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Ende des nationalen Arbeitsmarkts

Von Simon Rosner

Politik

Der Binnenarbeitsmarkt hat Österreich verändert. EU-Migranten sorgten für eine hohe Dynamik - mit Vor- und Nachteilen.


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Wien. Im Jahr 2011 schien sich das Burgenland auf einmal aus dem Stellenanzeiger des Arbeitsmarktservice (AMS) zu verabschieden. Der heimischen Wirtschaft ging es damals deutlich besser als jetzt, dennoch wurden kaum freie Stellen gemeldet. Die Erklärung für das regionale Ereignis fand sich in einem europapolitischen: der kompletten Öffnung des Arbeitsmarktes für die Beitrittsstaaten von 2004, darunter Ungarn und die Slowakei.

Spätestens mit 2011 kann man von einer echten Zeitenwende für den österreichischen Arbeitsmarkt sprechen, tatsächlich aber war es wohl eine schleichende Veränderung, die schon Jahre davor mit einem immer größer werdenden Zuzug von deutschen Arbeitskräften zu bemerken war. "Bis zum Jahr 2007 gab es mehr Österreicher, die in Deutschland gearbeitet haben, als umgekehrt", erzählt Johannes Kopf, Vorstand des AMS. Heute hat sich das Verhältnis gedreht. Es arbeiten doppelt so viele Deutsche in Österreich als Österreicher in Deutschland. Das AMS meldete für das Vorjahr rund 90.000 deutsche Beschäftigte, weitere 10.000 kommen als arbeitssuchend hinzu.

Es ist eine Besonderheit der Gegenwart, dass seit Jahren sowohl die Beschäftigung als auch die Arbeitslosigkeit in Österreich steigen. Es werden also beständig neue Jobs geschaffen, aber eben nicht so viele, wie Arbeitskräfte den Markt entern. "Es stimmt die alte Formel nicht mehr, dass ab zwei Prozent Wirtschaftswachstum die Arbeitslosigkeit sinkt", sagt AMS-Chef Kopf. Zwar bewegt sich mittlerweile auch die Konjunktur nicht mehr in diesen Bereichen, doch selbst eine bessere Wirtschaftslage bedeutet heute nicht mehr automatisch, dass die Arbeitslosigkeit auch signifikant schrumpfen wird. Es hängt auch vom Arbeitskräfteangebot ab.

Verdrängungen auf dem Arbeitsmarkt

Es ist eine Entwicklung, die den heimischen Arbeitsmarkt sehr nachhaltig verändert hat. Die Daten legen nahe, dass es in manchen Bereichen zu Verdrängungen gekommen ist. Besserqualifizierte haben Niedrigqualifizierte abgelöst, Arbeitsmigranten aus EU-Ländern alteingesessene Gastarbeiter. Zahlen des AMS zeigen, dass seit 2008 zwar überall die Arbeitslosenquote gestiegen ist, besonders betroffen waren allerdings türkische Arbeitnehmer. Hier ist mittlerweile jeder Fünfte arbeitslos gemeldet, vor sieben Jahren war es noch einer von zehn. Auch bei der Gruppe der Kroaten in Österreich ist die Arbeitslosigkeit ähnlich hoch. "Inländer sind gar nicht so betroffen", sagt Peter Huber, Ökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

Generell hat die Dynamik merklich zugenommen, was sich auch an sich verändernden Erwerbsbiografien zeigt. Immer wieder gibt es Phasen der Arbeitslosigkeit - und das nicht nur im saisonlastigen Tourismus und dem Baugewerbe. Es ist ein genereller Trend.

Diese Umschlagdynamik, dass ständig neue Arbeitskräfte in den Markt eintreten, während andere ihn wieder verlassen, hat verschiedene Folgen. Offenbar führt es dazu, dass sich Langzeitarbeitslosigkeit tendenziell noch stärker verfestigt. Eine zweite Konsequenz betrifft die Arbeitslosenversicherung. Es ist etwas anderes, wenn vier Personen hintereinander für je ein Jahr eine Stelle besetzen oder ein Arbeitnehmer den selben Posten vier Jahre lang hält. Eine dritte Auswirkung betrifft die Löhne, wie Ökonom Huber vermutet. Die fast flächendeckenden Kollektivverträge erschweren in Österreich zwar Lohndumping, "aber Gehälter über dem Kollektivvertrag finden kaum mehr statt", sagt Huber.

Was bedeutet es nun, wenn der Arbeitsmarkt in Österreich einerseits einen starken Magnetismus ausübt, andererseits die Erwerbszeiten immer wieder von Phasen der Arbeitslosigkeit unterbrochen werden? Gehen die EU-Migranten wieder zurück?

Eine eindeutige Antwort darauf zu finden, ist nicht einfach. Die Daten zur Notstandshilfe (der Folgeleistung nach dem Arbeitslosengeld) legen aber jedenfalls den Schluss nahe, dass jene, die keine Arbeit mehr finden, sehr wohl wieder fortziehen dürften. Gemessen an der Zahl der Beschäftigen ist der Anteil der EU-Migranten bei der Notstandshilfe unterdurchschnittlich. Vor allem die Ungarn stechen heraus. Hier und auch in anderer Hinsicht.

Die Ungarnals Besonderheit

Mit mehr als 71.000 Beschäftigten und einer unterdurchschnittlichen Arbeitslosenrate haben die Ungarn bereits Türken und Serben auf dem Arbeitsmarkt zahlenmäßig überholt. Notstandhilfe bezogen 2014 lediglich 779 Ungarn. Aus Deutschland waren es 2286 Personen. Es ist vor allem der grenzüberschreitende Arbeitsmarkt, der für die Ungarn floriert. In Österreich gemeldet sind gegenwärtig nämlich nur rund 63.000 Ungarn, also doch signifikant weniger, als hier arbeiten.

Wenn ein EU-Bürger in Österreich die Arbeit verliert, hat er dann Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, wenn er 52 Wochen innerhalb von zwei Jahren gearbeitet hat. Das können allerdings auch Dienstzeiten in anderen Ländern sein. Wichtig ist, dass das Arbeitslosengeld nur dort bezogen werden kann, wo man lebt. Auf die vielen Wochen- und Tagespendler aus Ungarn trifft das im Fall von Österreich nicht zu. Sie bekommen zwar auch Transfers, allerdings in Höhe des ungarischen Arbeitslosengeldes. Hier erspart sich also die österreichische Arbeitslosenversicherung Geld.

Diese Entwicklungen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt, der tatsächlich ein europäischer geworden ist, müssen auch hinsichtlich der Integration der Flüchtlinge beachtet werden. Bei der letzten großen Fluchtwelle während des Jugoslawienkrieges bremste Österreich den Zuzug von Gastarbeitern. Das geht in Zeiten der Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht mehr.

"Es sind auch wenig qualifizierte Jobs weggefallen", sagt Helmut Hofer vom IHS. Für die ohnehin bereits jetzt von hoher (und längerer) Arbeitslosigkeit betroffenen Gruppen wird die Perspektive durch die in den kommenden Monaten auf den Arbeitsmarkt kommenden Syrer, Iraker und Afghanen nicht besser. Doch auch für die Flüchtlinge selbst stellt sich die Frage, ob sich ihre Erwartungen auf eine längerfristige Arbeit erfüllen werden, wenn sie mit besser qualifizierten und besser Deutsch sprechenden Ungarn, Slowaken und Rumänen konkurrieren müssen.