Einladung zum Welten-Tanz

Von Astrid Habiba Kreszmeier

Reflexionen
Diese Figur bzw. Figurine ist 7,2 cm groß, rund 37.000 Jahre alt, wurde 1988 in Stratzing (NÖ) entdeckt - und auf den Namen Fanny getauft.
© NHM, Wien

Welches Potential in der Fanny vom Galgenberg für unser Verständnis von prähistorischem Leben steckt. Eine Anregung.


Kennen Sie Fanny? Fanny vom Galgenberg? Falls nicht, dann geht es Ihnen so wie mir bis vor kurzem. Fanny hat es eben (noch) nicht geschafft, sich so markant in unserem kulturellen Gedächtnis einzunisten, wie das zum Beispiel ihrer jüngeren Schwester, der Venus von Willendorf, gelungen ist. Diese ist Ihnen vermutlich bekannt, jene birnenrundbrüstige Frauenfigurine, die nicht selten als ein Sinnbild für Weiblichkeit und Mütterlichkeit und - eingebettet in unsere Vorstellungen von Kulturen - auch für die Erde als "Mutter Erde" steht.

Anders Fanny: Sie zählt zwar gemeinsam mit der Venus vom Hohle Fels aus der Schwäbischen Alp zu den ältesten derzeit bekannten menschlichen Darstellungen, ist allerdings von ganz anderer Form. Sie ist eine Frauenfigurine, die in keiner Weise statisch auf Empfängnis und Fruchtbarkeit ausgerichtet ist, sondern eine dynamische, (sich) bewegende, ja tanzende, weibliche Gestalt darstellt.

Die Venus vom Hohle Fels in der Schwäbischen Alp.
© Ramessos, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Fanny vom Galgenberg wurde 1988 unter der Leitung der Archäologin Christine Neugebauer-Maresch auf dem Galgenberg in der Gemeinde Stratzing bei Krems in Niederösterreich entdeckt. Das Team der Archäologinnen gab ihr bezugnehmend auf eine andere eigenwillige Frauengeschichte, nämlich jene der österreichischen Ballerina Fanny Elssler (1810- 1884), den Namen Fanny.

Auch darin machten sie einen Unterschied: Ist es doch sonst üblich, alle Frauenfiguren als Venus des jeweiligen Fundortes zu bezeichnen, das heißt, sie unter ein einseitiges, wenngleich auf den ersten Blick schmeichelhaftes Göttinnenbild zu subsummieren.

Dynamische Skulptur

Diese bemerkenswerte 7,2 Zentimeter große, 37.000 Jahre alte Fanny, die im Wiener Naturhistorischen Museum gemeinsam mit anderen Venus-Kolleginnen bestaunt werden kann, hat ein Gesicht und einen Namen, hat Beine, Brüste und noch mehr. Sie ist keine Statuette, sondern eine dynamische Skulptur. Hier tanzt ein menschliches Wesen offenkundig mit der Welt. Von einer in unerschöpflich geduldige Fruchtbarkeit getränkten Mutter Erde kann hier nicht die Rede sein.

Denn so schön und gut gemeint die Mutter-Erde-Metapher auch sein mag, mit der Wertschätzung für das Mütterliche ist es freilich nicht weit her. Im Gegenteil. Die Geschichte lehrt uns, dass die Hochhaltung der "Mutter" oft unglücklich mit ihrer Ausbeutung verknüpft ist. Die Idealisierung der Mutterkraft diente nicht selten dem Aufbau und Erhalt politischer Ideologien, die primär an ihren Söhnen interessiert sind. Und wie wir weiters wissen, ist selbst das Interesse an den Söhnen mehrheitlich nicht von hehren Absichten gelenkt, werden diese doch in der Mehrzahl als billige Arbeitskräfte und Kämpfer gebraucht.

Das Weibliche auf das Mütterliche zu beschränken, es moralisch und praktisch dorthin zu verpflichten, ist eng verknüpft mit Herrschaftssystemen, die sich Hand in Hand mit patriarchal hierarchisierten Agrargesellschaften entwickelt haben. Die Venus als Sinnbild für Schönheit und Verführung spielt darin nur eine vorübergehende, ja vielleicht sogar ablenkende Rolle.

Jedenfalls ergeht es der "Mutter Erde" ähnlich. Auch sie hat zu dienen, zu geben und zu gebären, zu gefallen, zu lieben und zu ertragen. Auch sie ist ein Mittel zum Zweck, deren natürliche Ressourcen mit Geschick und Gewalt heraus gegraben, gebohrt, gesprengt und verheizt werden.

Es scheint mir sinnvoll, diese selbstverständlich gewordenen Vorstellungen und Verknüpfungen von der Venus (in vielerlei Gestalt) und der "Mutter Erde" mit anderen und neuen zu erweitern. Und dazu lädt Fanny ein.

Bewegte Welt

Der steinzeitliche Frauenfigurenfund fordert uns zu anderen Bildern heraus: zu anderen Vorstellungen darüber, wie wir Menschen uns in und mit der Welt bewegt haben und bewegen. Und auch, wie sich die Welt uns gegenüber verhalten hat und verhält.

Fanny erzählt von Bewegung in einer bewegten Welt. Ein Arm holt nach oben aus, ihre Beine haben Spiel, der ganze Körper ist in dynamischer Aufrichtung. Es braucht nur ein klein wenig körperliches Mit-Wahrnehmen, um das Potential der Bewegung in ihr zu erahnen, ja mitzuempfinden. Das ist ein interessanter Dialog, der auf diese Weise entstehen kann.

Allerdings gibt es im wissenschaftlichen Diskurs Uneinigkeit darüber, ob Fanny wirklich weiblich sei. Manche sehen in ihr angeblich einen keulenschwingenden Jäger. Mir scheint das sehr weit hergeholt, ja sogar absurd. Aber auch auf diese körperliche Mit-Erfahrung kann sich einlassen, wer will. Diese Fanny-These ist freilich nicht nur funny, sondern verrät einiges über die nach wie vor irrigen Vorstellungen prähistorischer Lebensweisen. Noch immer geistert die Idee der rohen, aggressiven, dummen, von dumpfen Trieben geleiteten Urmenschen herum und gestaltet Wahrnehmung und Interpretation von Forschern und Forscherinnen.

Dass der Urmensch primär männlich gedacht und imaginiert wird, davon zeugen die Bilder, die sich im Internet unter den Stichworten Homo sapiens, Homo erectus etc. abrufen lassen. Hier finden sich über viele Seiten ausschließlich männliche Wesen. So gesehen wird es nachvollziehbar, dass selbst Fanny zum Jägermann mutiert. Dass dieser allerdings in einer aggressiven oder verteidigenden, so oder so in einer kämpferischen Haltung gesehen werden muss, geht meiner Ansicht nach zu weit. Hier wird auch das Männliche gar verengend fixiert.

Aber zurück zur Bewegungsdynamik der Figurine namens Fanny und dazu, was ihre tänzerische Pose vom irdischen, prähistorischen Leben erzählen mag.

So ist möglicherweise die Erde hier nicht nur Gebärende, Gebende, Nährende, sie ist vielleicht eher Mittanzende, Weggestaltende, vielleicht Freundin, ja vielleicht sogar Liebhaberin? Und um einen noch gewagteren Gedanken anzustellen: Angenommen, die Erde wäre gar nicht nur weiblich - so wie Fanny ja auch nicht klassisch weiblich ist -, sondern auch ein mittanzender, weggestaltender Freund und Liebhaber?

Angenommen, der Planet Erde wäre weiblich und männlich, ein wenig mütterlich, ein wenig väterlich - und eben alles miteinander. Welche Art von Beziehungen hätten wir dann zu ihr, zu ihm? Was würden wir tun, was würden wir lassen? Welche Geschichten würden wir erzählen? Welches Geschichtsempfinden, welche historischen Story-Lines würden sich in den Schulbüchern niederschlagen? Wie würden wir uns als Menschen in all dem selbst empfinden und wahrnehmen? Also welche Art von Beziehung hätten wir dann zu uns selbst und zur Welt?

In dieser kleinen Fanny steckt also durchaus revolutionäres Potential. Revolutionär in jenem Sinn, als die Auseinandersetzung mit ihr dazu beitragen kann, beengende, beschränkende und destruktive Verhältnisse in "freiere", ja auch lebensfreundlichere zu verwandeln: für Frauen und Männer, aber auch für die Erde, also für die vielfältige Welt, in der wir leben.

Lern-Sparten

Um es salopper zu sagen: Wenn es Fanny gelänge, sich etwas prominenter in unsere gesellschafts- und umweltbildenden Wissenschaften und Einrichtungen hineinzutanzen, dann würde das vermutlich an einigen Stellen wünschenswerte Veränderungen und Lösungsbewegungen anstoßen. Ein willkommenes Moment also inmitten aktueller Weltenmomente, die zwischen dem Ringen um Wiederherstellung des ehemalig Normalen, der Befürchtung globaler Zerstörung und der Suche nach sinnhaften Erneuerungen pendeln.

All das genauer zu betrachten, führte hier zu weit. Lieber mag ich den Bogen zu Feldern spannen, in denen ich selbst seit knapp dreißig Jahren tätig bin, nämlich in Psychotherapie, Beratung und Pädagogik. Arbeitswelten und Institutionen also, die im weitesten Sinne "Lernen" ermöglichen wollen. Dabei mag es da-rum gehen, mit schwierigen, schmerzhaften, einschränkenden Lebens-Erfahrungen oder Wirklichkeiten einen guten (zumindest einen besseren) Umgang zu finden; darum, Handlungsspielräume für sich und die Systeme, an denen man teilhat, zu entwickeln; oder darum, fähig zu werden, andere Zusammenhänge zu erkennen und zu erschließen.

Die Venus von Willendorf.
© NHM

All diese Lern-Sparten sind zutiefst mit den gängigen kulturellen Bedingungen und letztlich auch (Macht-)Strukturen verbunden. Es gibt keine "reine" Psychologie, keine "reine Pädagogik", die sich an umwelt-unabhängige Individuen wenden kann, auch wenn die Vorstellung einer welt-unabhängigen Psyche weit verbreitet und offenbar mit unseren gegenwärtigen, politischen Lebensbedingungen und ihren Geschichten bestens kompatibel ist.

Immer spielen die kulturellen Glaubens- und Wissensstrukturen mit hinein, daher sitzt auch die Venus von Willendorf und (in wesentlich selteneren Fällen) die Fanny vom Galgenberg mit dabei. Moment, Fanny würde ja nicht sitzen, sondern tanzen. Wie schön.

Astrid Habiba Kreszmeier, geboren 1964 in Österreich, lebt als systemische Psychotherapeutin, Beraterin, Pädagogin und Autorin in der Schweiz. Leiterin des Instituts "nature & healing".

In ihrem neuen Buch, "Natur-Dialoge" (Verlag Carl-Auer, Heidelberg 2021), stellt sie den sympoietischen Ansatz in Therapie, Beratung und Pädagogik vor. Dieser Ansatz thematisiert die ökologische, d.h. die wechselseitige Verwobenheit von natürlichen und menschgemachten Wirklichkeiten. Einmalig ist dabei nicht nur der konsequente Blick auf die natürliche Umwelt, sondern vor allem der Einbezug der Welt der Dinge, die unsere menschliche Verfasstheit heute in hohem Maße mitprägen.

Im Umfeld von Buch und Verlag ist dieser begleitende Blog entstanden: https://www.carl-auer.de/magazin/wildes-weben

Das "Dissident Goddesses Network" diente der Autorin als Inspiration - siehe: http://www.tdgn.at/fullwidth-page/about/