Ein Tiefschlag für die Medienlandschaft

Von Bundespräsident a. D. Dr. Heinz Fischer

Heinz Fischer bei der Blattkritik in der Redaktion der "Wiener Zeitung" im Mai 2017.
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Österreichs ehemaliger Bundespräsident und langjähriger Leser erweist der "Wiener Zeitung" seine letzte Reverenz.


Angesichts der Tatsache, dass die Regierung und die Mehrheit des Nationalrats dem Meinungspluralismus in der österreichischen Medienlandschaft einen Tiefschlag versetzt haben, indem sie der Printausgabe der "Wiener Zeitung" - also der ältesten Tageszeitung der Welt - durch Regierungs- und Parlamentsbeschluss das Lebenslicht ausgeblasen haben, hat mich die Redaktion der "Wiener Zeitung" eingeladen, einen kurzen Text unter dem Titel "Ich und die ‚Wiener Zeitung‘" zu schreiben.

In dieser Form kann ich das nicht, weil ich von meinen Eltern gelernt habe, dass man das "ich" nicht an die erste Stelle, sondern an die zweite Stelle setzt und das Objekt der Betrachtung - nämlich die "Wiener Zeitung" - nicht an die zweite, sondern an die erste Stelle. Also lautet mein Titel: "Die ,Wiener Zeitung‘ und ich". Und zu diesem Titel fällt mir spontan einiges ein.

Die "Wiener Zeitung" ist (und ab Juli muss man sagen: war) die älteste gedruckte Tageszeitung der Welt. Das allein ist schon außerordentlich eindrucksvoll. Wie würde man in anderen Ländern mit der ältesten Zeitung der Welt, mit dem ältesten Buch der Welt, mit dem ältesten Brief Maria Theresias oder der ältesten Briefmarke umgehen? Das haben sich die Akteure im Kampf gegen die "Wiener Zeitung" wohl nie überlegt, und das wollen sie auch nicht beantworten.

Bedrückend, schmerzhaftund inakzeptabel

Ihre Achtlosigkeit gegenüber historischer Kontinuität, die am Beispiel der "Wiener Zeitung" sichtbar wird, ist wirklich bedrückend, schmerzhaft und inakzeptabel. Dabei war man sich der großen Problematik dieser offenbar leichtfertig, trotz aller Warnungen - aber vielleicht mit einer ganz bestimmten Absicht - getroffenen Entscheidung durchaus bewusst. Denn man hat ja immer wieder behauptet, die "Wiener Zeitung" gehe ja gar nicht verloren, es handle sich ja nur um eine Umgestaltung, um eine Modernisierung der "Wiener Zeitung", um die Anwendung moderner Technologien.

Das "Umstellungsdatum" - nämlich der 1. Juli - ist zum Zeitpunkt, wo ich diese Zeilen schreibe, noch gar nicht erreicht, aber schon heute kann die Frage nach der "umgestalteten", der "modernisierten" "Wiener Zeitung" nicht befriedigend, beziehungsweise überhaupt nicht beantwortet werden. Das, was befriedigend wäre (nämlich eine modifizierte, modernisierte, aber weiter bestehende "Wiener Zeitung"), ist nicht wahr, und das, was wahr sein wird (nämlich ein großes Loch in der Medienlandschaft und eine große Anzahl gekündigter Journalistinnen und Journalisten), ist nicht befriedigend.

Ich habe die "Wiener Zeitung" schon als Jugendlicher in den 1950er Jahren kennengelernt und gelesen, weil mein Vater als Staatssekretär im Handelsministerium (1954 bis 1956) und dann als Sektionschef die "Wiener Zeitung" (neben anderen Zeitungen) fast täglich nach Hause gebracht hat. Etliche dieser Zeitungen mussten inzwischen ihr Erscheinen einstellen, aber die "Wiener Zeitung" ist geblieben. Sie war eine Konstante in der Zeitungslandschaft, und ich habe sie als Klubsekretär, als Klubobmann, als Wissenschaftsminister, als Nationalratspräsident, als Bundespräsident und auch in den vergangenen Jahren geschätzt und gelesen. Ich habe auch selbst manchmal Texte in der "Wiener Zeitung" veröffentlicht und damit zum Meinungspluralismus beitragen dürfen.

Es kann nicht gut bestellt sein um die Medienpolitik

Was sich die Abgeordneten zum Nationalrat gedacht haben, die diesem unabhängigen und sehr professionell gestalteten Printmedium bewusst und gezielt das Lebenslicht trotz aller Warnungen ausgeblasen haben, kann ich nicht nachvollziehen. Und dass diese Entscheidung zum Teil mit unrichtigen Argumenten oder Behauptungen begründet wurde, ist einerseits traurig und unwürdig, beweist aber andererseits, dass eine Begründung mit wahren und zutreffenden Argumenten nicht geliefert werden konnte. Es kann nicht gut bestellt sein um die Medienpolitik eines Landes, wenn man die Art und Weise beobachtet und verfolgt hat, wie man in Österreich mit der ältesten Tageszeitung der Welt umgeht beziehungsweise umgegangen ist.

Dennoch, oder gerade deshalb, möchte ich allen Redakteurinnen und Redakteuren der "Wiener Zeitung" herzlich danken, die in den vergangenen, besonders schwierigen Jahren an der Qualität, an der Objektivität und an der Aktualität dieser Tageszeitung hart gearbeitet haben, und gleichzeitig auch jenen Leserinnen und Lesern, die die "Wiener Zeitung" gelesen haben oder in ihr publiziert haben. Ich glaube zwar nicht an Wunder, aber es ist nie zu spät, einen großen Fehler zu erkennen und zu korrigieren.

Diesen Artikel finden Sie in Printform - ein letztes Mal - am 30.6. in Ihrer "Wiener Zeitung".