Zum Hauptinhalt springen

Ein Wintersemester voller Baustellen

Von Bettina Figl

Politik

Keine Lösung zu Studiengebühren, Hochschulplan und Bildungsmilliarde. | Ein kleiner bildungspolitischer Überblick zu Semesterbeginn.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Am 1. Oktober startet das Wintersemester, und auf den ersten Blick ist alles wie immer: Studiengebühren werden nicht diskutiert, sondern die entsprechenden parteipolitischen Positionen einzementiert. Unterdessen hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Österreich eine extrem niedrige Akademikerquote bescheinigt (19 Prozent, der OECD-weite Durchschnitt liegt bei 30 Prozent). Doch statt das Angebot für Studierende auszubauen, steht ein erster Studiengang vor dem Aus. Um das zu verhindern, müsste massiv in die Hochschulen investiert werden - und das würde noch nichts verbessern, sondern einzig die Beibehaltung des Status Quo ermöglichen.

Die größten Baustellen der Hochschulen im Überblick:

Zusperren als Lösung? Als Heinz Engl, designierter Rektor der Universität Wien, erklärte, bei gleichbleibendem Budget könne er sich die Schließung einzelner Studienrichtungen vorstellen, schlug das hohe Wellen. Und schon im Wintersemester 2012/13 könnte es den ersten Studiengang treffen: Am Institut frü Internationale Entwicklung (IE) geht man davon aus, dass das Bachelorstudium nicht weitergeführt werden kann. Befürchtet wird, dass es in Zukunft ausschließlich einen neu zu schaffenden Masterstudiengang geben wird. Von allen Studien klafft das Betreuungsverhältnis bei IE am weitesten auseinander, das Rektorat spricht von "massiven Kapazitätsproblemen". Bis Ende des Jahres soll es eine Lösung geben. Am Institut ist man jedenfalls bestürzt: Seit zehn Jahren kämpfe man um Anerkennung der Studienrichtung, nun werde sie einfach "abgedreht", heißt es dort.

Studiengebühren:Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle sieht gute Chancen drauf, dass er Finanzministerin Maria Fekter für die neue Leistungsvereinbarungsperiode eine "Hochschulmilliarde" abringen kann. Schwieriger wird da schon die Umsetzung der Studiengebühren. Zwar wirbt er - wie bei der Sitzung im Nationalrat vergangene Woche - für sein Gebührenmodell (siehe Wissen), jedoch wahrscheinlich vergebens.

Zur Erinnerung: Der Verfassungsgerichtshof hat die 2008 beschlossene Studiengebühren-Regelung für verfassungswidrig erklärt, denn aufgrund der vielen Ausnahmeregelungen sei es nicht präzise genug, wann Gebühren zu bezahlen sind und wann nicht. Bis 29. Februar 2012 muss die Regierung das Gesetz reparieren. Tut sie das nicht, wird es gar keine Studiengebühren mehr geben, und derzeit sieht es ganz danach aus: Die SPÖ beharrt auf ihrem Nein zur Wiedereinführung der Gebühren. Und Töchterle will sein Gebührenmodell nicht ohne Zustimmung der SPÖ in Begutachtung schicken. Damit dürfte der Entwurf wohl in der Schublade liegen bleiben.

Hochschulplan:Schlankeres Gremium, bessere Zusammenarbeit zwischen Unis und Fachhochschulen: Bis Jahresende soll Töchterles Hochschulplan stehen, Anfang dieser Woche diskutierte er dazu mit Vertretern der Hochschulen und Ministerien. Dabei habe er auf die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) "vergessen", protestierte diese daraufhin. Töchterle beschwichtigte: "Selbstverständlich" werde die ÖH bei der Erarbeitung der Eckpunkte eingebunden. Die Hochschülerschaft bastelt derweil an einem eigenen, alternativen Plan, auch dieser soll bis Anfang 2012 stehen. Bis Mitte Dezember soll ein Zwischenbericht vorliegen, die Themen umfassen Finanzierung, soziale Absicherung, Qualität der Lehre, Wissenschaft und Forschung sowie Hochschulorganisation. Experten, Sozialpartner, vor allem aber Studenten und andere Angehörige der Universitäten - zum Beispiel die Lektoren - sollen sich einbringen.

Neue Studieneingangsphase:Um den Andrang der Studierenden planbarer zu machen, musste man sich heuer erstmals für das Studium voranmelden. Doch dieser Versuch ist fehlgeschlagen: Die Studierenden meldeten sich an, um auf Nummer sicher zu gehen. Aus dem Wissenschaftsministerium heißt es nun, die Voranmeldung werde es in dieser Form nicht mehr geben. Stattdessen ist eine vorgezogene Inskriptionsfrist angedacht, am 11. Oktober gibt es dazu Gespräche zwischen Universitätenkonferenz (uniko), ÖH und Wissenschaftsminister Töchterle.

Seit heuer gibt es die neue Studieneingangs- und Orientierungsphase (STEOP): Nur wer alle Prüfungen im ersten Semester besteht, darf weiterstudieren. Eine negative Note kann nur bei einem Zweitantritt ausgebessert werden - bisher waren bis zu vier Antritte möglich. Die Unis können aber autonom einen dritten Prüfungsantritt erlauben, was sieben der elf Unis tun. Die größte Uni des Landes - die Universität Wien - will sich erst in den kommenden Wochen auf eine Regelung festlegen.

Die neue STEOP gilt nicht für Studien mit Zugangsbeschränkungen (wie Psychologie oder Publizistik) oder Aufnahmeverfahren (wie Kunst oder Medizin). Ob die STEOP so praktikabel ist, wie erhofft, wird sich erst weisen. Die ÖH befürchtet, dass die STEOP nicht der Orientierung, "sondern dem Rausprüfen" dient.

Ab dem Wintersemester 2012 soll zudem eine Studienberatung vor Beginn es Studiums verpflichtend sein. Den entsprechenden Verordnungsentwurf des Ministeriums lehnen die Rektoren ab, weil damit die bereits stattfindende Beratung der Unis nicht berücksichtigt würde.

Bei all den Problemen könnte man meinen, im Uni-versum sei alles schlecht. Doch bei der Studienplatzfinanzierung nähern sich SPÖ und ÖVP einander an, und auch im internationalen Vergleich ist Österreich nicht überall so schlecht, wie gemeinhin behauptet wird. Das Studium der Internationalen Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuni Wien hat beim heurigen Ranking der "Financial Times" Platz 18 von 65 Wirtschaftsschulen in der ganzen Welt erreicht. Und auch die Mathematik der Uni Wien liegt im internationalen Vergleich auf dem 43., im deutschsprachigen Raum sogar auf dem 2. Platz nach der ETH Zürich.