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Erica Fischer

Von Christina Bylow

Reflexionen

Die Autorin Erica Fischer über die bitteren Jahre nach der Rückkehr aus dem englischen Exil nach Österreich, das Schicksal ihrer Familie - und warum nur Frauen die Welt retten können. | Wiener Zeitung:Frau Fischer, Ihr Buch trägt den schönen Titel "Himmelstraße" - was bedeutet er?


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Erica Fischer: Ja, man denkt dabei an etwas Schönes. Es gibt eine Straße in Wien-Grinzing, die so heißt. Himmel, Milchstraße: das sind positive Assoziationen. Aber "Himmelstraße" war im Vernichtungslager Treblinka der zynische Ausdruck der SS für den Weg von der Rampe zum Gas. Die wenigstens wissen das. Meine Großeltern mütterlicherseits sind diesen Weg gegangen.

In Ihrem Buch stellen Sie eine Verbindung her zwischen der Shoah, der Ihre Eltern als Emigranten in England entkommen sind, und dem späteren Selbstmord Ihres jüngeren Bruders.

So direkt wollte ich es nicht verbinden. Aber ich glaube schon, dass unser beider Leben und unser graduell unterschiedliches Scheitern etwas mit der Shoah zu tun hat, vor allem aber mit dem Leben, das meine Eltern in Folge der Shoah geführt haben.

Sie entwerfen das Bild einer Familie, deren Beziehungen untereinander fast wie nach einem Gefrierschock erstarrt sind, auch in der extremen Symbiose zwischen Mutter und Sohn. Fehlte die Liebe?

Ja, es fehlte die Liebe. Ich kann zwar sagen, meine Mutter hat meinen Bruder sicher geliebt, und mein Vater hat seine Kinder auch geliebt, und ich habe meinen Vater geliebt. Aber keiner in dieser Familie hat je "I love you" gesagt. Das war unvorstellbar. Man hat Gefühle einfach nicht gezeigt. Meine Mutter galt schon als junges Mädchen in Warschau als schwierig, rebellisch. Gerade das Rebellische hatte sie nach dem Krieg jedoch verloren. Ich kenne jüdische Familien, in denen die Eltern Holocaust-Überlebende sind - und wo eine ähnliche Kälte herrscht.

Es gibt wahrscheinlich zwei Möglichkeiten, wie nach einer solchen Erfahrung weitergelebt werden kann. Die eine ist, glücklich zu sein, dass man überlebt hat und zu versuchen, möglichst viel Liebe zu geben, vor allen Dingen den Kindern. Die andere besteht in der Unfähigkeit zu lieben. Aber letztlich kann ich die Antwort nicht geben, ob meine Mutter wegen der mehrmaligen Entwurzelungen so geworden ist. Es ist ihr ja, verglichen mit anderen Juden ihrer Generation, relativ gut gegangen. Sie konnte emigrieren. Aber sie hat natürlich ihre Eltern verloren, und es ist nicht zu vernachlässigen, zu wissen oder sich vorzustellen, wie die Eltern ums Leben gekommen sind. Darüber kann ich nur mutmaßen. Sie hat nie darüber gesprochen, und ich habe sie nie direkt gefragt.

War das ein Familientabu?

Ja. Lange Zeit dachte ich, die Großeltern wären in Auschwitz umgekommen. So wenig wusste ich, bis meine Mutter einmal den Namen des Ortes, wo sie tatsächlich getötet wurden ausgesprochen hat: Treblinka. Und dann war es natürlich das Leben im "Feindesland", das meiner Mutter das Kreuz gebrochen hat. Während der Schwangerschaft mit meinem Bruder war meine Mutter hochgradig nervös, weil sie sich mit meinem Vater über die Rückkehr nach Österreich in einem Konflikt befand.

Warum sind Ihre Eltern aus dem Exil nach Österreich zurückgekehrt? Beide liebten doch, wie Sie sagen, England sehr.

Die Rückkehr war das Ergebnis ihrer sogenannten Mischehe. Ich weiß, dass meine Mutter ihr Leben lang verbittert war, dass sie nach Österreich zurückkehren musste. Mein Bruder und ich waren überzeugt davon, dass wir in England glücklichere Menschen geworden wären. Wir haben nicht verstanden, warum mein Vater ihr das angetan hat.

Gab es existenzielle Gründe für die Rückkehr aus dem Exil?

Nein, mein Vater hat in einer Fabrik gearbeitet, konnte perfekt englisch, war ungeheuer sprachbegabt und hätte sicherlich einen anderen Job finden können. Vielleicht wäre er ein ausgezeichneter Journalist geworden, später hat er seine Lust am Schreiben und Analysieren beim Verfassen von Leserbriefen befriedigt. Aber mein Vater wollte zurück zu seinen Brüdern und er war, na ja, "er war halt ein Wiener" - meine Mutter sagte das immer mit einem herablassenden Tonfall -, und die Wiener lieben ihre Stadt sehr. Manche Emigranten sind nach Jahrzehnten zurückgekehrt und waren zu Tränen gerührt, wenn sie im Prater das Riesenrad gesehen haben.

Meine Mutter hat natürlich mit Wien ganz andere Assoziationen verbunden. Zwar waren meine Eltern auch politisch verfolgt, in der austrofaschistischen Zeit waren sie beide als Sozialisten im Gefängnis, aber meine Mutter war als Jüdin zusätzlich gefährdet. Sie hat einmal einer Journalistin gesagt, dass sie nach der Rückkehr nach Wien ein Jahr lang mit niemandem gesprochen hat, außer mit der engsten Familie. Sie hatte auch mit der Familie meines Vaters wenig Kontakt gehabt, obwohl das keine Nazis waren. Sie hat sich abgeschottet.

Ja, mein Bruder und ich, wir sind mit einer Mutter aufgewachsen, die Österreich gehasst hat. Die verbittert war, weil ihr Mann sie veranlasst hatte, hierher zurückzukehren, und weil sie vor der Vertreibung auch erlebt hat, wie manche Sozialdemokraten, also ihre Genossen, über Nacht zu Nazis mutiert sind. Und sie war verbittert, weil sie eine Hausfrau war und Kinder hatte und eigentlich gern ein ganz anderes Leben geführt hätte.

Entsprach das Bild, das Ihre Mutter von Österreich hatte, der Realität?

Die fünfziger Jahre in Österreich waren schon grausam für eine Jüdin, die noch dazu in keinem religiösen oder politischen Zusammenhang stand. Sie hätte natürlich der Jüdischen Gemeinde beitreten können, aber es war für sie undenkbar, weil sie sich nicht als Jüdin definiert hat. Gleichzeitig hat sie jedoch alle Österreicher ihrer Generation abgelehnt, weil sie meinte, das seien alles Nazis.

Haben Sie als Kind in Wien Antisemitismus erlebt?

Ich habe das nicht erlebt. Meine Schwierigkeit bestand erst einmal darin, dass ich nicht Deutsch konnte, als wir nach Wien kamen. Ich war fünf Jahre alt, und meine Eltern hatten mit uns Kindern nur englisch gesprochen. Es gab eine Mitschülerin, die in der Schule sagte, Hitler hatte auch Gutes getan, er hat die Autobahnen gebaut, ihre Mutter hätte das gesagt. Ich habe das sogleich meiner Mutter erzählt, die natürlich einen Tobsuchtsanfall gekriegt hat. Ich war auf sozialdemokratisch geprägten Schulen und hatte progressive Lehrer. Aber meine Mutter erzählte, dass ihr die Leute vorgejammert haben, wie schlecht es ihnen im Krieg gegangen sei und dass die Emigranten es ja viel besser gehabt hätten.

Sie werfen Ihrer Mutter im Buch ihre Verbitterung vor . . .

. . . Ich werfe ihr in erster Linie vor, dass Verbitterung keine Lösung ist. Dass sie sich selbst damit das Leben vermiest hat, und ihrer Familie auch. Ich werfe ihr vor, dass sie ihre Fähigkeiten nicht genutzt hat. Sie war ausgebildete Goldschmiedin und hat schöne Sachen gemacht. Später hat sie wunderbare Teppiche gewoben, in extrem bunten Farben. Aber sie hat nicht nur ihre Umgebung niedergemacht, sondern auch sich selbst. In Interviews, die mit ihr als Zeitzeugin gemacht wurden, hat sie gesagt: "Mein Leben ist gescheitert".

Sie haben vom Scheitern Ihres Bruders gesprochen, und von Ihrem eigenen. Worin besteht dieses Scheitern?

Mein Bruder hat für sein Dasein den Ausdruck "hoffnungslose Umarmung" geprägt. Er meinte damit die hoffnungslose Umarmung mit "zu Großem" - er hat sich orientiert an Vorbildern, denen er nicht gerecht werden konnte. Er hat unglaubliche Forderungen an sich selbst gestellt, und ist daran gescheitert. Die Angst vor dem Scheitern, in der Arbeit und im Studium hat letztlich das große Scheitern vor dem Leben verursacht. Er hat alle großen Philosophen gelesen, Kant, Hegel, und die großen Schriftsteller, Benjamin, Kafka. Und weil er wusste, er kann sie geistig nicht erreichen, hat er lieber gar nichts gemacht.

Ihr Bruder ist seiner Mutter lebenslang nicht von der Seite gewichen. Hat sie ihn nicht gehen lassen?

Alle Holocaust-Überlebenden wollen ihre Kinder an sich fesseln, sie festhalten, nicht loslassen. Manche ersticken sie in Liebe, andere tun es mit einer gewissen Grausamkeit, wie es meine Mutter mit meinem Bruder getan hat. Es war eine extreme Symbiose, weil er auch finanziell von ihr abhängig war. Von ihrer kleinen Witwenrente haben die beiden sehr sparsam gelebt. Er hat nicht gearbeitet, und er hat nie Beziehungen gehabt. Zudem scheint meine Mutter ihn in späteren Jahren abgeschottet zu haben.

Es gab eine Zeit, in der er sich noch gewehrt hat, das war Mitte der siebziger Jahre. Da hat er mich in Paris besucht und mit mir zusammen an einer großen Übersetzung gearbeitet. Das Honorar dafür war das einzige Geld, das er je verdient hat. Damals hat ihm die Mutter Briefe geschrieben, die mich heute noch erschrecken. Sie hat versucht, ihm einzureden: "Die Erica hält dich doch nur absichtlich in Paris fest."

Hat es niemals einen gutwilligen Menschen gegeben, der ihren Bruder aus der Familienfalle hätte herausholen können?

Er hatte Pech. Ich hatte Männer, die mich herausgeholt haben. Einmal hat er eine Therapie angefangen und dann gleich einen Selbstmordversuch gemacht. Im Krankenhaus haben sie ihm eine Therapie angeboten, er hat abgelehnt.

Mein Bruder und meine Mutter sind sich immer ähnlicher geworden. Sie waren absolut resistent gegen jeden Einfluss von außen. Es war eine Erstarrung zu zweit. In gewisser Weise habe ich das in meiner kurzen Ehe auch reproduziert. Ich habe mit meinem Ex-Ehemann auch so eine Symbiose gelebt, wir waren eine Festung gegen die Außenwelt. Ich hatte wahrscheinlich auch ein Bedürfnis nach dieser Symbiose. Davon bin ich, glaube ich, wirklich geheilt.

Das erzählende Ich in der "Himmelstraße" ist verzweifelt auf der Suche nach Liebe und nutzt auch das Internet, um Männer zu finden. Die Erlebnisse bestätigen aber nur immer wieder aufs Neue die Grunderfahrung von Lieblosigkeit.

Wenn ich an meine Familie denke, kommt wahrscheinlich dieses Ich zum Vorschein. Und die negative Erfahrung, die ich als Kind mit meiner Mutter gemacht habe, hat sich auf mein Verhältnis zu Männern übertragen. Meine Beziehungen zu Männern waren nie besonders gelungen. Ich habe die Liebe zielgerichtet bei denen gesucht, die sie nicht geben konnten, und bei denen, die sie geben konnten, ist mir rasch langweilig geworden. Ich habe natürlich oft in meinem Leben geliebt, immer mehr oder weniger passende Männer. Aber ob das wirklich Liebe war oder die Suche nach irgendetwas, was mir gefehlt hat, kann ich nicht sagen. Und die Tatsache, dass es mir nicht gelungen ist, eine Beziehung lange Zeit aufrecht zu erhalten, also miteinander alt zu werden - interpretiere ich so, dass ich vielleicht nicht lieben kann. Aber ich halte mich diesbezüglich nicht für eine Ausnahmeerscheinung.

Sie erwähnen in Ihrer Erzählung auch die gesellschaftliche Tatsache, dass Frauen über sechzig keinen Anspruch mehr auf Liebe haben können. Dabei zeigen Sie gegenüber sich selbst und dem Körper der älteren Frau wenig Wertschätzung. Sie gehören zu den Begründerinnen der österreichischen Frauenbewegung. Wie verträgt sich diese negative Haltung mit Ihrem Feminismus?Ich habe als Feministin eine gewisse Überzeugung, aber ich lehne es ab, diese Überzeugung über das eigene Fühlen zu stülpen. Es ist eben nicht so, dass das, was ich gerne hätte, tatsächlich existiert. Wie man sich selbst wahrnimmt und wie man das Altern von Frauen wahrnimmt, hat etwas mit der gesellschaftlichen Realität von Frauen zu tun. Da kann ich mir hundertmal sagen, du bist klasse - tatsächlich aber sind die Möglichkeiten auf dem Liebesmarkt für ältere Männer und Frauen unterschiedlich. Ältere alleinstehende Frauen, die klug sind, geben einfach auf und versuchen, zufrieden zu sein. Wenn sie nicht sowieso eingebettet sind in ein glückliches Familienleben. Aber in mir ist eine Kämpferin, die nicht aufgeben will. Ich reibe mich an der Realität, und ich will die Realität nicht leugnen. Es ist mir wichtig, über das Älterwerden von Frauen zu sprechen, aber nicht nur glorifizierend, wie man das gerne macht: "Ich bin ok, du bist ok" oder "Endlich über fünfzig!" Nein, ich wollte es so beschreiben, wie es ist. Männliche Schriftsteller über sechzig schreiben ja auch über ihre sexuellen Bedürfnisse und dann gelten sie als tolle Typen.

Die alternden Helden bei Philip Roth sind aber nicht sehr glücklich mit ihren jungen Frauen . . .

Ich bin Feministin, das ist eine Zuschreibung, die ich überhaupt nicht zurückweise. Aber ich habe das Thema durchgearbeitet. Ich bin nicht mehr in dem jugendlichen Alter, in dem ich die Welt verändern möchte. Man kann sich nicht immer wieder über dasselbe empören. Deswegen ist es die Jugend, die etwas ändert, weil sie empört ist. Die Themen, die mich jetzt interessieren, sind mir vielleicht sogar näher, der Rassismus, die Frage der Migranten. Am Feminismus hierzulande hat mich immer die Beschränkung auf Österreich und Deutschland gestört. Ich nehme die ganze Welt wahr, ich sehe die Frauen in Afrika und in Indien. Und ich bin völlig davon überzeugt, dass eine Verbesserung der Welt nur durch Frauen möglich ist. Von den Themen Krieg, Flucht und Ausgrenzung komme ich nicht los. Als der Krieg auf dem Balkan losbrach und ich im Fernsehen die Flüchtlingszüge aus dem Kosovo gesehen habe, hat mich das tief berührt. Von meinem Gefühl her identifiziere ich mich stark mit allem Fremden. Wenn ich etwa islamophobe Äußerungen höre, trifft mich das ganz persönlich.

Gleichzeitig sind Juden das oberste Feindbild der islamischen Fundamentalisten. Stört Sie das nicht?

Ich werde damit nicht konfrontiert. Ich weiß, dass es das gibt, aber vielleicht schließe ich die Augen davor. Meine Nachbarn hier in Berlin-Neukölln sind überwiegend türkisch oder arabisch. Mit denen beschäftige ich mich. Ich sehe die Mädchen, die zwar ihre Kopftücher tragen, aber gleichzeitig ungeheuer rotzig sind und sich gegen die Jungs durchaus wehren. So etwas beobachte ich mit Freude.

zur person

Erica Fischer, geboren 1943 in St. Albans, England, wo ihre Eltern nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 Aufnahme fanden. Nach dem Krieg kehrten sie mit ihren beiden Kindern nach Wien zurück. Dort studierte Erica Fischer am Dolmetschinstitut der Universität Wien.

Anfang der 70er Jahre wurde sie zu einer der Gründerinnen des österreichischen Feminismus und nahm als Aktivistin, Theoretikerin und Rednerin an unzähligen Veranstaltungen und Demonstrationen teil. Sie ist Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift "AUF - Eine Frauenzeitschrift" und der Buchhandlung "Frauenzimmer", die 2007 schließen musste.

1988 übersiedelte sie als freie Autorin, Buchübersetzerin (aus dem Englischen) und Journalistin (Print und Hörfunk) nach Deutschland, seit Ende 1995 lebt sie in Berlin. Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen zählen die Bücher "Jenseits der Träume. Frauen um vierzig" (1983), "Aimée & Jaguar. Eine Liebesgeschichte", Berlin 1943" (1994), "Die Liebe der Lena Goldnadel. Jüdische Geschichten" (2000), "Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Rosl und Liesl" (2005) und zuletzt "Himmelstraße. Geschichte meiner Familie" (2007).

Fischer erzählt darin die Geschichte zweier ungleicher Geschwister, deren jüdische Mutter von den Nazis aus Wien vertrieben wurde, sich in England ein neues Leben aufbaute und von einer Auswanderung nach Australien träumte. 1948 aber kehrte sie mit den Kindern nach Wien zurück - aus Liebe zu ihrem Ehemann. Die jüdischen Großeltern sind in Treblinka ermordet worden, zeitlebens fühlt sich die Mutter entwurzelt, ihr Sohn Paul bleibt in ihrer Nähe gefangen, nur die Tochter baut sich fernab ein eigenes Leben auf. Doch auch sie ist rastlos, auf der Suche nach Geborgenheit, sitzt über Pauls Notizen und liest immer deutlicher die Ankündigung seines Selbstmords heraus . . .