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Entwicklungshilfe einmal anders

Von Katharina Schmidt

Politik

Rücküberweisungen von Migranten nutzen Österreich und Herkunftsländern.


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Gmunden. Sie sind die einzigen Zahlungen, die auch in der Finanzkrise einigermaßen stabil und in brauchbarer Höhe in die Entwicklungsländer flossen, und in manchen Staaten machen sie einen Großteil des Bruttoinlandsprodukts aus. Die Rede ist von den sogenannten Remittances, den Geldüberweisungen von Migranten in ihre Herkunftsländer. Laut Weltbank wurden im Jahr 2012 insgesamt 401 Milliarden Dollar (303 Milliarden Euro) rücküberwiesen - ein Anstieg um 5,3 Prozent gegenüber 2011, Tendenz weiter steigend.

Auch die Rücküberweisungen aus Österreich steigen kontinuierlich an, wie Maria Fekter am Donnerstag in Gmunden erklärte. Sie sprach gleichsam in ihrer Hybridfunktion als Finanzministerin und frühere Innenministerin beim Dialogforum Migration und Integration der Donau Universität Krems über die Rücküberweisungen. Je nach Definition sind es 700 bis 800 Millionen beziehungsweise drei Milliarden Euro, die jährlich aus Österreich in die Herkunftsländer der Migranten fließen. Während die Nationalbank nur die Überweisungen über Banken und offizielle Kanäle aufzeichne, würden von der Weltbank auch vermutete Schwarzgelder, Schattenwirtschaft und ähnliches berücksichtigt.

Abgesehen von den Remittances fließt auch eine steigende Summe von Familientransfers - also Kindergeld-Zahlungen an daheimgebliebene Kinder in Österreich arbeitender Migranten - und Pensionen ins Ausland.

Zu den ökonomischen Auswirkungen dieser - vor allem auch im Vergleich zu den geringen Entwicklungshilfe-Leistungen Österreichs - gar nicht kleinen Zahlungen meinte Fekter: "Wir sind so ein reiches Land, wir können das allemal locker verkraften, wenn Geld heimgeschickt wird." Während also die Kaufkraft in den Herkunftsländern durch die Remittances massiv gestärkt wird (in Serbien und Bosnien beispielsweise ist ein Euro aufgrund der niedrigen Lebenshaltungskosten mehr als doppelt so viel Wert wie in Österreich), sei der dadurch hervorgerufene Kaufkraftentzug in Österreich mit 0,25 Prozent des BIP "volkswirtschaftlich unbedeutend", sagte Fekter. Durch eine höhere Kaufkraft in den Empfängerländern verbesserten sich wiederum die Chancen für österreichische Exporteure, weiters wirkten Geldüberweisungen politisch stabilisierend und armutsbekämpfend.

Allerdings betonte Fekter auch, dass derzeit noch der Großteil der Remittances für den täglichen Bedarf ausgegeben wird. Eine zu große Abhängigkeit von den Überweisungen birgt, wie auch der Soziologe Stephen Castles jüngst in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" erläuterte, die Gefahr fehlender Innovationskraft und wirkt sich negativ auf die Wirtschaftsstruktur der Empfängerländer aus.

Ungenutztes Investitionspotenzial

Ein großes, bisher noch kaum genutztes Potenzial für nachhaltige Investitionen im Heimatland sieht der Wirtschaftsforscher Matthias Lücke vom Institut für Weltwirtschaft an der Uni Kiel in den Migranten selbst. Er zitierte eine Studie der International Agency for Source Country Information, die mehrere Tausend Migranten nach ihren Haushaltseinkommen und der Mittelverwendung befragt hat. Demnach fällt vor allem Eines auf: "Migranten sparen extrem viel", nämlich je nach Herkunftsland zwischen 26 und 42 Prozent ihres Einkommens.

Die monatlichen Hilfszahlungen an ihre Verwandten daheim sind demgegenüber viel kleiner. Bosnische Haushalte - nicht zu verwechseln mit Einzelpersonen - sparen beispielsweise 10.300 Euro im Jahr, schicken aber "nur" 8500 heim. Sinnvoll wären laut Lücke Anreize für Investitionen im In- und Ausland. Denn viele Migranten wollen laut dem Experten gar nicht im Herkunftsland investieren, da ihnen dort die Situation zu unsicher sei. Hier seien die Aufnahmegesellschaften gefordert: "Wir müssen uns die Frage stellen, was wir tun können, um den Migrationserfolg so hoch wie möglich zu machen."