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Eine toxische Mischung

Von Georg Cavallar

Gastkommentare
Georg Cavallar ist AHS-Lehrer, Dozent für Neuere Geschichte, Buchautor und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.
© privat

Die Morde von Buffalo und die "Theorie des großen Austausches".


US-Präsident Joe Biden sprach von einem "domestic terrorism", der die US-Demokratie gefährde. Bei seinem Besuch in Buffalo (US-Bundesstaat New York) verurteilte er die Ideologie der "White Supremacists", die das dortige Blutbad an zehn Menschen vor einer Woche mitverursacht habe. Der 18-jährige Todesschütze Payton Gendron hatte am 14. Mai bei einem Supermarkt dreizehn Menschen angeschossen, zehn davon tödlich. Er nahm die "Killing Spree" mit einer Kamera auf, postete einen Livestream, ließ sich nach der Tat festnehmen.

Die Polizei stellte Online-Material sicher, unter anderem offenbar ein 180-seitiges Manifest, das von ähnlichen Machwerken inspiriert ist und die "Theorie des großen Austausches" ("Great Replacement Theory") vertritt. Das Manifest, hauptsächlich ein Plagiat, enthält pseudowissenschaftliches, rassistisches und antisemitisches Material. Anregungen holte sich der Täter von "4chan", einem sogenannten Imageboard. In diesem Internet-Forum werden anonym vor allem Bilder und Texte ausgetauscht, und es ist Teil der Internet-Subkultur. "4chan" besteht aus etwa 80 Boards zu unterschiedlichen Themen; bedenklich ist das Subboard "/pol/" (für "politically incorrect"), das vor allem rechtsextreme Inhalte enthält. Hier hat sich der Täter radikalisiert, laut eigenen Angaben während der Corona-Lockdowns aufgrund "extremer Langeweile".

Die "Theorie des großen Austauschs" ist eine Verschwörungstheorie, die im US-Kontext behauptet, die Demokraten in den USA würden aktiv Einwanderung und hohe Geburtenraten unter den "farbigen" Bevölkerungsteilen begünstigen, damit allmählich die weiße republikanische Wählerschaft "ersetzt" werden könne. Sie geht auf den französischen Schriftsteller und Politiker Renaud Camus (geboren 1946) zurück, der den Front National, die Neue Rechte und die Identitäre Bewegung beeinflusst.

Camus hat sich von rassistisch motivierter Gewalt distanziert. Seine Kritiker werfen ihm jedoch vor, dass er mit seinen Texten implizit zur Gewalt aufrufe, da der "große Austausch" als existenzielle Bedrohung für die Weißen dargestellt werde. Diese Verschwörungstheorie hat auch in den USA Anklang gefunden, etwa bei Tucker Carlson, einem bekannten Moderator bei "Fox News", oder manchen Republikanern im Kongress.

Massenschießereien mit rassistischem Hintergrund gab es in den USA mehrere in den vergangenen Jahren: etwa in Charleston, El Paso oder Pittsburgh. Die Hintergründe sind vielfältig. Zunächst sind die demografischen Veränderungen in den USA zu nennen. Berechnungen zufolge wird der Anteil der Hispanics in den nächsten zehn Jahren auf mehr als 20 Prozent steigen, während der Anteil der Weißen bis 2045 unter 50 Prozent sinken dürfte. Da "Coloured People" in den USA tendenziell eher die Demokratische Partei wählen, haben die Republikaner langfristig ein demografisches Problem.

Neben der erwähnten rechten, rassistischen Ideologie ergeben weitere Faktoren in den USA eine brandgefährliche Mischung: Der freie Zugang zu Waffen hat dafür gesorgt, dass Statistiken zufolge Ankauf und Besitz von Waffen in privater Hand in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Zwischen 2000 und 2020 stellen Waffenfirmen etwa 140 Millionen Schusswaffen für den Binnenmarkt her. Weitere 71 Millionen wurden importiert (bei einer Bevölkerung von mehr als 300 Millionen). Dazu kommt eine unbekannte Zahl von nicht registrierten "Geisterwaffen".

Erschütternd ist auch die Zahl der Opfer. Im Jahr 2020 starben 45.000 Menschen an Schussverletzungen. Davon waren etwa 20.000 Tötungsdelikte mit Schusswaffen, der Rest waren Suizide. Das sind etwa 12 Tote pro 100.000 Einwohner (Deutschland: ein Toter). Und in den USA sterben mehr Kinder und Jugendliche durch Schusswaffengebrauch (mehr als 4.300 im Jahr 2020) als im Verkehr (3.900). Jahrelange Bemühungen der Demokraten um einen erschwerten Zugang zu Waffen wurden stets von republikanischer Seite - und der National Rifle Association (NRA) - blockiert.

Ein weiterer Faktor ist der Online-Rassismus in den Sozialen Medien. Der Attentäter von Buffalo berief sich wie bereits geschildert auf das rassistische Subboard "/pol/" von "4chan" im Internet. In seinen eigenen Texten schwadronierte er über den angeblichen "Genozid" an den Weißen: "White genocide is real when you look at data, but is not talked about on popular media outlets." In den USA gibt es kein Verbotsgesetz. Im Namen der "Freiheit der Rede" kann auch rassistische oder rechte Ideologie verbreitet werden, und von dieser Freiheit machen einschlägige Websites ausgiebig Gebrauch. "White supremacy is a poison", sagte US-Präsident Biden. Und er hat damit recht. Doch die große Frage lautet: Was genau kann dagegen getan werden?•