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Ende einer Erzfeindschaft

Von Ines Scholz

Analysen

Georgien wird sich unter Iwanischwili vorsichtig an Moskau annähern.


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Geld spielt keine Rolle. 50 Millionen Dollar blätterte Bidsina Iwanischwili für den futuristisch anmutenden, verglasten Metallpalast in Tiflis hin, den er für sich und seine Familie von dem japanischen Architekten Shin Takamatsu auf einem Hügel als Privatresidenz errichten ließ. Von hier aus will der 56-jährige Multimilliardär künftig die politischen Geschicke Georgiens lenken. Mit dem Wahlsieg seiner Partei "Georgischer Traum"ist die erste Hürde genommen.

Die unter Armut und hoher Arbeitslosigkeit ächzenden Georgier haben dem Selfmade-Politiker sein Versprechen, die wirtschaftlich am Boden liegende Kaukasusrepublik in ein blühendes Land zu verwandeln, abgenommen; immerhin stammt auch Iwanischwili aus ärmsten Verhältnissen und hat es zu Reichtum geschafft -wenn auch nicht in seiner Heimat, sondern in Russland, und dort auch nur mit guten Kontakten zur Politklasse und nicht immer auf sauberem Weg.

Die engen Bande zum verfeindeten großen Nachbarn im Norden sind es auch, die Iwanischwili in den Augen vieler seiner Kritiker äußerst verdächtig machen. Sie vermuten hinter dem ehrgeizigen Ex-Banker eine Marionette des Kreml. Er mime nur den prowestlichen, Nato-freundlichen Herausforderer Saakaschwilis, um an die Macht zu gelangen; sein geheimes Ziel sei es aber, Georgien an russische Interessen zu verkaufen. So kursierte in abstrusen Internetblogs das Gerücht, Iwanischwili werde dafür sorgen, dass die Pipeline-Betreibergesellschaften in russische Kontrolle gelangten, auf Druck Moskaus die Unabhängigkeit der abtrünnigen georgischen Republiken Abchasien und Südossetien anerkennen und im Falle eines Volksaufstandes gar die russische Armee zu Hilfe holen. Saakaschwili förderte insbesondere im Wahlkampf selbst gerne solche Verschwörungstheorien - wie im Fall des Folterskandals, den er als von Moskau inszenierte Intrige darzustellen versuchte. Dennoch: Eine vorsichtige Annäherung in den georgisch-russischen Beziehungen ist nach dem Machtwechsel durchaus realistisch. Iwanischwili hat bereits klargestellt, dass er den bisherigen radikalen Konfrontationskurs für kontraproduktiv hält. Denn die Hauptopfer des Handelsboykotts (seit dem Krieg 2008) sind Georgiens Weinbauern in den Grenzregionen, die ihre Produkte nicht loswerden.

Außerdem befinden sich etwa drei Viertel der georgischen Wirtschaft ohnehin bereits in russischer Hand, wie Russland-Experte Hans-Georg Heinrich betont. Russen investieren in Tiflis - mit eine Folge der anhaltenden Kapitalflucht aus dem Riesenreich. Doch Georgiens politische Unabhängigkeit wird auch unter Iwanischwiliunangetastet bleiben.