auf Knöpfe zu drücken, das ist kein Traumberuf."

Arbeit wird nicht als erfüllend, sondern als Qual präsentiert

Arbeit wird in den hitzigen Debatten um die Reform selten als erfüllende Aufgabe präsentiert, sondern eher als Qual, die es durchzustehen gelte. Ist der eigentliche Grund für den massiven Widerstand gegen dieses Projekt also das schwierige Verhältnis, das viele Menschen in Frankreich zu ihrer beruflichen Beschäftigung haben? Die Lebenserwartung gehört hier zu den höchsten der Welt, mit 85 Jahren bei Frauen und 79 Jahren bei Männern. Während zu Beginn der 2000er Jahre im Schnitt noch 2,1 Erwerbstätige einen Pensionisten finanzierten, sind es heute nur noch 1,7, so die Rechnung der Regierung. Und die Menschen in Frankreich verbringen durchschnittlich 25 Jahre im Ruhestand - mehr als in jedem anderen europäischen Land. Warum reagieren sie dennoch so viel heftiger auf eine Erhöhung der Altersgrenze als die Nachbarn?

"Vielleicht weil der soziale Dialog dort besser funktioniert", antwortet der Soziologe Julien Damon auf diese Frage. "Vielleicht auch, weil anderswo der Wert der Arbeit besser anerkannt wird oder die Organisation in den Betrieben angenehmer ist als bei uns." Die große Herausforderung bestehe darin, dass die Franzosen "arbeiten wollen und können, so glücklich wie möglich, bis zu einem Rentenalter, das wirtschaftlich und sozial verträglich ist".

Zu wenig Flexibilität in der Berufswelt

In Frankreich sei es schwierig, einen eingeschlagenen Weg noch einmal zu ändern, kritisiert die pensionierte Grundschullehrerin Christelle. Sie selbst wollte in einem Kinderkrankenhaus statt in einer Schule unterrichten, aber es hieß, sie sei zu alt für eine Zusatzausbildung. "Damals war ich 41!" Es herrsche zu wenig Flexibilität in dem Land mit der komplizierten Verwaltung, um den Berufstätigen andere Erfahrungen zu ermöglichen. Die zierliche Seniorin mit den grauen Strähnen im dunklen Haar steht am Rande der Demonstration, die sie unterstützt. "Die Menschen streben nicht danach, nichts zu tun", ist sie überzeugt. Sie selbst engagiert sich in mehreren Vereinen und macht ehrenamtlich Krankenhausvisiten. Wer solle dort die Alten und Kranken besuchen, wenn nicht fitte Ruheständler wie sie?

Indirekt reagiert sie auf die harten Worte des französischen Innenministers Gérald Darmanin. Dieser beschuldigte die gegen die Reform kämpfende linke Opposition, sie verteidige "eine Gesellschaft, die sich nicht anstrengen will", die Arbeit ablehne und "ein Recht auf Faulheit" einfordere. Davon hatte die grüne Frontfrau Sandrine Rousseau gesprochen, doch ihre plakativen Thesen sind selbst in den eigenen Reihen umstritten.

Für Danièle Linhart, emeritierte Forschungsdirektorin am nationalen Institut CNRS, gehen solche Debatten am eigentlichen Thema vorbei. International vergleichende Studien würden zeigen, dass es für die Französinnen und Franzosen sehr wichtig sei, einen nützlichen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, sagt sie. Dies lasse sich historisch erklären. In der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts lösten sich die französischen Bürger - allerdings nicht die Bürgerinnen, denn die Emanzipation der Frauen begann erst deutlich später - von ihrer Rolle als Diener der Adeligen. Als freie Menschen ließen sie sich für ihre Leistungen entlohnen und gewannen dadurch ihre Würde wieder. "Auch heute noch wollen die Erwerbstätigen persönlich stolz auf ihre vollbrachte Arbeit sein, sie erwarten besonders viel von ihr - und werden besonders stark enttäuscht", sagt Linhart.

Viele Fälle von Burnout und Depressionen

Das liege vor allem an der Herausbildung einer Managementform seit den 1980er Jahren, die auf Individualisierung und ausgeprägte Hierarchien setzte, um das Kollektiv zu zerschlagen. "Jeder Mitarbeiter soll der Größte, Schönste, Stärkste sein, es geht also mehr um menschliche und nicht mehr um professionelle Qualitäten", so die Soziologin. Zugleich sei die "psychologische Kontrolle" verstärkt worden. Dies geschah als Reaktion auf schwere Klassenkämpfe in Frankreich, die die Kommunistische Partei und die kämpferische Arbeitergewerkschaft CGT in den "30 goldenen Jahren", der Zeit des Wirtschaftsaufschwungs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis Mitte der 1970er Jahre, führten. Die Situation sei damals explosiver gewesen als in anderen Ländern.

"Denken Sie an die Zusammenstöße im Mai 1968 mit drei Wochen Generalstreik und der Besetzung von Fabriken", sagt Linhart. Soziale Partnerschaft gehöre hier nicht zur Tradition. Die Manager zogen die Daumenschrauben an, die Gewerkschaften verloren an Mitgliedern. Die Folge: Seit den 2000er Jahren gibt es in Frankreich viele Fälle von Burnout und Depressionen. Für Negativschlagzeilen sorgte eine Serie an Suiziden bei der France Télécom, die heute Orange heißt. 2019 gab ein Gericht bei einem Prozess gegen mehrere ehemalige Führungspersonen des Konzerns, darunter Ex-Chef Didier Lombard, eine klare Verantwortung für die menschlichen Dramen. Sie wurden wegen Mobbing verurteilt.

"Viele Menschen leiden in ihrer Arbeit und vermissen den Sinn darin", sagt Linhart. "Die Vorstellung, dass man ihnen jetzt noch zwei weitere Jahre aufbrummt, erscheint ihnen unerträglich. Sie fürchten, nicht durchzuhalten." Die Lage erscheint festgefahren. Die Regierung beharrt auf der Notwendigkeit, die Alterssicherungssysteme zu reformieren, um sie vor einem wachsenden Defizit zu bewahren. Ein Zurückweichen würde eine schwere politische Schlappe für Präsident Macron bedeuten. Demgegenüber versichern die Reformgegner, Widerstand bis aufs Letzte zu leisten. Mehr als zwei Drittel der Franzosen heißen diesen gut, auch wenn die Arbeitsniederlegungen ihren Alltag erschweren.

"Milliarden für das Militär, aber nicht für das Pensionssystem"

"Wir werden auf die Straße gehen, so oft es sein muss", versichern Djamel Sedoud (47) und Adnane Abdi (44), Kollegen in einer privaten Sicherheitsfirma. Beide lächeln strahlend, so als befänden sie sich nicht auf einer Demo, sondern auf einer Art Party. Dabei ist es ihnen ernst. "Man ruft uns zu jeder Tages- und Nachtzeit an, an Feiertagen und Wochenenden, und während der Corona-Lockdowns haben wir durchgearbeitet", zählen sie auf. "Wir sind immer im Stehen, setzen uns Gefahren aus, unser Job ist hart wegen der unregelmäßigen Arbeitszeiten." Trotzdem gelte dieser bei der offiziellen Einstufung nicht als "beschwerlich". Bis 64 Jahre könne das aber keiner machen. Den Beruf wechseln? "In unserem Alter?", fragt Sedoud zurück, der als junger Mann aus Algerien eingewandert ist. "Macron hatte plötzlich 400 Milliarden Euro für das Militärbudget übrig, wo kommen die her? Und jetzt soll es keine 13 Milliarden für das Pensionssystem geben?"

Vielleicht bedingt auch das große Misstrauen gegenüber der Regierung den Widerstand. Zwar wurde Macron vor knapp einem Jahr wiedergewählt, aber ohne Enthusiasmus. Vielen gilt der 45-Jährige als zu unternehmerfreundlich und liberal. Die Rente mit 60 gehöre für die Menschen zu den größten sozialen Errungenschaften der vergangenen 40 Jahre, sagt der Politologe Jérôme Fourquet vom Meinungsforschungsinstitut Ifop. "Es hat sich die Idee verankert, dass die Erwerbstätigen das Recht auf eine wohlverdiente Zeit der Ruhe haben."

"Freizeitangebote stehen in Konkurrenz mit der Arbeitszeit"

Zwar sei die Lebenserwartung gestiegen, aber nicht unbedingt die Lebenszeit bei guter Gesundheit. "Bei der Pension denkt man an Senioren, die wandern, im Garten arbeiten und sich um ihre Enkel kümmern", schildert Fourquet. In der heutigen Gesellschaft nehmen Hobbys einen deutlich größeren Raum ein als früher: 1990 nannten 60 Prozent der Französinnen und Franzosen ihre Arbeit als "sehr wichtig", heute sind es nur noch 21 Prozent. Seitdem wurde die 35-Stunden-Woche eingeführt und der Tourismus ausgebaut. "Die Freizeitangebote stehen in Konkurrenz mit der Arbeitszeit und relativieren deren Wichtigkeit."

Auch die Corona-Pandemie hat das Gefühl, dass dem Leben außerhalb des Jobs mehr Raum gegeben werden müsse, verstärkt. Und ausgerechnet jetzt fordert der Präsident alle dazu auf, mehr zu arbeiten. Ein schallendes "Non!" tönt ihm von der Straße entgegen. Der Kampf ist längst nicht ausgestanden.