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Eine unerhörte Höflichkeit

Von Theodora Bauer

Gastkommentare
Theodora Bauer ist Schriftstellerin, Literaturpädagogin und Moderatorin.

Svenja Flaßpöhler befällt ein gewisses Unbehagen angesichts der MeToo-Debatte. Aber auch ihre Worte lösen ein gewisses Unbehagen aus.


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Im Grunde genommen ist es eine schöne Welt, die sich die deutsche Philosophin Svenja Flaßpöhler ausmalt, wie im "Wiener Zeitung"-Interview (am 7. November) nachzulesen war. Eine einfache Welt, in der die Dinge klar voneinander abgekoppelt sind, in der jedes für sich selbst steht, in der angewandtes Heldentum nicht nur möglich, sondern täglich nötig ist, vor allem, wenn man Frau ist. Die MeToo-Debatte, so Flaßpöhler, dränge Frauen in eine passive Rolle. Statt über erlittenes Unrecht zu klagen, das vielleicht gar kein Unrecht sei ("Unser Hauptproblem ist auch nicht die Hand auf dem Po in der Bahn"), solle sich Frau lieber zusammenreißen, wehren und in einer - zugegebenermaßen eigenartig ausgelegten - Form der Selbstverantwortung üben.

Frauen sind keine Opfer, wenn sie sich in einer unangenehmen Situation befinden, in der sie sich wehren hätten können, es aber nicht getan haben. In so einem Fall sind sie nach Flaßpöhler offensichtlich selbst schuld und feige obendrein. Wieso auch vom männlichen Gegenüber verlangen, gewisse Handlungen und Äußerungen zu unterlassen, wenn Frau doch dafür sorgen kann, dass sie selbst adäquat darauf reagiert? Flaßpöhler meint, die MeToo-Debatte reproduziere patriarchale Klischees. Wenn etwas ein patriarchales Klischee ist, dann das: Die Verantwortung für eine gedeihliche Ausgestaltung der Geschlechtsbeziehungen liegt bei der Frau, der Mann kann und darf sich ungezügelt verhalten, die Frau hat nein zu sagen, abzuwehren, in die Schranken zu weisen. Er drängt, sie bremst.

Was für eine Welt ist das, die Flaßpöhler sich da vorstellt? In jede soziale Interaktion in permanenter Angriffsstellung gehen, immer bereit, den entscheidenden Abwehrschlag zu setzen? Andauerndes Misstrauen? Kontinuierlich die Faust in der Tasche, bereit zum nächsten Rundumschlag? Ist es wirklich wünschenswert, dass in Geschlechterbeziehungen offensichtlich das Faustrecht gelten soll? Ich will nicht durchs Leben gehen in einer Welt, in der ich jede Minute damit rechnen kann, mich wieder selbst verteidigen zu müssen, da ich ja offenbar nicht von meinem Gegenüber zivilisiertes Verhalten einfordern darf.

Und darum geht es doch bei MeToo: um das Aushandeln einer neuen Form der Höflichkeit; um die Grenzziehung zwischen dem, was geht, und dem, was nicht mehr geht; um das Feststecken eines Rahmens für ein gedeihliches Miteinander. Es geht um die Reflexion der Wertigkeit der Geschlechter. Der vermeintlich so unübersichtliche Gegenstand von MeToo verweist nur darauf, dass Vergewaltigungen und schwere sexuelle Gewalt in einem von alltäglichen Sexismen durchzogenen Feld überhaupt erst möglich werden.

Ein blöder, sexistischer Schmäh und eine Vergewaltigung sind zwei grundverschiedene Dinge, aber sie werden von derselben tiefsitzenden Wurzel genährt. Es macht keinen Sinn, handfeste ökonomische Ungerechtigkeiten ohne kleine, alltägliche Herabwürdigungen im Umgangston zu reflektieren. Das eine bringt das andere hervor, und das gilt in beide Richtungen. Vielleicht ist die ökonomische Position von Frauen mittlerweile bloß so gefestigt, dass sie sich gewisse Dinge nicht mehr gefallen lassen (müssen).

Nebenbei bemerkt ist es beachtlich, dass Flaßpöhler eine Bewegung, in der sich Frauen auf der ganzen Welt zusammenschließen, um das Miteinander der Geschlechter aktiv mitzugestalten, als ein Zurückfallen in die Opferrolle definiert. Mir scheint, dass die Philosophin etwas Entscheidendes in ihren Ausführungen übersieht: MeToo ist ein Aufbegehren, Frauen wehren sich, indem sie anprangern, diskutieren, verändern. MeToo ist mitunter genau das, was Flaßpöhler fordert; nur wird der Wille zur Veränderung nicht in die persönliche Verantwortung des Einzelnen und damit aus dem Fokus der Öffentlichkeit geschoben. Denn Veränderung ist nicht durch individuelle Kamikaze-Akte möglich, sondern nur durch einen anderen Diskurs in der Vielheit, durch Solidarität. Aber darin ist die Bewegung offensichtlich einen Schritt weiter als die Philosophin.