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Entlarvende Polemik des Mr. Mainstream

Von Manuel Grebenjak

Gastkommentare
Manuel Grebenjak ist politischer Ökologe und Mitglied der akademischen Vereinigung Research & Degrowth.
© privat

Ideologievorwürfe zeugen in der Regel nur von Desinteresse an einem ernsthaften Austausch mit den Argumenten Andersdenkender.


"Ideologie ist wie Mundgeruch immer das, was andere haben", schrieb einmal der britische Literaturtheoretiker Terry Eagleton. So scheint auch WU-Ökonom Harald Oberhofer Ideologie zu verstehen: als etwas, das anderen die objektive und wahre Sicht auf die Welt verstellt, die er selbstverständlich innehat. In Wirklichkeit zeugen Ideologievorwürfe in der Regel jedoch nur von Desinteresse an einem ernsthaften Austausch mit den Argumenten Andersdenkender. Ein häufiges Phänomen in der Mainstream-Ökonomie - und wegen ihres politischen Einflusses ein großes gesellschaftliches Problem.

Die von Oberhofer in seinem jüngsten Gastkommentar beschriebene Debatte zwischen Jason Hickel und Max Roser beschäftigt sich mit der Entwicklung der globalen Armut. Jedoch scheint der WU-Ökonom übersehen zu haben, dass Hickel, wie er, die Position vertritt, die globale Armut sei erst mit dem Ende der Kolonialisierung deutlich gesunken. Hickels zentrale Kritik lautet: Fortschritte in der Armutsbekämpfung werden rosiger dargestellt, als sie es in Wahrheit sind, allgemein wird ein deutlich zu niedriger Maßstab zur Messung extremer Armut angesetzt.

Mit dieser Kritik steht er bei weitem nicht allein da: So kritisierte auch Philip Alston, früherer UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut, in seinem Abschlussbericht 2020 die "selbstgefällige Botschaft", wonach die Armut weltweit stark abnehme.

Oberhofer interessiert sich weder für berechtigte Kritik noch für die dahinter liegenden Fakten. Im Rest seines Textes wird klar, dass es ihm nur um das Diskreditieren von Hickel und der Degrowth-Bewegung geht. Diese setzt sich für einen nachhaltigen Wandel der Wirtschaft ein, inklusive planvoller Reduktion der Produktion in den reichen Ländern des Westens. Diese Forderung hat gute Gründe. Auch wenn wir es wegen der Pandemie gerne vergessen, stehen wir vor noch viel größeren Problemen: der ökologischen Krise aus Klimaerhitzung, Artensterben und der Zerstörung von Ökosystemen. Dazu kommt eine enorme und zunehmende Ungleichheit inklusive ihrer negativen Auswirkungen auf Demokratie und sozialen Zusammenhalt. Auf all das findet die Mainstream-Ökonomie seit Jahren keine Antworten - sie wendet dieselben ungeeigneten Werkzeuge an wie seit Jahrzehnten und versucht, kritische Stimmen und neue Ideen zu diskreditieren, statt sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen.

Die Fakten sind auf der Seite von Degrowth. Ein wissenschaftlicher Bericht an zwei Ministerien aus dem Vorjahr zeigt klar: Wirtschaftswachstum ist der größte Treiber der österreichischen Emissionen. Zahlreiche internationale Studien belegen, dass mehr wirtschaftliche Produktion Hand in Hand geht mit Umweltzerstörung. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass menschliches Wohlergehen ab einer gewissen Schwelle durch mehr Konsum nicht mehr wesentlich gesteigert wird. Länder wie Österreich brauchen also nicht mehr Wachstum, sondern eine an menschlichen Bedürfnissen und ökologischen Grenzen ausgerichtete Wirtschaftsweise.

Intellektuelle Armut wurde durch Oberhofers Gastkommentar nicht verringert. Statt sich in unprofessioneller Polemik zu üben, täten Ökonomen gut daran, sich endlich mit den Blindstellen ihres eigenen Fachs auseinandersetzen. Zur Lösung gesellschaftlicher Probleme brauchen wir Austausch und pluralistisches Denken, keine überhebliche Ignoranz.