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Er war der gefährlichste General des Iran: Qassem Soleimani

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Soleimani gilt als Architekt von Irans wachsendem militärischen Einfluss im Nahen Osten. Nun endet eine steile Karriere durch eine von Donald Trump befohlene gezielte Tötung.


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Seine eiskalten Augen machten ihn unvergesslich, als er im Herbst 2009 in der Lobby des Bagdader Hotels Mansour am Tigrisufer auftauchte. Umgeben von einer Entourage Sicherheitskräften in iranischen Uniformen, schritt der Mann aus Teheran mit den schmalen Lippen, den ergrauten Schläfen und den gepflegten Händen in einen der Konferenzräume in der ersten Etage. Das Hotelpersonal tuschelte ehrfürchtig. Schon damals war Qassem Soleimani berühmt und berüchtigt. Schon damals klebte unendlich viel Blut an seinen Händen. Den "Schlächter von Bagdad" nannten ihn diejenigen, die ihn ablehnten, den "Herrscher von Bagdad" diejenigen, die ihn bewunderten. Und so ist es bis heute geblieben: Die einen hassten ihn, andere liebten ihn. Gleichgültig blieb niemand, wenn sein Name fiel.

Am Freitag, noch vor Tagesanbruch, haben amerikanische Raketen einen Fahrzeugkonvoi unmittelbar am Frachtterminal des Bagdader Flughafens getroffen, in dem der iranische General zusammen mit dem stellvertretenden Leiter der schiitischen Volksmobilisierungskräfte Hashed al-Shaabi, Abu Mahdi al-Muhandis, saß. Durch den von US-Präsident Donald Trump persönlich angeordneten Angriff kamen neben Soleimani und Muhandis noch fünf weitere Männer ums Leben.

Trump und US-Außenminister Mike Pompeo rechtfertigen die gezielte Tötung wenige Stunden später mit einem "unmittelbar bevorstehenden" Angriff auf US-Bürger. Laut Pompeo soll Soleimani eine "große Sache" geplant haben, die das Leben zahlreicher Amerikaner gefährdet hätte. "Die USA wollen keinen Krieg mit dem Iran", sagt der Außenminister im US-Nachrichtensender Fox News. "Aber wir werden nicht dastehen und zusehen, wie das Leben von US-Bürgern in Gefahr ist." Noch bevor Pompeo seine ersten Interviews gibt, hat das geistliche und staatliche Oberhaupt des Irans, Ajatollah Ali Khamenei, allerdings bereits mit massiven Vergeltungsmaßnahmen für die Tötung jenes Manns gedroht, der als Architekt von Irans wachsenden militärischen Einfluss im Nahen Osten gilt. "Alle Feinde müssen wissen, dass der Dschihad des Widerstandes mit doppeltem Ansporn weitergehen wird", sagt Khamenei.

Missionen im Geheimen

Soleimanis Aufstieg in der gesamten Region hatte mit dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak Ende 2011 begonnen. Bis dahin koordinierte er die Aktivitäten der im Iran gegründeten Al-Quds-Brigaden, die für Auslandseinsätze zuständig sind, und nahm im Irak Einfluss auf die aus dem iranischen Exil nach dem Sturz Saddam Husseins zurückgekehrten Badr-Brigaden, die mittlerweile zu einer politischen Partei geworden sind und in der Regierung in Bagdad mitmischen. Auch Moktada al-Sadr, der damals zornige Schiitenrebell mit seiner Mahdi-Miliz, wurde von Soleimani unterstützt, als er zusammen mit den irakischen Widerständlern Anschläge auf US-Truppen ausübte. Sadr brüstete sich später damit, 6000 Attacken gegen die Amerikaner veranlasst zu haben. Dass er dabei Hilfe aus dem Iran bekam, blieb lange Zeit geheim. Wie überhaupt die Aktivitäten von Soleimani im Irak. Seine Missionen waren anfangs streng geheim. Die iranische Regierung war ausgesprochen wortkarg, was den Einsatz der Revolutionsgardisten und ihres Chefs im Ausland angeht. Erfolg bedeutete für sie auch, dass wenig über ihr Engagement bekannt wurde - sei es im Irak, in Syrien, im Libanon oder in Gaza.

Erst 2013 berichtete "The New Yorker" über Aktivitäten von Al-Quds im Irak, die zeitweise von den Amerikanern toleriert wurden, um sunnitische Aufständische zu bekämpfen. Spät auch wurde der zunehmende Einsatz der Brigaden unter der Führung Soleimanis in Syrien bekannt.

Dort wurde die marode syrische Armee, die von Massendesertierungen geplagt war, zur schlagkräftigen Truppe umgekrempelt. Ihre Vorgehensweise stellte der Iraner von klassischer Kriegsführung auf moderne Guerillataktik um. Gleichzeitig schickte der General hochrangige iranische Revolutionsgardisten in den syrischen Bürgerkrieg, um dort Milizen auszubilden. Sie sollten die Armee unterstützen. Sah es jahrelang schlecht aus für den syrischen Machthaber Bashar al-Assad, konnte dieser mittlerweile in einem großen Teil des Landes seine Macht sichern - auch dank Soleimanis Hilfe.

Der General wird zum Star

Doch den großen Durchbruch für die Stellung des 62-jährigen obersten Quds-Brigadiers brachte die Terrormiliz IS. Der Zusammenschluss diverser schiitischer Milizen machte ihn zum unangefochtenen Helden. Denn der Iran und Soleimanis Quds-Brigaden traten früher in den Kampf gegen den IS ein als die Amerikaner mit ihrer Anti-IS-Koalition. Während Washington unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama bis zum Drama um Sinjar und die Jesiden mit der Reaktion wartete, Tikrit, Mossul und weite Teile Nordiraks schon als Kalifat bezeichnet wurden, hatte Kassim Soleimani bereits im Juni 2014 reagiert, die Hashed-Milizen um sich geschart und den Vormarsch der sunnitischen Dschihadisten bei Samarra, 127 Kilometer nördlich von Bagdad, stoppen können. Dort hatte er sich ein Hauptquartier eingerichtet und koordinierte den Einsatz der Milizen. Wie in Syrien.

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Überschwänglich ließ er sich nach diversen Siegen über den IS von seinen irakischen Gefolgsleuten mit Jubeltänzen feiern. Plötzlich fanden sich entsprechende Videos auf YouTube. Soleimanis Gesicht wurde allseits bekannt. Den Mythos als Irans gefährlichster General genoss er sichtlich. Die Befreiung von Amirli machte ihn zum Star. Zwei Monate lang war die schiitisch-turkmenische Kleinstadt vom IS belagert worden, bevor es dort erstmals gelang, eine Stadt gegen den Ansturm der Dschihadisten zu verteidigen, ein beachtlicher Erfolg unter Federführung Soleimanis. Inzwischen wurde der Generalmajor der Quds-Brigaden als zweitwichtigster Mann Irans nach Großajatollah Khamenei angesehen. Und dem Einfluss Irans im ehemals verfeindeten Nachbarland Irak schienen auf einmal keine Grenzen mehr gesetzt.