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Elternlos und doch nicht verwaist

Von Martyna Czarnowska

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Monika war nicht einmal drei Jahre alt, als Ivelina Ivanova sie zum ersten Mal sah. Sie ist ein hübsches Kind, mit blondem Haar und grünen Augen - wie ihr Großvater. Und nun darf sie auch wieder bei ihren Großeltern leben.


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Die Sozialarbeiterin Ivelina Ivanova hat Monikas Familie durch ihre Arbeit in einem Krisenzentrum für Kinder und Familien in der ostbulgarischen Stadt Schumen kennen gelernt. Monikas schizophrene Mutter konnte sich nicht um das Kind kümmern, also nahmen die Großeltern das Mädchen nach der Geburt zu sich. Doch als das Baby sechs Monate alt war, musste es ins Spital. Der behandelnde Arzt sagte, das Kind würde für immer schwächlich bleiben - und wäre in einem Erziehungsheim besser aufgehoben. Die Großeltern, ältere Menschen mit einem Einkommen von nicht einmal hundert Euro, ließen sich einschüchtern. Sie gaben Monika weg, besuchten sie aber jede Woche in der Anstalt.

Zwei Jahre später wurde die Sozialarbeiterin Ivanova auf den Fall aufmerksam. Zunächst sah es so aus, als ob die Großeltern Monika nicht zurückhaben wollten. Sie seien zu alt, zu krank, zu arm, argumentierten sie. Sie wussten nicht, an wen sie sich um Hilfe wenden sollten. Monatelang besuchte Ivanova das Ehepaar, beobachtete und ermutigte es. Die nächsten Zweifel kamen, als die Großeltern erfuhren, wieviel Sozialhilfe sie bekommen würden: rund 18 Euro im Monat. Dennoch entschlossen sie sich, ihre Enkelin wieder zu sich zu nehmen. Sie organisierten alle notwendigen Dokumente, nahmen alle Behördenwege auf sich. Monika ist jetzt dreieinhalb Jahre alt und ein gesundes Mädchen.

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An die 20.000 Kinder und Jugendliche sind in Bulgarien - einem Land mit knapp acht Millionen Einwohnern - in Erziehungsheimen untergebracht. Waisen sind vielleicht fünf Prozent von ihnen. Die meisten haben Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern wollen oder können, aber sie nicht zur Adoption freigeben. Die Anstalten werden von nationalen und lokalen Behörden finanziert und sind daher nicht unbedingt daran interessiert, die Zahl ihrer Klienten zu reduzieren.

"In den Erziehungsheimen werden die Kinder gefüttert und angezogen, aber niemand nimmt sie in den Arm, spielt und lernt mit ihnen", erzählt Diana Nincheva, die Direktorin des Krisenzentrums in Schumen. In Bulgarien gibt es zehn solcher Einrichtungen, gemeinsam mit nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) bemühen sie sich darum, Kinder und Jugendliche aus Anstalten wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Manchmal sind es Sachen wie Bügeln oder eine Waschmaschine bedienen, die die Jugendlichen lernen müssen - ebenso wie Bewerbungen schreiben. Andere Kinder brauchen Nachhilfe, um nicht von der Schule gewiesen zu werden, wieder andere einen Aufenthaltsort, um sich nicht auf der Straße herumtreiben zu müssen. Im Krisenzentrum gibt es daher Räume zum Spielen und Lernen sowie Betten für Mütter mit Kleinkindern in Notsituationen.

Das Team ist gemischt wie die Klienten, die es betreut: Bulgarinnen arbeiten dort genauso wie Türken und Roma. Sie kümmern sich nicht nur um die Kinder sondern auch oft um deren Eltern. Finanziert wurde die Einrichtung ein Jahr lang von Sponsoren wie der Weltbank, nun hat die bulgarische Regierung den Großteil der Kosten übernommen. An die 600.000 Euro sind bisher in das Projekt geflossen.

Ein weiteres Anliegen ist den NGOs die Etablierung eines Pflegeeltern-Systems. "An Erziehungsheimen mangelt es in Bulgarien nicht, was fehlt ist individuelle Pflege", sagt Direktorin Nincheva. Allein in der 90.000-Einwohner-Stadt Schumen gebe es drei Anstalten für 250 Kinder und Jugendliche. Aber Pflegefamilien gebe es nur zwei. Im ganzen Land sind es nicht einmal 70. Dabei, findet Nincheva, wären Kinder in Familien besser als in Erziehungsheimen aufgehoben - selbst wenn es nicht die eigenen Eltern seien.