Zum Hauptinhalt springen

Ein Strohhalm für die Häuslbauer

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft
Mit 1. Juli sollen strengere Regeln bei der Vergabe von Immobilienkrediten gelten.
© bilderbox.at

Bluff oder nicht? Schweizer überlegen, Franken an den Euro zu binden.
| Ab Eurokurs von 1,35 Franken würden viele Kreditnehmer pari aussteigen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Bern/Wien. Österreichische Häuslbauer hoffen seit Monaten auf eine Trendwende. Vergebens: Der Kurs des Schweizer Franken zum Euro steigt und steigt und steigt. Und damit auch die Schuldenlast der Hypothekenkredite, sofern diese in Franken aufgenommen wurden.
Österreichs Haushalte haben sich mit nicht weniger als 37,4 Milliarden Euro in der Schweizer Währung verschuldet. Die Zahl der Verträge wird auf 220.000 geschätzt – der Großteil ab Mitte der 1990er und mit Laufzeiten von 20 bis 30 Jahren. War der Kurs des Franken damals lange stabil, wird die Währung seit Ausbruch der Krise von nervösen Anlegern als sicherer Hafen gesucht.

Auf Kurs zur Parität
Das hat dramatische Folgen für den Wechselkurs: Zum Eurostart 1999 erhielt man für einen Euro 1,6 Franken. Vor wenigen Tagen wäre um ein Haar der Gleichstand erreicht worden – und ein Franken gleich viel wert wie der Euro.

Für die Kreditnehmer eine Katastrophe: Der Großteil hat sich bei Kursen von 1,50 oder 1,60 verschuldet. Damit erhöht sich die laufende Zinslast schlimmstenfalls um mehr als die Hälfte. Für viele sind damit die Grenzen der Belastbarkeit erreicht. Und obendrein sind zwei Drittel bis drei Viertel der Kredite endfällig – die Tilgungsträger, welche die Gesamtsumme zur Rückzahlung ansparen hätten sollen, bleiben durch Krise und Börsenkrach weit hinter der Planung zurück.
Schützenhilfe erhalten die geplagten Konsumenten nun von der Schweizer Nationalbank (SNB). Die Industrie der Eidgenossen klagt nämlich ebenfalls über den starken Franken, der die Exporte erstickt. Die Zentralbanker haben bereits alle Geldschleusen geöffnet, um die weitere Aufwertung zu bremsen.

Zweifel an Feuerkraft
Jetzt ließ SNB-Vize Thomas Jordan mit der Idee aufhorchen, die Schweiz könnte den Kurs vorübergehend an den Euro koppeln. Die Märkte reagierten sofort: Der Franken schwächte sich deutlich ab, ein Euro war wieder 1,1 Franken wert. Ob eine Bindung an den Euro zum Segen oder Fluch für die Frankenkredite würde, hinge vom Zielband der SNB ab. Bei einem Wechselkurs von 1,15 Franken, was manche Analysten für realistisch halten, würden die Verluste quasi festgeschrieben. Die Hoffnung der Häuslbauer, die Euroschwäche "durchtauchen" zu können, wäre dahin. Ab 1,35 Franken würde der Zinsvorteil den Wechselkursverlust für die meisten aufwiegen – sie stiegen unter dem Strich pari aus.

Juristen halten sogar für vorstellbar, dass die Geschäftsgrundlage der Kreditverträge anfechtbar werden könnte – schließlich hätten sich wesentliche Voraussetzungen geändert. In Bankkreisen sieht man dafür null Chance. "Eine Koppelung war in den 1990ern zwar nicht vorstellbar. In den Verträgen wird der Konsument aber klar auf das Währungs-, Zins- und Ansparrisiko hingewiesen", so ein Banker.

Allzu viel Hoffnung auf Erlösung durch Zentralbanker oder Richter sollten sich Kreditnehmer nicht machen: Viele Beobachter halten die Ansage der Schweizer Notenbanker für einen Bluff. Die SNB sei schon 2009 und 2010 damit gescheitert, die Aufwertung mit Währungskäufen zu bremsen und habe sich nur eine blutrote Bilanz eingehandelt.
"Wenn die Schweizer die Währung an den Euro koppeln wollen, werden sie das schaffen", sagt hingegen Hannes Androsch, Industrieller und Ex-Finanzminister. Die SNB müsse nicht am Devisenmarkt intervenieren, sondern könnte den Zufluss von ausländischem Geld limitieren oder Negativzinsen einführen. "Das würde den freien Kapitalverkehr reduzieren, wenn dieser offensichtlich defacto missbraucht wird."

Wissen: Österreich hat mit Währungsbindungen beste Erfahrungen gemacht: Ende der 1970er beschloss die Regierung, den Schilling-Kurs schrittweise eng an die D-Mark zu binden. "Die westdeutsche Ökonomie war die mit Abstand stärkste und preisstabilste, dadurch hat es sich angeboten, die D-Mark als Ankerwährung zu nutzen", sagt Hannes Androsch, von 1970 bis 1981 Finanzminister, zur "Wiener Zeitung". Freilich musste Österreichs Wirtschaft ähnlich stark werden wie die des großen Nachbarn. "Für uns hat das eine große Disziplinierung bedeutet: Wir konnten die Bindung der Währung nur halten, wenn wir wettbewerbsfähig werden und bleiben", so Androsch. "Es gab einen Deal mit der Gewerkschaft: Sie hat die Zurückhaltung bei den Löhnen akzeptiert, wir im Gegenzug die Stabilisierung der Vollbeschäftigung zugesichert." Damals war der Deal durchaus umstritten, erinnert sich Androsch: "Es gab Skeptiker, ob sich die Gewerkschaften daran halten." Heute steht außer Zweifel, dass Österreich von dieser Politik profitiert hat. Nicht zuletzt dank seiner soliden Historie besitzt das Land auf den Märkten großes Vertrauen und eine gute Kreditwürdigkeit. Ein wichtiger Faktor sei dabei freilich auch die Stärke der heimischen Exporte, betont Androsch: "Die gute Leistungsbilanz-Situation trägt das ihre bei. Österreich hat über die letzten 10 Jahre kumuliert einen Überschuss von mehr als 60 Milliarden Euro erwirtschaftet."