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Eliten im Massenzeitalter oder wenn alle auserwählt sind

Von Judith Belfkih

Wissen
© stock.adobe.com/Orlando Florin Rosu

Sie stechen hervor, indem sie sich abheben von der Masse. Das eint Eliten von der Politik bis zum Sport. Was sie jedoch unterscheidet, ist ihr relatives Bezugssystem. Das macht sie zu gesellschaftlichen Sündenböcken - oder Hoffnungsträgern.


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Die Eliten sind schuld. Am Erstarken populistischer Bewegungen, an der Spaltung der Gesellschaft, an wachsenden sozialen Ungleichheiten - an der Finanzkrise sowieso. Sie sollen also abgelöst werden - von jenen, die es besser zu können meinen. Sind diese stürzenden Kritiker erst einmal selbst an der Spitze angekommen, werden sie selbst zur Elite. Und die Geschichte beginnt, sich in einer neuen Variation zu wiederholen.

Wer aber sind die Eliten, denen derzeit die Schuld an gesellschaftlichen Missständen zu geschrieben wird? Geschieht dies zu Recht? Und wer sind jene, die dabei sind, sich als neue Eliten in Position zu bringen? Das kommt ganz auf das Bezugssystem an, auf die Elite von allen anderen abhebenden Kriterien. Verändert man diesen Maßstab, kommt man schnell zu dem Schluss: Eliten, das sind heute vor allem eines - ziemlich viele. Wie unterschiedlich diese ausgeformt sind und wie breit gefächert sich das Konzept des Elitären anwenden lässt, um damit Gegenwartsanalyse, ja -kritik zu betreiben, das zeigten am Wochenende die Vorträge und Debatten beim Philosophicum Lech.

Ein soziologisches Phänomen einer "neuen Elite" umriss der Philosoph Alexander Grau. Neu an ihr sei, dass sie sich nicht mehr durch Reichtum oder Macht absetzten von anderen: Sie zeichne ein gemeinsamer Habitus aus, nicht die gemeinsame Herkunft. In Zeiten der Massengesellschaft trete auch die Elite massig auf und umfasse knapp 30 Prozent der Bevölkerung. Diese Gruppe beansprucht für sich, so Grau, die "Exekutive der Moderne zu sein", die "Speerspitze des Fortschritts". Global mehr vernetzt als lokal, definiert sich diese Elite über moralische Überlegenheit: "Elite zu sein, wird zur Gesinnungs- und Lifestylefrage." Ihre Merkmale sind Offenheit, Interaktivität und Kreativität - für den Publizisten alles moralische Kategorien: "Sie erheben sich und ihre Lebenswelten zur moralischen Instanz."

Definiert und gelebt wird diese Moral - vor allem - über Konsum. Dass dadurch vormals banale Kaufentscheidungen aufgeladen werden mit moralischen Urteilen, prangert an dieser neuen Klasse auch Kulturwissenschafter Wolfgang Ullrich an. Wer es nicht versteht, die eigenen Werte durch sein Handeln zu untermauern, der erwirbt seinen Wertekanon einfach käuflich und inszeniert ihn sozial-medial. Mit bester Absicht freilich, denn mit dem Fair-Trade-Sneaker lässt sich soziale Verantwortung erwerben, mit dem handgemachten Paar Turnschuhe regionale Verbundenheit demonstrieren, mit dem veganen Schuh gleichzeitig das Klima retten und Tierschutz demonstrieren. "Konsum", so Ullrichs pointierte Analyse, wird damit "zur Wertedistinktion". Diese Form der moralischen Überlegenheit muss man sich leisten können - in ganz banal finanzieller Hinsicht. Wer das nicht kann, ist von dieser neuen Elite ausgeschlossen; dem bleibt ein moralisch einwandfreies Leben versagt. Letztlich ist dieses moralisierende Elitenkonzept also das Kind einer ziemlich unmoralischen Liaison.

Wolfgang Müller-Funk beleuchtete ideengeschichtlich jene Mechanismen näher, die dazu führen, dass Gesellschaften dazu tendieren, immer wieder neue Formen der Exklusivität zu erzeugen. Was moderne Eliten dabei von historischen unterscheidet: Sie "bedürfen einer demokratischen Legitimierung". Das birgt die Gefahr, von jenen, die diese Distinktion ausschließt, hinweggefegt zu werden: "Oben ankommen wollen irgendwie alle." Doch bleibt es fast allen verwehrt.

Enger und konkreter fasste Elite der Soziologe Michael Hartmann, der eindrucksvoll zeigte und mit Zahlen belegte, wie eine immer enger verwobene Wirtschafts- und Politikelite dafür gesorgt hat, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich in Europa und den USA massiv vertieft hat. Verstärkt wird dieser Effekt nicht nur durch das Argument des freien Marktes, sondern durch die Tatsache, dass die politische Elite heute vermehrt selbst aus der Oberschicht stammt und daher - mitunter unbewusst - politische Entscheidungen zum eigenen Vorteil trifft. Das schaffe, so Hartmann, durch wachsende soziale Unzufriedenheit den Nährboden für Populisten und gefährde letztlich die Stabilität der Demokratie. Gegenzusteuern sei hier nur durch eine Politik, die an dem realen Kern der Elitenkritik der Populisten ansetzt und soziale Unausgewogenheiten ausgleicht.

Mit einer fundamentalen Reichtumskritik schloss sich hier der Philosoph Christian Neuhäuser an. Der sich explosionsartig vermehrende Reichtum beruhe neben Leistung immer auf persönlichem Glück, sei also nicht wirklich "verdient". Auf der andern Seite der Skala können sich immer weniger Menschen ein Leben in Würde finanziell leisten. Da Würde die Kategorie der Leistung moralisch aussticht, sei "würdeschädigender Reichtum nie verdient". Reichtum, so seine Analyse, ist "das Resultat von Steuerungsmängeln unfairer wirtschaftlicher Kooperation". Diese wachsenden Machtungleichgewichte müsse eine Politik im wahrsten Wortsinn steuern - und die Reichen kräftig besteuern.

Konrad Paul Liessmann, wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech, widmete sich der aktuellen Elitendebatte pointiert philosophisch. Dabei verwies er auf einen generellen Widerspruch: Postuliert eine Elite die demokratische Gleichheit ihrer Bürgerinnen und Bürger - so untergräbt sie selbst die eigene Legitimation als Elite. "Eine Auslese, die dazu führt, dass alle auserlesen sind, ist keine Auslese. Elite als soziale Kategorie ist nicht demokratisierbar." Mit diesem grundlegenden Widerspruch von Demokratie und Elite beschäftigte sich auch die Philosophin Isolde Charim. Sie attestierte gegenwärtigen Eliten nicht nur, die Demokratie selbst auszuhöhlen. Mehr noch: Die politische Elite löse ihre Repräsentationsaufgabe nicht mehr ein. Das liegt, so Charim, auch daran, dass es jenes gesellschaftliche Ganze nicht mehr gebe, das es zu repräsentieren gelte. Politiker werden von Repräsentanten zu Identifikationsfiguren. Das dadurch klaffende "Repräsentationsloch", das bestimmte Gruppen ausschließt aus dem politischen Diskurs, gelte es zu schließen, neue Bindungen zwischen Volk und Herrschaft herzustellen.

Poetisch aus diesen machtpolitischen und soziologischen Konzepten gefallen wirkte da der Beitrag von Wolfram Eilenberger. Er erinnerte an das philosophische Konzept von Elite als Idee der innerpersönlichen moralischen Absolutheit im Werk der Philosophin Ayn Rend. Als herausragende Exzellenzwächter aller Gesellschaftsgruppen zeichnete er die damit gemeinte Elite als "unbestechlich, im besten Sinne asozial". Diesen Menschen gelänge es in ihrem Denken und Tun, sich kompromisslos "der besseren Version seiner selbst und nicht den Anerkennungssüchten hinzugeben", also nicht den "sozialen Selbstuntergrabungsmechanismen" zu erliegen. Ein Konzept, das wunderbar in unsere Zeit passt, wird damit doch Elite zur radikalsten Form des mündigen Individualismus: Elitäre Menschen "streben nicht die soziale Macht" (über andere) an, sondern "die Macht über sich selbst".

Mit dem Thema des kommenden Jahres dürfte sich diese der eigenen Wahrheit verpflichteten, moralisch höchst integere geistige Elite nicht besonders wiederfinden. Das Philosophicum 2020 beschäftigt sich unter dem Titel "Als ob" mit der "Kraft der Fiktion".