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Eine "Kohlrouladen-Orthodoxie"?

Von Silviu Mihai

Politik
Der heilige Dimitrie Basarabova lockt die Massen aus den Dörfern Rumäniens.
© George "Poqe" Popescu

Kritiker monieren, dass soziale und Bauprojekte der Kirche steuerfinanziert sind.


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Im Morgengrauen bilden die Pilger eine Schlange, die auf dem Platz vor der weißen Kathedrale anfängt und bis zum Fuß des kleinen Hügels reicht. Menschen aus allen Ecken des Landes sind in die Hauptstadt angereist, sie warten ruhig in der frischen Herbstluft. "Der Heilige wird uns das ganze Jahr über segnen", erhofft sich Florica Badea, die über 400 Kilometer zurückgelegt hat, um wie immer an dem jährlichen Festtag von Dimitrie Basarabov, dem Schutzheiligen Bukarests, teilnehmen zu können. Wie die 67-jährige Frau aus einem Dorf in der Bukowina saßen manche Angereiste den ganzen Vortag im Zug und stellten sich bereits am Abend an. Viele beten jetzt mit leiser Stimme, Büchlein oder Gebetsschnur in der Hand.

Kurz nach Sonnenaufgang treten Messdiener aufs große Podest, das vor der Kirche thront. Sie decken die Tische, schmücken sie mit Blumen und hängen Ikonen an die Hinterwand. "Bald fängt der Morgengottesdienst an und dann, während der Liturgie, werden die Gebeine des Heiligen aus dem Altar herausgeholt", freut sich Florica Badea. "Das geschieht nur einmal im Jahr, und deshalb ist für uns dieser Tag, an dem wir die Reliquien verehren dürfen, ein ganz besonderer."

Volle Kirchen

Auch die Vertreter der Orthodoxen Kirche freuen sich über diesen Tag. Gläubigenschwund? Fehlanzeige! Vor allem in den Dörfern, wo fast die Hälfte der Bevölkerung Rumäniens lebt, können die Geistlichen nach wie vor problemlos viele Menschen in die Kirchen locken, und zwar nicht nur an großen Feiertagen, sondern an jedem Sonntag. "Nach 45 Jahren offiziellen Atheismus erlebte unsere Kirche nach der Wende eine wahre Auferstehung", sagt Vater Constantin Stoica, Pressesprecher des Patriarchats.

Die Zahlen scheinen in der Tat diese Aussage zu belegen. Laut jüngsten Umfragen geben 95 Prozent der Rumänen zu Protokoll, dass sie an Gott glauben, fast 85 Prozent erklären sich für orthodox. Auch die Popularität und das Vertrauen in die Orthodoxe Kirche bleiben mit über 60 Prozent hoch, obwohl diese Werte in den 1990er Jahren noch höher waren. "In der schmerzhaften Transition von einer sehr konservativen Form von Staatssozialismus zu einem System der deregulierten Marktwirtschaft hat die Kirche eine wichtige Rolle gespielt", erklärt Kultur- und Kultusminister Daniel Barbu, der früher an der Bukarester Universität Politologie unterrichtete. "Dabei übernahm die Kirche identitätsstiftende und soziale Aufgaben, die in den etablierten westlichen Demokratien Vorrechte des Staats sind."

Doch der Staat ist in Rumänien traditionell schwach. In den 1990er Jahren konnte er aus Geldmangel seine Kernfunktionen kaum erfüllen. Renten und Löhne im öffentlichen Sektor wurden verspätet gezahlt, Korruption zerstörte das Vertrauen in Justiz und Polizei, die Bürger fühlten sich im Stich gelassen. Perspektivlosigkeit und bittere Armut waren Konstanten der Lebenswelt vieler Rumänen bis kurz vor dem EU-Beitritt 2007. Auch in den Jahren danach blieb die Situation vor allem in Dörfern und Kleinstädten trotz des raschen Anstiegs der Einkommen kompliziert.

Das weltliche Werk floriert

Um die Armut einigermaßen zu lindern und die weitgehende Abwesenheit des Staates zu kompensieren, gründete das Patriarchat soziale Einrichtungen. Das weltliche Werk der Kirche floriert seitdem wie nie zuvor: Kinder- und Seniorenheime, Lebensmittelausgaben für die Bedürftigen, Kleidungssammelstellen für die Opfer von Hochwasser. "Nach der Wende zog sich der Staat aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens einfach zurück. Es galt und gilt heute noch eine strikte Marktideologie und eine Art Sozialdarwinismus, der die gegenwärtige Gesellschaft wesentlich prägt", sagt der linke Publizist und Blogger Costi Rogozanu. "Die sozialen Aufgaben des Staates blieben einfach jahrelang unerfüllt, und die Kirche sprang in diese Lücke ein. Doch ihr Werk ist weder systematisch noch nachhaltig, dafür aber sehr konservativ - und steuerfinanziert", kritisiert er.

"Populistisches" Christentum

Einerseits kann und soll die Kirche nicht die Rolle des Staates komplett und nachhaltig übernehmen, wie Rogozanu und andere Kritiker häufig betonen. Andererseits gilt vielen Traditionalisten in der Synode ein systematisches weltliches Engagement, das Autonomie von den missionarischen Aufgaben und vom liturgischen Leben genießt, als umstritten. Patriarch Daniel gilt als guter Manager und Vertreter der "liberalen" oder "weltlichen" Strömung, die in den letzten Jahren eine Mehrheit unter den Bischöfen gewonnen hat. Doch vor allem im klösterlichen Milieu wird diese "Verweltlichung" der Kirche kritisch beobachtet.

Liberale Theologen und religiöse Intellektuelle wie der ehemalige Außenminister Andrei Plesu stimmen hier mit ihren linken und weniger religiösen Kollegen überein: "Kirche und Staat, Kirche und Nation sind im heutigen Rumänien zu sehr miteinander vermischt", sagt Plesu. "Das ist nicht nur für den Staat und die Politik gefährlich, sondern unterstützt eine gewissermaßen zu volksnahe, ja populistische Version des Christentums, eine Kohlrouladen-Orthodoxie." Auch der Metropolit Serafim Joanta, seit den 1990er Jahren Erzbischof von München und zuständig für die orthodoxen Rumänen in Deutschland und Mitteleuropa, ist sich des Problems bewusst.

Pressesprecher Constantin Stoica spricht ungern über diesen strukturellen Konflikt. "Die Klöster sind das Rückgrat unserer Kirche. Jeder Bischof ist letztendlich ein Mönch und muss es auch bleiben. Es kann keine Abteilung der Kirche geben, in der das liturgische Leben plötzlich aufhört. Trotzdem müssen wir im Gegensatz zu den Pharisäern Verantwortung für unsere Nächsten übernehmen und Antworten auf die Herausforderungen von heute finden." Tatsächlich hat die Kirche versucht, auf ihre Art und Weise diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Für die Herde hat Patriarch Daniel einen Medienkonzern aufgebaut, Pilgerreisen im In- und Ausland werden organisiert und häufig auch über Reiseportale im Internet angeboten, damit auch ein junges Publikum erreicht werden kann.

Den Vorwurf, dass sie zu Zeiten von Sparmaßnahmen üppige Projekte betreibt, weist die Kirche zurück. "Wegen der Wirtschaftskrise kürzt die Regierung Löhne und Sozialleistungen, Krankenhäuser und Schulen werden geschlossen. Gelder für neue Kirchen aber gibt es immer: Insbesondere dann, wenn sich die Wahlen nähern", mokiert sich Publizist Rogozanu. "Und die Arbeiten an der neuen imposanten Kathedrale mitten in Bukarest laufen auf Hochtouren, während fast alle anderen Bauprojekte eingestellt wurden."

Die Vertreter der Synode betonen hingegen, dass die neu gebauten Kirchen immer voll sind. Doch die direkte Finanzierung der Kirche aus Steuergeldern bleibt umstritten, auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor gegen diese Lösung nichts einzuwenden hat.

Unaufgearbeitete Geschichte

Vor allem aber kritisieren viele liberale Autoren und auch manche Politiker die Positionen der Orthodoxen Kirche in wichtigen gesellschaftlichen Debatten. Zum einen vertritt das Patriarchat in Bukarest nach wie vor eine erzkonservative Stellung in vielen sozialen und politischen Fragen. Zum anderen lehnt das Patriarchat, so die liberale Kritik weiter, eine Aufarbeitung der unangenehmen Vergangenheit ab. Ähnlich wie in Bulgarien und Russland, und anders als in Polen und der DDR, gehörte die größte Kirche im Rumänien nicht zu den Kräften, die sich in den 1980er Jahren gegen das marode staatssozialistische Regime engagierten. Im Gegenteil: Als Ceausescu im Dezember 1989 beschloss, die Aufständischen mit Militärgewalt zu unterdrücken, schickte ihm der damalige Patriarch Teoctist ein schmeichelndes Gratulationstelegramm. Bis dato musste kein Bischof aufgrund seiner Zusammenarbeit mit der damaligen Geheimpolizei Securitate zurücktreten, obwohl es in vielen Fällen klare Beweise gibt, die mittlerweile der Presse zugespielt und veröffentlicht wurden.

Dass die Kirche trotz ihrer zahlreichen Probleme so populär bleibt, ist ein Rätsel für viele Beobachter. Zumal die massive Korruption, die Rumänien seit eh und je plagt, nicht Halt vor der Tür der Orthodoxie macht. Die plausibelste Erklärung, die den Hauptgrund in der Schwäche des Staats entdeckt, lässt viele Fragen offen. Mittel- bis langfristig müsste sich die Kirche grundsätzliche Frage stellen, denn die Modernisierung des Landes schreitet seit dem EU-Beitritt trotz Wirtschaftskrise voran. Rund drei Millionen Rumänen, ein Viertel aller Erwerbsfähigen, sind in den letzten zehn Jahren ausgewandert, sie leben und arbeiten in Westeuropa. Die Herde des Münchener Metropoliten Serafim Joanta wird dadurch immer größer. Spätestens mit der nächsten, teilweise in Italien, Spanien oder Deutschland geschulten Generation, kommt für die Orthodoxe Kirche ein Moment der Wahrheit.