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Eine zerbrechliche Partnerschaft im Krisengebiet

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Der pakistanische Geheimdienst ISI kooperiert in den Stammesgebieten eng mit der CIA. Immer noch sehen die Pakistaner aber in den USA einen unzuverlässigen Verbündeten.


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Die Zentrale des mächtigen pakistanischen Geheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI) befindet sich in einem schwarzgerippten Gebäude im Bezirk Aabpara in Pakistans Hauptstadt Islamabad. Das ISI, das misstrauische Pakistaner "die Burschen von Aabpara" nennen, spielt eine so große wie mysteriöse Rolle im Leben der Bevölkerung. Seine langen Arme reichen auch tief ins benachbarte Afghanistan.

Für mich öffnete man beim ISI letzte Woche den Schutzwall einen Spalt und ermöglichte mir ein langes und sehr lebhaftes Gespräch mit ISI-Chef Ahmed Shuja Pasha sowie ein ausführliches Briefing durch seine Terrorabwehrexperten. Ich darf Pasha nicht direkt zitieren, aber ich kann Ihnen einen Eindruck vermitteln, wie das ISI zu wichtigen Fragen steht.

Das ISI arbeitet eng mit der CIA zusammen: Fast jede Nacht werden in den Stammesgebieten Pakistans, der vielleicht gefährlichsten Region der Welt, gemeinsame Operationen gegen die Al-Kaida durchgeführt. Dennoch gibt es auf politischer Ebene Misstrauen von beiden Seiten. Die USA fürchten, dass das ISI Informationen über die aufständischen Taliban in Afghanistan zurückhält. Und die Pakistaner sehen in den USA einen unzuverlässigen Verbündeten, der Kriege beginnt, die er dann nicht beenden kann.

Die Diskussion um die neue Afghanistan-Strategie von US-General Stanley McChrystal ist eine harte Belastungsprobe für diese zerbrechliche Partnerschaft. Die ISI-Führung fürchtet ein Sicherheitsvakuum in Afghanistan, das Pakistan gefährden könnte. Aber gleichzeitig fürchtet man, dass eine Truppenaufstockung, wie die 40.000 zusätzlichen Soldaten, die McChrystal will, sich als kontraproduktiv erweisen könnte. Die USA sollten ihre Kriegsziele realistisch ins Auge fassen, heißt es beim ISI. Werde Sieg als Vernichtung der Taliban definiert, könnten die USA in Afghanistan niemals gewinnen. Aber Amerika könnte politische Stabilität erreichen - mit viel Geduld.

In den Augen des ISI machen die USA einen Fehler, wenn sie glauben, alle Probleme allein lösen zu müssen. In Afghanistan sollten sie mit Präsident Hamid Karzai zusammenarbeiten, der im Gegensatz zu den US-Strategen - trotz aller Fehler - etwas Wichtiges zu bieten hat: Er ist Afghane. Das ISI will den USA helfen, die politische Aussöhnung in Afghanistan voranzutreiben.

Allerdings müssten die USA, um dieses Ziel zu erreichen, ihre Haltung ändern: vom "Herrschermodus" zum "Unterstützermodus", damit auch afghanische Stimmen gehört werden können.

Der Verdacht, das ISI würde Informationen über die Taliban zurückhalten, führt bei der ISI-Führung zu einer sichtbaren Verärgerung. Gerade die Pakistaner, so die Argumentation des ISI, hätten am meisten durch einen Sieg der Taliban in Kabul zu verlieren, weil er unausweichlich die Taliban in Pakistan stärken würde.

Die Unterstellungen aus den USA, das ISI unterhalte direkte Kontakte zu Siraj Haqqani, einem zentralen Verbündeten der Taliban, weist die ISI-Führung zurück. Natürlich habe man Agenten in den einzelnen Stämmen und Rebellengruppierungen, aber das sei ein ganz normaler Teil der Geheimdienstarbeit. Der Verdacht der USA, Pakistan ziehe im Geheimen die Fäden im Netzwerk der Taliban, sei seit vielen Jahren obsolet, betont die ISI-Führung.

Am Ende des Briefings begann ein ISI-Mitarbeiter, die pakistanischen Terroropfer aufzuzählen: 5362 Tote und 10.483 Verletzte sind es seit den Terroranschlägen auf die USA vom 11. September 2001. "Sie können uns vertrauen", sagte ein anderer ISI-Mitarbeiter anschließend zu mir.

Die Gespräche mit der Führung des pakistanischen Geheimdienstes haben mich an etwas erinnert, was man heutzutage weltweit finden kann: Viele wollen die USA unterstützen, mehr als diese meist denken. Dafür wollen sie aber respektvoll behandelt werden - als Partner, nicht nur als nützliche CIA-Aktivposten.

Übersetzung: Redaktion