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Ein sorbischer Märtyrer

Von Wolfgang Bahr

Wissen

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Der Kaplan Alojs Andricki (1914-1943).
© Foto: Bistum Dresden-Meißen

Derartiges hatte Dresden noch nie gesehen: erstens eine Seligsprechung, zweitens die Seligsprechung eines Sorben und drittens die Teilnahme eines sächsischen Ministerpräsidenten, der selber bekennender Angehöriger der sorbischen Minderheit ist. Dabei hatte alles auch seine historische Berechtigung: Wiewohl ein Kernland der Reformation, hat Sachsen auch im Katholizismus eine Rolle gespielt, wovon die Hofkirche Zeugnis ablegt, vor der sich die Zeremonie abspielte - um Könige von Polen werden zu können, waren die sächsischen Kurfürsten zum Katholizismus übergetreten.

Sorbische Fürbitte

Die minoritäre Position der Katholiken spiegelte sich auch in den beiden religiösen Großereignissen wider, die heuer in Dresden kurz aufeinanderfolgten: Hatte der Evangelische Kirchentag 120.000 Dauerteilnehmer angelockt, so kamen zum Gottesdienst mit Kardinallegat Angelo Amato gerade 8.000, was der Festesfreude freilich keinen Abbruch tat.

Die Anwesenheit vieler Sorben, auch in bunten Trachten, erinnerte daran, dass das Siedlungsgebiet der Elbslawen einst weit in den Westen und Süden bis an die Saale gereicht hatte; Ortsnamen wie Leipzig, Meißen, Chemnitz oder auch Dresden (Drježdzany) zeigen das bis heute. Insofern war es gar nicht exotisch, dass Ministerpräsident Stanislaw Tillich (Stanisław Tilich) eine Fürbitte in sorbischer Sprache vortrug.

Sinnfällig war der Ort der Beatifikation auch im Hinblick auf ihr Subjekt. Alojs Andricki, am 2. Juli 1914 in Radibor (Radwor) geboren, hat sein Priesteramt keine zwei Jahre lang als Kaplan ausüben dürfen, und zwar an der Hofkirche, in der jetzt auch die Urne mit seiner Asche ihren Platz gefunden hat. Die Nationalsozialisten waren bestrebt, Alois Andritzki (so der eingedeutschte Name) von seinen entlang der polnischen Grenze siedelnden Volksgenossen fernzuhalten. Als Student hatte der junge Jesuit gegen den Versuch protestiert, die Sorben als deutschen Volksstamm zu deklarieren; die Primiz im Jahre 1939 hatte er demonstrativ mit einer sorbischen Messkomposition gefeiert und mit den Primizspenden hatte er ein sorbisches Gebetsbuch für die Jugend finanziert. Doch auch in Dresden kümmerte sich Alojs Andricki um die dort lebenden Sorben und organisierte geheime Wallfahrten nach Rosenthal (Rózant).

Tod im Lager

Ein erstes Verhör durch die Gestapo brachte ihm die als regimefeindlich aufgefasste Inszenierung eines Weihnachtsspiels ein. 1941 wurde Andricki wegen "heimtückischer Angriffe auf Staat und Partei" festgenommen und nach Dachau deportiert. Im Konzentrationslager bildete er zusammen mit anderen Geistlichen einen Bibelkreis, der sich dreimal in der Woche zum Bibelstudium und später auch zur Messfeier traf. Zu Weihnachten 1941 malte der auch künstlerisch Begabte für die Lagerkapelle ein Altarbild. Als der seelisch Unbeugsame an Typhus erkrankte und nach der Kommunion verlangte, wurde ihm stattdessen eine tödliche Giftspritze verabreicht. Noch keine 29 Jahre alt, verstarb Alojs Andricki fern der Heimat am 3. Februar 1943.

Nach dem Ende des Dritten Reiches war es vor allem die studentische Jugend, die das Andenken des Glaubenszeugen und "sorbischen Studenten" hochhielt (Andricki hatte kurzfristig auch die Zeitschrift "Serbski student" redigiert); sie war sich schon damals "bewusst, dass Alojs am Thron Gottes steht", so Chrysta Mekankowa (Christa Meschkank) in ihrem Artikel "Ein Leben für Kirche und Volk" in der sorbischen katholischen Kirchenzeitung "Katolski Posoł".

In der 1949 gegründeten DDR wurde Alojs Andricki zum Symbol des unerschrockenen Widerstandes, auch gegen den Kommunismus, der den Sorben zwar einerseits vergleichsweise große kulturelle Freiheit gewährte, sie andererseits aber auch knebelte und ihre Förderung als Feigenblatt des restriktiven Regimes benutzte.

Beispielsweise wurde das Sorbische Nationalensemble weit herumgereicht, Gastspiele in der unmittelbar benachbarten Tschechoslowakei hingegen waren unerwünscht. Für die katholischen Sorben der Oberlausitz war aber seit jeher Prag der wichtigste kulturelle Bezugspunkt gewesen; eine zweisprachige Gedenktafel am "Lausitzer Seminar", einem reizenden kleinen Barockpalais Ecke Meißner Gasse (Míenská) und U lužického semináře auf der Prager Kleinseite, erinnert daran, dass die Sorben hier sogar den ersten slawischen Studentenverein Böhmens gebildet hatten.

Trennungslinien

Nach dem Zerfall der Donaumonarchie gab es rund um Bautzen (das ist die heimliche Hauptstadt der sächsischen Sorben) ernsthafte Bestrebungen eines Anschlusses an die junge Tschechoslowakei. Diese Ambitionen waren freilich unrealistisch, war das sorbische Siedlungsgebiet doch längst von assimilierten Dörfern durchlöchert und waren die sorbischen Städte auch durch deutsche Zuwanderer germanisiert worden.

Ein bis heute bestehendes Problem ist die Existenz zweier sorbischer Schriftsprachen. Die Rechtschreibung der heute dominierenden Sprachgruppe in der Oberlausitz bei Bautzen (Budyin) orientiert sich stärker am Tschechischen, jene der kleineren in der Niederlausitz rund um Cottbus (Chosebuz) und im Spreewald stärker am Polnischen (die Niederlausitzer Sorben nennen sich auch gerne "Wenden").

Die Trennungslinie wird verschärft durch die nunmehrige Zugehörigkeit zu zwei Bundesländern - die Oberlausitz gehört zu Sachsen, die Niederlausitz zu Brandenburg -, hat aber auch eine konfessionelle Komponente - die Oberlausitz ist katholisch, die Niederlausitz evangelisch geprägt. Wobei die Entwicklung der sorbischen Schriftlichkeit im 16. Jahrhundert weitgehend eine Leistung der Reformation war.

Die Wende der Wenden

Der selige Alojs Andricki würde seine Heimat heute über weite Strecken nicht wiedererkennen; etliche Dörfer wurden zur Zeit der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik dem Kohletagbau geopfert und ihre Bewohner durch die Aussiedlung aus ihrem sorbischen Umfeld herausgerissen. Und während zur Zeit der DDR zumindest auf dem Papier Vollbeschäftigung herrschte, zwingt die gerade im Siedlungsgebiet der Wenden besonders spürbare wirtschaftliche Misere seit der Wende viele zur zumindest temporären Übersiedlung in die großen Städte. Das Eine wie das Andere ist für die ähnlich den burgenländischen Kroaten ländlich strukturierte Volksgruppe fatal.

Bei der letzten Volkszählung vor zehn Jahren bekannten sich noch rund 60.000 Menschen zum Sorbentum; Schätzungen gehen aber davon aus, dass nur mehr rund 20.000 das Sorbische im Alltag verwenden. Wird die nächste Volkszählung einen weiteren Rückgang sichtbar machen?

Die Seligsprechung eines Sorben - erfreulicherweise durch einen deutschen Papst - mag immerhin den Widerstand gegen die Assimilierung stärken, nicht zuletzt unter den sorbischen Katholiken, bei denen die Volksfrömmigkeit noch intakt ist wie kaum in einer anderen Region Deutschlands.

Wolfgang Bahr, geboren 1950 in Wien-Mödling, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien, Journalist, Übersetzer und Verlagslektor in Wien, Buchveröffentlichungen: "Graz - unsere Stadt", "Gott in den Alpen", "Tote auf Reisen".