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Empört über Islamverdächtigungen

Von Stefan Beig

Europaarchiv

Das Drama von Oslo bewegt auch die islamische Welt. | Politische und religiöse Vertreter verurteilen Anschlag.


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Wien. Terrorismus ist kein islamisches Phänomen - das ist ein Haupttenor vieler Medien in islamischen Ländern nach dem Attentat von Oslo. Während Politiker in der Türkei und im arabischen Raum den Anschlag verurteilen und ihre Anteilnahme mit den Opfern bekunden, sind einige Kommentatoren empört über die vorschnellen Mutmaßungen, Islamisten seien hinter dem Anschlag gesteckt.

„Wir waren erschüttert über den auf Al-Kaida, den Nahen Osten, Araber und Muslime gerichteten Zeigefinger, noch bevor sich der Rauch der Explosion verzog”, schreibt der Kolumnist Urayb al-Rintawi von der jordanischen Tageszeitung „Al-Dustur” und betont: „Terror kennt keine Religion, Rasse, Farbe oder Ethnie.” Das sieht auch Ra’uf Shuhuri von der libanesischen Zeitung „Al-Anwar” so: „Nach dem norwegischen Massaker und dem Bombenanschlag von Oklahoma ist klar, dass sich Fanatismus unter jedem religiösen Deckmantel - ob islamisch, christlich oder jüdisch - äußern kann.” „Al-Bayan”, eine Tageszeitung in den Vereinigten Arabischen Emiraten, meint, Europas Staaten sollten ihre Medienpolitik und Lehrpläne überdenken, um „Texte zu entfernen, die zu Hass gegen Andere aufrufen”.

Die Berichterstattung der großen arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera und Al-Arabiya orientierte sich an den internationalen Nachrichtenagenturen. Das Hauptthema ist das Blutbad von Oslo dort nicht. Es wird vom „Arabischen Frühling” in Libyen und Syrien verdrängt. Reißerische Meldungen befinden sich dafür in zahlreichen kleineren arabischen Zeitschriften und Internetseiten, die davon berichten, dass nun der christliche Terror ganz Europa bedroht.

Heftiger geht es auch im Internet zu. In den Postings zu den Berichten über Oslo erklären Internetsurfer, der islamische Terror sei nun zu Ende oder „Das ist der Beginn des christlichen Terrors”. Andere Kommentare wiederum verdächtigen andere Kräfte hinter dem Anschlag, unter anderem den Mossad, Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi oder Syrien.

„Glück für Pakistan, dass es ein Christ war”

In Pakistan, einem Land, dem die USA zu wenig Maßnahmen gegen den Terror vorgeworfen haben, bleiben die Ereignisse ebenfalls nicht unkommentiert. Die Tageszeitung „Pakistan Observer” bezeichnet es als „Glück” für Pakistan und die restliche islamische Welt, dass der Attentäter ein christlicher Extremist” war. Hätte er eine muslimische Identität gehabt, wäre das nun ein weiterer Vorwand für die Alliierten der USA gewesen, die islamischen Länder mit Propandatiraden zurückzudrängen.

Die „norwegische Tragödie öffnet der sogenannten zivilisierten westlichen Gesellschaft die Augen”, meint die pakistanische Tageszeitung „Nawa-i-Waq”. Was auch immer der Hintergrund des Attentats sei, es zeige, dass es extremistische Elemente in anderen Religionen gebe, „besonders bei Hindus und Christen, die keine Hemmungen haben, den Weltfrieden für ihre religiösen Ziele zu zerstören”. Im Iran meldete sich umgehend der Kommentator Banafsheh Gholami zu Wort und stellte die Rechtsextremisten von Europa mit Al-Kaida gleich: „Ihre in Norwegen zutage getretenen Taktiken unterscheiden sich in ihrem Wesen nicht von den Attentaten Al-Kaidas.”

Auch türkische Medien widmeten sich dem ideologischen Weltbild des Attentäters, kritisierten die vorschnelle Verurteilung der Muslime und fragten, ob eine giftige Atmosphäre in Europa diesen Anschlag verursacht habe. In „Zaman” hält es ein Kommentator für nicht verwunderlich, dass so ein Attentat in Europa geschah. Er bezeichnet die 1516 Seiten lange Schrift des Attentäters als „Kreuzritter-Manifest”. Der Kolumnist Umur Talo unterstellt Norwegen in der Zeitung „Habertürk” „Doppelmoral”, weil es den eigenen Terrorismus bekämpfe, gleichzeitig aber Waffen an die kurdische PKK liefere.

Zurückhaltende Töne kamen von Politikern in der islamischen Welt. Staatsmänner wie etwa der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan oder der ägyptische Premierminister Essam Sharaf haben gegenüber ihrem norwegischen Amtskollegen Jens Stontenberg ihr Mitgefühl mit der norwegischen Bevölkerung zum Ausdruck gebracht. Scharfe Verurteilungen des Attentats und Solidaritätserklärungen mit den Opfern kamen auch von Ekmeleddin Ihsanoglu, dem Generalsekretär der 57 Staaten umfassenden Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), und von der Al-Azhar-Universität, der wichtigste Institution des sunnitischen Islam.

In Norwegen beteiligten sich unterdessen zahlreiche Muslime am Blütenmeer, in das sich der Platz vor der Osloer Kathedrale in den vergangenen Tagen verwandelt hat. Rund zwei Prozent der Norweger gehören dem Islam an.