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Eine gefährliche Falle

Von Alexander von der Decken

Gastkommentare
Alexander von der Decken ist freier Journalist, Publizist und Schriftsteller. Er hat Philosophie und Romanistik studiert und in Barcelona und Paris gelebt.

Die Welt befindet sich am Rande eines Glaubenskrieges ungeahnten Ausmaßes.


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US-Präsident Obama gesteht ein, die Gefahr unterschätzt zu haben, eine türkische Exklave in Syrien ist von IS-Dschihadisten umstellt. Ein Angriff wäre ein kriegerischer Akt gegen ein Nato-Mitgliedsland - der Bündnisfall wäre eingetreten, die Partner wären in der Pflicht. Vermutlich ist genau dies das Kalkül der IS-Führung, um die Karte eines weltumspannenden Dschihads ausspielen zu können. Der Westen sollte nicht in diese Falle gehen.

Die westlich geprägten Demokratien müssen sich endlich von der Vorstellung lösen, der Fixstern am Himmel der wettstreitenden Gesellschaftssysteme zu sein. Die Niederlage des Kommunismus wurde als qualitatives Update der kapitalistisch-freiheitlichen Welt gewertet. Der IS-Terror im Nahen Osten ist das Produkt genau dieser westlichen Selbstüberhöhung. Das archaische Vorgehen der IS-Dschihadisten in Syrien und im Irak unterscheidet sich nur punktuell vom High-Tech-Präzisionsbombardement der USA und ihrer Verbündeten. In den westlichen Machtzentren werden die IS-Enthauptungsvideos als besonders grauenhafte Taten angeprangert, doch der US-Überfall auf den Irak mit all dem Leid und Tod war eigentlich nicht minder grauenvoll. Und einen Superlativ von tot gibt es nicht.

Die USA, ihre arabischen Verbündeten sowie Frankreich und Großbritannien führen derzeit Luftschläge gegen die IS-Krieger. Dieses Vorgehen ist rechtlich umstritten. Aber, und das ist viel wichtiger: Es ist keine Lösung des Problems Terrorismus, der sich nach einer Niederlage unter neuem Namen einfach umorganisiert. Die Blut- und Glaubensrhetorik ist der Kleister ominöser Kalifatsträume. Die Seiten der Geschichtsbücher sind verklebt vom Blut historischer Eruptionen, ob nun im Namen des Glaubens oder des Öls. Im Schatten des Terrors geht es um die Erlangung von Macht, und zwar von weltlicher Macht. Das Vakuum, in das die IS-Dschihadisten in den umkämpften Gebieten stoßen, wurde vom Westen erzeugt. Die zögerliche Haltung gegenüber dem syrischen Despoten Bashar al-Assad hat zur Geburt des IS-Monsters geführt.

Reflexartig tut der Westen das, was er immer tut: Er bombt der vermeintlichen Freiheit den Weg. Doch die Idee der Freiheit saugt ihren Honig aus den unterschiedlichsten historischen und glaubensorientierten Quellen. Mittelalterliches Denken kann dabei auf die Vielfarbigkeit der Aufklärung stoßen. Der Respekt vor dem Faktischen ist entscheidend. Die Welt befindet sich bereits am Rande eines Glaubenskrieges ungeahnten Ausmaßes. Mittelalterlicher Religionspurismus steht gegen aufklärungsgeprägte Individualität. Nach der Dshihadisten-Formel heißt das: Glaube gegen Unglaube. Nach westlicher Interpretation: Rückständigkeit gegen Moderne.

Dem freiheitlichen Denken zufolge fehlen dem IS-Denken die sozial-historischen Updates, die die Freiheit ausmachen. Abhilfe kann nur eine Diplomatie durch den Zeittunnel schaffen. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich und immer noch besser, als abgeschnittene Köpfe zu präsentieren oder verstümmelte Bombentote zu hinterlassen. Ideen lassen sich nicht aus den Köpfen bomben, auch nicht, indem man sie abtrennt. Am Ende zahlen alle mit ihrer Freiheit.