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Erfolg als Anti-CSU

Von Alexander Dworzak aus Bayern

Politik

Die Grünen geben sich in Bayern geeint und buhlen erfolgreich um bürgerliche Wähler.


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Gilching. Manch gestandenem Oberbayern bereitet schon ein Franke als Ministerpräsident im Freistaat Bauchschmerzen. Robert Habecks geografische Heimat liegt hunderte Kilometer nördlich des Weißwurstäquators, in Schleswig-Holstein. Seine politische ist mittlerweile Berlin, der 49-Jährige amtiert seit Jahresbeginn als Bundesvorsitzender der Grünen. Was macht der "klassische Fischkopp", Zitat Habeck, tief im Süden? Er angelt erfolgreich nach Wählern.

Seit Wochen tourt Habeck durch Bayern. Tritt unter dem Motto "Prost! Mahlzeit!" im Bio-Supermarkt auf, wird unter "Frag Robert" und "Triff Robert" angekündigt. Analog dazu ist die zweite Bundesvorsitzende, Annalena Baerbock, unterwegs. Die Grünen-Vorderen treten entweder alleine auf oder mit jeweils einem der beiden Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am Sonntag, Ludwig Hartmann und Katharina Schulze. Vier Personen, die an einem Strang ziehen, lautet die Botschaft. Bei der regierenden CSU sind einander nicht einmal die beiden Größen grün, Parteichef Horst Seehofer und Ministerpräsident Markus Söder.

Marginalisierte Fundis

Die Christsozialen steuern auf ein Debakel zu, sie stehen bei 33 Prozent der Stimmen. Bei der Wahl 2013 waren es noch 47,7 Prozent. Vor fünf Jahren zogen die Grünen als viertgrößte Partei in den Landtag ein, erreichten 8,6 Prozent. Nun prognostizierten die Meinungsforscher unisono Platz zwei für die Öko-Partei und 18 Prozent.

Entsprechend gut ist die Stimmung in Gilching, eine halbe Stunde Zugfahrt südwestlich von München. Rund 100 Personen sind ins neue Rathaus gekommen, um Habeck und Hartmann zu hören. "Wir wollen ein Signal an Berlin und nach Europa senden", sagt Robert Habeck. "Man verliert Wahlen nicht nur an den rechtspopulistischen Rand. Die Mehrheit befindet sich in der liberalen, progressiven Mitte."

Dort wird traditionell das Kreuz bei der CSU gemacht. Doch Teile dieses Wählersegments sind die ständige Konfrontation von Seehofer und Söder mit Kanzlerin Angela Merkel in Migrations- und Asylfragen ebenso leid wie die Scharmützel zwischen den CSU-Granden. Und von der bürgerlichen Mitte ist es in Bayern kein weiter Weg zu den Grünen. Der Landesverband steht nicht links, das stets bemühte Duell zwischen Realo- und Fundi-Flügel spielt keine Rolle - wie nun auch bei der Bundespartei.

Im Zehn-Punkte-Programm der bayerischen Grünen rangiert Integration auf Platz neun. Personen mit einem Ausbildungsplatz sollten "einen sicheren Status", erhalten, also ein Bleiberecht. Abschiebungen nach Afghanistan und "Sammellager" für Migranten lehnen die Grünen ab. An den ersten Stellen stehen aber grüne Klassiker: Artenschutz, Gleichberechtigung und Naturschutz. In Gilching liegen neben dem Aufkleber "Hass ist keine Alternative für Deutschland" - als Antithese zur AfD - auch Folder zu "Frauen in die Parlamente" auf. "Wir wollen die Bienen retten", steht auf Säckchen mit Vogelfutter.

Es ist ein inhaltlich konventionelles Programm, mit Einladung zum Dialog. Im Gilchinger Rathausfoyer ist ein weißer Stehtisch der Mittelpunkt, mit einigen Metern Abstand sitzen ringsum die Zuhörer. Habeck und Hartmann sprechen nicht von einem Pult herab, stattdessen gehen sie auf die Fragesteller zu. Pflege, leistbares Wohnen, Verkehrspolitik, Energiewende, Tierschutz, artgerechte Landwirtschaft und der Plastikmüll in den Meeren treiben das überwiegend ältere Publikum um.

Habeck versinkt dabei scheinbar in Gedanken. Er verschränkt die Arme oder steckt die Hände in die Taschen seiner schwarzen Jeans und senkt den Kopf. Es ist die Paraderolle des promovierten Philosophen - und doch mehr als eine Pose. Habeck ist auch eine Zumutung für die eigene Partei. Er lässt sich auf unangenehme Debatten ein, sagte einmal, jenseits grüner Biotope gebe es zu viele Menschen, die sich abgehängt fühlten und von der Partei erkämpfte Freiheiten als Bedrohung empfänden. Oder er denkt über unpopuläre Themen wie den Aufbau einer europäischen Armee nach. Habeck ragt derzeit heraus in einer Partei, die von starken Persönlichkeiten wie Joschka Fischer geprägt ist. Die aber Personenkult verabscheut.

Pathos und Leichtigkeit

Pathos ist Habeck nicht fremd. Er erzählt von seiner Zeit als Minister in Schleswig-Holstein, spricht vom "Geben und Nehmen" mit seinen Beamten. "Das gelang, weil wir uns gegenseitig zuhören konnten." Doch federt er das Pathos mit seiner Leichtigkeit ab: "Wer das nicht kann, ist ein schwieriger Charakter", sagt er. Solche gibt es aber in Bayern nicht." Der Seitenhieb auf die CSU-Granden sitzt, im Saal brandet Gelächter auf.

Habeck skizziert auch politische Visionen. Er plädiert für eine europäisch abgestimmte Besteuerung für Facebook und Co. Spitzenkandidat Hartmann spult dagegen sein Programm ab. Er möchte etwa die Windkraftanlagen im Freistaat auf 2000 verdoppeln. Bereits die Eltern des 40-jährigen Kommunikationsdesigners waren Grüne.

Hartmann verschließt sich nicht einer Koalition mit der CSU. Rechnerisch gäbe es eine Mehrheit abseits der Christsozialen. Doch Grüne, SPD, FDP und die bürgerlichen Freien Wähler wären ein inhaltlich zu unterschiedliches Quartett. Bei aller grünen Euphorie über den Aufstieg bleibt die Erkenntnis, dass ohne die CSU im Freistaat noch immer nichts geht.