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Ein schweres Erbe

Von Iga Mazak

Politik

Nach dem Tod des Donaustädter Bezirksvorstehers Norbert Scheed trat Ernst Nevrivy am Dienstag dessen Nachfolge an.


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Wien. Donaustadt. Es ist der größte und am stärksten wachsende Bezirk Wiens, und doch hat man noch immer das Gefühl, als wäre man in einem kargen Wiener Vorort gelandet.

Die Donaustadt zeigt sich seit Jahren als große Baustelle und Schauplatz massiver Bauprojekte. Nach dem überraschenden Tod von SPÖ-Bezirksvorsteher Norbert Scheed Mitte Juli wurde Dienstagvormittag Ernst Nevrivy einstimmig zum neuen Bezirksvorsteher gewählt. Der 46-jährige gelernte Fernmeldemonteur tritt ein schweres Erbe an. Als ehemaliger stellvertretender Bezirksvorsteher kennt er die Visionen von Scheed und will weiterführen, was dieser begonnen hat. Die Donaustadt von einem ehemals landwirtschaftlich geprägten Vorort zu einem urbanen Großstadtviertel umzugestalten.

Mit seiner neuen Stelle hat sich Nevrivy viel vorgenommen. Seit 2006 war sein Vorgänger Chef der Donaustadt. Der 1962 geborene Wiener galt als verlässlicher und gerechter Mensch mit Herz und Haltung. "Ein aufrechter Sozialdemokrat", wie ihn Bundeskanzler Werner Faymann betitelte, jahrelanger Gewerkschaftsvertreter und Vorstand der Wiener Arbeiterkammer. Mit ihm begab sich die Donaustadt in ihre größte Ausbauphase, insbesondere mit dem Jahrhundertprojekt der Seestadt Aspern. Eine Lebensaufgabe für Norbert Scheed und eine Herausforderung für jeden Nachfolger.

Der Bezirk wächst rasant. "Wäre Donaustadt eine Stadt - wäre sie mittlerweile die fünftgrößte Österreichs", betont Nevrivy. Im Jahr 2030 wird die "Stadt in der Stadt" 200.000 Bewohner zählen, aktuell sind es noch 170.000. Neben der Seestadt Aspern gilt wohnraumtechnisch der Ausbau sogenannter Smart-Wohnungen als zweite Priorität von Ernst Nevrivy. Günstiger und sozialer Wohnbau - vor allem für junge Familien. Zusätzlich zur Schaffung von Wohnraum muss sich die Gegend auch infrastrukturell anpassen, wollen die 30.000 Zuziehenden Platz finden.

"Kulturangebote fehlen"

Im ehemaligen Au-Gebiet gibt es ihn noch, den Platz zum Ausbau. Zahlreiche ehemalige landwirtschaftliche Flächen prägen den Bezirk, zur Donau oder ins Grüne ist es nie weit. Vorstadtflair inklusive Ausbaupotenzial. Traditionell gliedern sich die Bewohner in zwei Gruppen: die Alteingesessenen und die Jungen. Beide gilt es zufriedenzustellen, ohne die Gegend zuzubauen.

Während die einen in Mobilitätsfragen traditionell auf das Privatauto zurückgreifen, fahren die Jungen immer mehr mit dem Rad. Sie wollen neue Radwege, einen schnellen Anschluss an die City und häufigere Intervalle bei den Öffis. Die Verlängerung der U2 gilt als wichtigster Schritt in diese Richtung - die Nordost-Umfahrung (S1) für Nevrivy als "unbedingtes Muss". Was dringend fehlt: Kulturangebote für die Jungen. Spielwiese für eigene Impulse für den neuen Bezirksvorsteher? "Vielleicht in der Zukunft." Genauer will man sich noch nicht festlegen.

Bei seiner Vorstellung im Donaustädter Bezirksamt am Dienstag gibt sich der gebürtige Donaustädter generell zurückhaltend mit eigenen Visionen. Zu frisch ist noch sein Posten, zu groß die Lücke, die Scheed mit seinem plötzlichen Ableben hinterlässt - und bis zu den nächsten Gemeinderatswahlen ist es auch nicht mehr weit. Die Seestadt Aspern steht kurz davor, ihre ersten Bewohner zu empfangen - es gibt viel zu tun. Die Umgestaltung der Wagramer Straße ist in Planung, ebenso wie der Ausbau des Wienerwalds Nord-Ost. Nach Norbert Scheed soll das neue Waldstück benannt werden - geht es nach Wunsch von Bürgermeister Häupl.

"Messerstich-Ernstl"

Im Gemeinderat wirkte Nevrivy zuletzt für die SPÖ, nachdem er als stellvertretender Bezirksvorsteher unter Scheeds Vorgängerin Renate Winklbauer tätig war. Als "Messerstich-Ernstl" sorgte er dort 2012 für Schlagzeilen. Ein Spitzname, der ihn wohl so schnell nicht mehr verlassen wird. Als die Wiener FPÖ in einer plakativen Aktion Unterschriften gegen die Ausweitung der Parkpickerl-Zonen sammelte, wollte Nevrivy sichergehen und schnitt die Box mit den Unterschriften eigenhändig auf.

Projekt Wagramer Straße

Ob Nevrivy in seiner Amtszeit auch so viel Schneid zeigt, wird sich zeigen. Vorerst will er sich auf die Projekte seines Vorgängers konzentrieren. Als eines der nächsten Großprojekte nennt Nevrivy die Umgestaltung der Wagramer Straße: Kommenden Herbst wird der Architekturwettbewerb für die Straße abgeschlossen werden. Dann geht es an den Umbau. Schienenstraße ebnen, Platz für Schanigärten schaffen und die Straße für Geschäfte attraktiver gestalten - unter Beibehaltung zweier Fahrspuren für Autos. Denn, dass in der Donaustadt künftig nicht alle mit dem Rad fahren werden, müsse auch der Koalitionspartner einsehen, stichelt Nevrivy. Von Boulevardcharakter ist die Rede, eine gänzlich neue Flaniermeile soll es werden. Grau in grau gibt sich die Wagramer Straße bis jetzt. "Ich sehe mich schon gemütlich sitzend in einem der zahlreichen Cafés", gibt sich Nevrivy zuversichtlich. Bis dahin bleibt viel zu tun.