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Ein toter Künstler, der nie gelebt hat

Von Eva Stanzl

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Das renommierte Auktionshaus Sotheby’s London definiert die Versteigerung neu: Am 16. November kommt "eine von nur verbliebenen 18 Arbeiten des größten Künstlers, der nie gelebt hat" unter den Hammer. Seine Zeichnung "Bridge no. 114" schätzt das Haus dennoch auf einen Wert von 3000 bis 5000 Pfund. Denn der Preis von Kunstwerken hängt auch mit den Geschichten zusammen, die sie umranken. Der Expressionist Nat Tate ist nämlich selbst ein Kunstwerk - und eine Fälschung zugleich. Er ist die Erfindung des britischen Bestseller-Autors William Boyd, der ihn in einer "Biografie" verewigte. "Nat Tate: An American Artist 1928-1960" erzählt die tragische Lebensgeschichte des vermeintlich vergessenen New Yorker Expressionisten. Alte Fotografien von Flohmärkten, fiktive Galerien mit realen Adressen und sorgfältig ausgeführte Kunstwerke dokumentieren darin sein Wirken. Zum Erscheinungstermin gab der eingeweihte David Bowie eine Party, bei der er aus dem Buch vorlas und anmerkte, der Künstler habe kurz vor seinem Selbstmord nahezu sein gesamtes Werk verbrannt. Eine Reihe Prominenter meinte daraufhin, Tate gekannt zu haben. Die Enthüllung des Schwindels sorgte für einen Skandal. Nichtsdestotrotz: Die Legende lebt. Sogar die diesbezügliche Aussendung des Auktionshauses lässt für einen Moment den Verdacht aufkommen, es handle sich um eine fiktive Aussendung zu deren Stärkung. Dass dem nicht so sei, versichert Sothebys Wien. Immerhin würde der Erlös der "schrägen" Auktion für lebende Künstler in finanzieller Not gespendet - in echt.