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Erfolg an den Haaren herbeigezogen

Von Ingo Senft-Werner

Wirtschaft

Mit falschen Haaren hat bei der Kosmetikfirma Wella alles angefangen. Als der 18 Jahre alte Friseur Franz Ströher aus Oberwiesenthal im Erzgebirge nach seiner Gesellenprüfung quer durch Europa reist, lernt er vor allem in Frankreich die Trends beim Kopfschmuck kennen: Die Perücke oder zumindest ein Haarteil ist für die Dame von Welt ein Muss.


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So steigt der unternehmungslustige Ströher in die Produktion ein. Am 1. Juli 1880 eröffnet er seine Haartüll-Fabrik in Auerbach (Sachsen), die einen rasanten Aufstieg nimmt: 125 Jahre später hat sie unter dem neuen Firmennamen Wella den Weltmarkt erobert.

Auf die Geschäftsidee kommt Ströher beim Blick auf die geschickten Hände der Klöpplerinnen im Vogtland - bestens geeignet für die Herstellung vor Haartüll. Als er 1900 das wasserfeste Tüllemoid als Unterlage für Haarteile erfindet, nimmt sein Unternehmen Fahrt auf. Vier Jahre später errichtet er die erste Fabrik im sächsischen Rothenkirchen. Mit dem ersten Weltkrieg kommt die Krise - und der Bubikopf. Perücken werden nicht mehr gebraucht. Doch die Familie Ströher erkennt die Zeichen der Zeit und produziert erfolgreich Trockenhauben und Dauerwell-Apparate. Für sie wird das Kunstwort Wella erfunden und 1924 patentiert.

Zum Firmennamen wird das Wort Wella erst im Jahre 1950, als sich das Unternehmen in Darmstadt ansiedelt, weil das Stammwerk in Sachsen in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt wird. Die Produktpalette erweitert sich. Mit dem Haarfärbemittel Koleston verbucht Wella in den 50er Jahren schließlich den ersten weltweiten Erfolg.

Der enge Kontakt zu den Friseuren ebnet der Firma den Weg zu guten Umsatzzahlen. Außer Haarfärbemittel bietet sie auch Shampoos, Färbemittel und Festiger an. Später steigt Wella ins Parfümgeschäft ein und vertreibt unter anderem Produkte von Escada oder Tom Tailor. Top-Models wie Cindy Crawford und Naomi Campbell werden unter Vertrag genommen.

Wella ist in 150 Ländern aktiv und beschäftigte im Jahr 2003 rund 18.000 Mitarbeiter, die einen Umsatz von 3,4 Mrd. Euro erwirtschaften. Am Höhepunkt der Firmengeschichte angelangt, wird die Firma verkauft. Die vier Familienstränge mit mittlerweile mehr als 100 Angehörigen, die über 78% der Stammaktien verfügen, bieten ihre Anteile dem US-Konzern Procter & Gamble (P&G) an. Der Umfang der Transaktion beträgt mehr als 6,5 Mrd. Euro.

So mischt sich bei der Belegschaft heute Wehmut in die 125-Jahr-Feier. Mehrere tausend Mitarbeiter sind bereits gekündigt, Standorte geschlossen worden. Die Kürzungen fallen allerdings geringer aus als erwartet, denn der frühere Vorstandsvorsitzende Heiner Gürtler ist inzwischen in die P&G-Konzernleitung aufgerückt und hat sich dort für Wella stark gemacht. Von der Zentrale Darmstadt aus wird jetzt das weltweite Friseurgeschäft koordiniert. dpa