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Enzyklopädie der Regionen

Von Gerhard Stadler

Wissen
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Das geistige Zentrum Südböhmens war Vyí Brod, im Kloster ist das berühmte gotische Gemälde "Madonna aus Vyí Brod" zu sehen, ein Höhepunkt der diesjährigen Landesausstellung.
© Vyssi Brod.

Fünf Ausstellungen im Mühlviertel und in Südböhmen zeigen die gemeinsame Geschichte.


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Der erste Geruch täuscht: Trotz des Hopfen-und-Malz-Aromas im Barockbau der Braucommune Freistadt im Mühlviertel geht es bei dieser Landesausstellung nur eingangs um Bier. Es war eine Brauerei und ist heute ein rechtshistorisches Unikat: In Freistadt ist das Braurecht auf die Grundstücke der Altstadt radiziert. Nur wem ein solches Grundstück gehört, kann Mitglied der Braucommune Freistadt sein, bis heute gerühmt für ihre naturbelassenen Biere.

1. Station: Bierkultur

in Freistadt

Der erste Teil der von der oberösterreichischen Landesregierung und dem Kreis Südböhmen veranstalteten Landesausstellung 2013 ist den während mehr als fünf Jahrhunderten engen Beziehungen zwischen Moldau und Donau gewidmet: dem einheitlichen Naturraum, dem täglichen Leben mit den Essens- und Trinkgewohnheiten, den Berufen, dem Warenverkehr, der Volkskultur und den Künstlern, die hier lebten oder urlaubten. Besonders gelobt werden muss, dass man sich viel Mühe für den aktiven Ausstellungsbesuch von Kindern gemacht hat: zahlreiche Medienstationen, Suchfragen, Spiele.

2. Station: Geschichte und Glauben in Bad Leonfelden

Zwanzig Kilometer westlich wartet am Hauptplatz des kleinen Kurortes die zweite Ausstellung. Hier steht das schwierige, doch wieder bestens aufbereitete Thema der gemeinsamen Geschichte im Mittelpunkt: Die Grenze zwischen den k.k. Kronländern Königreich Böhmen und Herzogtum Österreich ob der Enns war nur eine symbolische.

Von 1939 bis 1945 gehörte die Region bis Krumau, in dem die Bevölkerung zu zwei Drittel deutsch war, zum Reichsgau Oberdonau. Im Oktober 1938 war Adolf Hitler bei seinem Besuch in Krumau bejubelt worden, im Juni 1945 schreiben die Deutschen Krumaus an Präsident Roosevelt die Bitte, aus dem Böhmerwaldkreis einen Bundesstaat der USA zu machen (die US Army hatte die Region vor der Roten Armee erobert). Vergeblich. 1946/48 kam der harte Bruch: Vertreibung, Enteignung, Kommunismus, Eiserner Vorhang, 280 Tote an der Grenze.

Seit 1990 bemüht man sich um einen bewussteren Umgang mit der Geschichte - vielleicht ist das einzige Streitthema heute das Festhalten der Tschechischen Republik an Atomkraftwerken.

Die Ausstellung folgt diesen Epochen anhand vieler Fotos, von Dokumenten und persönlichen Erinnerungsstücken, klar gegliedert und zum Lesen anregend. Weitere Schwerpunkte sind in Leonfelden Glaube, Heiligenverehrung und die Gesundheit - schließlich war in einigen Räumen das Bürgerspital.

3. Station: Kunsthistorische Schätze in Vyšší Brod

Nur zehn Autominuten weiter, doch schon jenseits der heute nur mehr am Sprachwechsel merkbaren Grenze liegt das 1259 von böhmischen Adeligen gegründete, 1941 und 1950 aufgehobene und 1990 wieder den Zisterziensern übergebene Stift Hohenfurth. In diesem in Kern hochgotischen Komplex über der Moldau ist der kunsthistorische Schwerpunkt der Ausstellungen: mittelalterliche Tafelmalerei und vor allem das "Zawisch-Kreuz". Zwar gibt es in Melk, Heiligenkreuz und Namur ähnliche von Goldschmieden in Kleinoden bewahrte Partikel des von der heiligen Helena 324 in Jerusalem gefundenen Kreuzes Jesu. Doch das in Hohenfurth ist mit seinem Reichtum an massivem Gold, der Vielzahl von Juwelen und Emailbildnissen und der Größe des Kreuzpartikels einzigartig. Sein Ursprung ist unbekannt, aus der Fertigungstechnik schließt man auf byzantinische Goldschmiede.

Nach der Schlacht von Dürnkrut kam es 1278 wohl aus dem Schatz von Přemysl Ottokar über Rudolf von Habsburg an seinen Parteigänger Zawisch von Falkenstein. Der schenkte es den Hohenfurther Zisterziensern. 1811 wurde, nach dem österreichischen Staatsbankrott, zum Glück nur sein Fuß eingeschmolzen (1840 in Linz wieder ergänzt).

1941 kam das Kreuz, für das Linzer Führermuseum bestimmt, nach Kremsmünster, 1944 in die Salzmine von Altaussee. Nun ist es, renoviert und mit umfangreichen Erläuterungen in die geschichtlichen und kunsthistorischen Zusammenhänge gestellt, erstmals öffentlich zugänglich.

Es lohnt die Reise nach Vyí Brod, das zudem mit dem Böhmerwald, der Nähe des Moldau-Stausees, von Adalbert Stifters Geburtshaus in Horní Planá/Oberplan und Schloss Rožmberk/Rosenberg auch sonst einiges zu bieten hat.

4. Station: Barockkultur in Český Krumlov (Krumau)

Die Unesco-Weltkulturerbe-Stadt Český Krumlov (Krumau), 25 Kilometer nördlich von Vyí Brod zwischen Mäandern der Moldau/Vltava malerisch gelegen und auch bekannt durch die Gemälde Egon Schieles von der Stadt am "schwarzen Fluss", ist der einzige dieser Orte, von dem der Massentourismus Besitz ergriffen hat.

Ein großes Erlebnis bringt die auf drei Touren aufgeteilte Besichtigung des dominant die Stadt überragenden Schlosses (mit dem einzigartigen Original-Barocktheater) der Herzöge von Krumau - bis 1947 im Eigentum der Schwarzenberg. Doch auch der Krumauer Teil der Landesausstellung, im Stadtmuseum jenseits des Schlosses, bringt Interessantes und Unbekanntes: "Wege ohne Spuren" beginnt mit der Verkehrsgeschichte der Region - zum Transport des Salzes aus dem Salzkammergut nach Böhmen wurde 1836 die erste (Pferde-)Eisenbahn des Kontinents fertig - und stellt viele, nie verwirklichte Eisenbahn- und Kanalprojekte vor.

Eine auch heute noch unrealisierbare Utopie ist ein Projekt aus 1979, mit dem man in Prag eine durch Tunnel von insgesamt 400 Kilometer Länge führende Schnellbahnlinie von Budweis bis zum damals jugoslawischen Koper plante. Mit diesem kommunistischen Gegenprojekt zum damals gerade in Angriff genommenen Ärmelkanal-Tunnel wäre Österreich fast zur Gänze untertunnelt worden.

Der fünfte Teil der Landesausstellung ist eine Fotoschau in der renovierten Synagoge.

Gemeinsame Geschichte und Kultur der Region

Das ehrgeizige Vorhaben, durch eine Mehrzahl von Ausstellungen das Gemeinsame in Geschichte und Kultur von Mühlviertel und Südböhmen umfassend näherzubringen, ist gelungen, und nochmals soll die Gestaltung gelobt werden. Man sollte, von Wien kommend, für die Ausstellungen zwei bis drei Tage planen. Die Unterkunftsmöglichkeiten für einen mehrtägigen Aufenthalt in der Region sind zahlreich, doch benötigt der Besucher ein Auto (über Linz und die viertelfertige Mühlkreisautobahn; Rückfahrt nach Wien auch über Budweis - Gmünd). Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann man an einem Wochentag, nach Fahrplanstudium, zwar Freistadt und Bad Leonfelden besuchen, doch der grenzüberschreitende öffentliche Verkehr ist nicht nur spärlich, sondern auch weitab von den Ausstellungsorten.