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Entfremdung der Eliten

Von Saskia Blatakes

Politik

Eliten in Westeuropa: männlich, weiß und über 1,80 Meter.


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Wien. "Männlich, weiß und über einen Meter achtzig" - so lakonisch beschreibt Michael Hartmann am Rande des Gesprächs mit der "Wiener Zeitung" die Wirtschaftselite Deutschlands. In seinem jüngsten Buch "Soziale Ungleichheit - Kein Thema für die Eliten?" (Campus Verlag, 2013) hat sich der renommierte Soziologe die tausend reichsten Deutschen angesehen. Ein Jahr lang führte sein Team Interviews mit Menschen in Spitzenpositionen der wichtigsten Sektoren: Wirtschaft, Politik, Medien, Justiz, Verwaltung, Militär, Wissenschaft, Kirchen, Gewerkschaften und Verbände.

Er kommt zu dem Schluss: Im Unterschied zum Rest der Bevölkerung empfinden sie die Gesellschaft als durchaus gerecht - und zwar besonders dann, wenn sie selbst in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen sind. Nur die wenigen, die aus Arbeiterfamilien stammen, halten die sozialen Verhältnisse nicht für gerecht - auch wenn sie selbst längst "oben" angekommen sind. Abkömmlinge aus großbürgerlichen Häusern glauben dagegen fest daran, dass ihr Erfolg nur mit der eigenen Leistung und den Verdiensten der Familie zu tun haben. Das mag alles nicht besonders überraschend klingen, hat laut Hartmann aber schwerwiegende Folgen: Die immer stärkere Orientierung der Politik an den Interessen der Wirtschaft und der Reichen drohe unsere Demokratie auszuhöhlen.

Und wie bewerten Eliten die Finanzkrise? Das Ergebnis: Zwei Drittel der Elitenangehörigen aus bürgerlichen und großbürgerlichen Familien glauben, dass die Krise von der Staatsverschuldung ausgelöst wurde. Ihre aus der Arbeiterschaft stammenden Elitenkollegen sehen das ganz anders: Sie halten die Deregulierung der Finanzmärkte für die Ursache. Was die "Medizin" gegen die Krise angeht, sind sich die Eliten wieder einig: Die Schulden müssen abgebaut werden. Einzige Ausnahme: die Justizelite. Sie setzt auch deutlich auf eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte. Über die ansonsten große Einigkeit der Eliten zeigt sich Hartmann überrascht.

Es scheint, als habe sich letztendlich die Meinung der (groß-) bürgerlich geprägten Eliten durchgesetzt. Hartmann schreibt auch über den "Ansehensverlust" der Eliten und die Spaltung der Gesellschaft. Damit hat er die derzeitige Diskussion über die Entfremdung zwischen Eliten und Bevölkerung vorweggenommen.

Die Brandanschläge auf Asylunterkünfte scheinen nur die Spitze des Eisbergs zu sein. In der Bevölkerung entstand das Bild einer abgehobenen Elite, die scheinbar mit den realen Problemen des Alltags, wie teuren Mieten, fehlenden Kindergartenplätzen oder maroden Pflegeheimen nichts anfangen kann. Wie stark diese Stimmung vom rechten Rand instrumentalisiert werden würde, konnte Hartmann zum Zeitpunkt der Studie noch nicht voraussehen.