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Eine Neuaufstellung mit der Abrissbirne

Von Gerhard Ruiss

Gerhard Ruiss beim Solidartätsabend für die "Wiener Zeitung".
© Robert Newald

Bei der angeblichen Nichtabschaffung der "Wiener Zeitung" streiten sich die Grünen mit der ÖVP, wer als Sargträger dem Leichenzug der Medien- und Meinungsvielfalt in Österreich vorangehen darf.


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Wer der Medienministerin von der ÖVP und der Mediensprecherin der Grünen bei ihren Ausführungen zur Neupositionierung der Wiener Zeitung zugehört hat, hat folgendes zu hören bekommen: Die "Wiener Zeitung" wird nicht abgeschafft, es ändert sich nur ihr Erscheinungsbild. Die Umgebung, in der sie nichtabgeschafft weiterbesteht, wird eine andere sein, jünger, digitaler. Sie wird sich weniger um Tagespolitik kümmern und mehr um Grundsätzliches sowie um den Nachwuchsjournalismus und den Kommunikationsbedarf der Regierung. Damit und mit einem zusätzlich zehnmal jährlich erscheinenden Magazin ist ihr Weiterbestand gesichert.

Das kann nur wer glauben, der nicht weiß, was eine Zeitung ist, wie eben die türkise Medienministerin Susanne Raab und die grüne Mediensprecherin Eva Blimlinger, die versucht haben, die Abschaffung der "Wiener Zeitung" als Fortsetzungsmodell der "Wiener Zeitung" zu verkaufen. So wurde Raab am 4. Jänner von der Austria Presse Agentur (APA) zitiert: "Die Zukunft des Medienmarkts ist das Digitale. Diesen Weg bestreitet die ‚Wiener Zeitung‘ nun auch." Die Zeitung solle so neue Lesergruppen erreichen und gleichzeitig werde die Traditionsmarke erhalten bleiben."

Und Blimlinger erklärte in einem Schreiben an die IG Autorinnen Autoren: "In welchem Zyklus die ‚Wiener Zeitung‘ in Print erscheint, stand schon bisher nicht im Gesetz. (...) Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass wir (...) darauf bestanden haben, (...) dass sie weiterhin in Print - zumindest zehnmal im Jahr - erscheinen muss. (...) Nun ist es aber so, dass das Angebot der ‚Wiener Zeitung‘ vor allem online ausgebaut werden wird - sie wird sich (...) neu positionieren und Informationen über zeitgeschichtliche und gegenwärtige Ereignisse (...) vermitteln. Zusätzlich wird die ‚Wiener Zeitung‘ (...) die Ausbildung von Nachwuchsjournalismus fördern, (...) userfreundlich (...) Verlautbarungen (...) anbieten und als Medienpartnerin für die öffentliche Hand und private Auftraggeber agieren." Soweit Blimlinger in ihrer Begeisterung über die Nichtabschaffung der "Wiener Zeitung".

Für das Feuilleton verschwindet eine der letzten Bastionen

Wem, wenn schon die "Wiener Zeitung" den beiden Regierungsparteien kein Anliegen ist, ist sie sonst ein Anliegen? Der Industriellenvereinigung? Wohl kaum. Der Wirtschaftskammer? Nicht anzunehmen. Dem Zeitungsherausgeberverband? Aus welchem Grund? Der Arbeiterkammer? Vielleicht. Der Gewerkschaft? Hoffentlich. Der Opposition? Ohne Erfolg. Dem eigenen Geschäftsführer? Ganz sicher nicht. Es kann also gar nicht mehr Gründe geben, die "Wiener Zeitung" unterstützen zu müssen.

Eine grüne Partei, die nicht um jeden Preis in der Regierung bleiben will, hätte das auch sofort erkannt. Inzwischen echauffiert sich ihre Sprecherin für weniger Bildung, weniger Wissenschaft und weniger Kultur in der Zeitungskonkurrenz am Beispiel der "Wiener Zeitung" jedoch bereits sogar darüber, dass man gar nichts mehr abschaffen kann, ohne dass sich sofort Widerstand dagegen regt. War das nicht irgendwann einmal eine Grundhaltung der Grünen, das Schützenswerte zu erhalten? Das ist aber schon lange her und nun streiten sich die Grünen mit der ÖVP darum, wer als Sargträger dem Leichenzug der Medien- und Meinungsvielfalt in Österreich vorangehen darf.

Mit dem Abgang der "Wiener Zeitung" verschwindet für das Feuilleton eine der letzten Bastionen. Für alles Geschäftsmäßige ist das egal, für die intellektuelle, kulturelle und wissenschaftliche Auseinandersetzung ist es eine Katastrophe. Um nicht weniger geht es. Und nicht weniger muss verhindert werden.•

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