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Erinnerungen an Vietnam

Von Georg Friesenbichler

Analysen

Die Niederlage vom Jänner 1842 bei Kabul beschädigte den Nimbus der Unbesiegbarkeit des britischen Weltreiches nachhaltig. Von einer samt Tross 16.000 Mann starken Interventionstruppe kehrte nur einer zurück. Die Sowjetunion marschierte 1979 gar mit 80.000 Soldaten in Afghanistan ein, aber ihr ging es nicht besser: Zehn Jahre und 15.000 Gefallene später mussten die Sowjets wieder abziehen.


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Jetzt stehen rund 110.000 fremde Soldaten am Hindukusch, 30.000 weitere wollen die USA heuer schicken. Der Unterschied zu früheren Interventionen: Heute steht nicht eine einzelne Macht im Kampf gegen einheimische Aufständische, sondern eine internationale Koalition. Aber wird die Nato, die diese Operation anführt, unbeschädigter aus ihr hervorgehen als Briten und Russen?

Immerhin wird nun anerkannt, dass allein militärische Kraft nicht zum Erfolg führen kann. Allerdings haben auch die Sowjets gegen Ende ihrer Herrschaft versucht, die wirtschaftliche Situation zu verbessern. Nach ihrem Abzug war der von ihnen eingesetzte Staatspräsident Mohammed Najibullah chancenlos gegen die von den USA gestützten Mudschaheddin.

Die Amerikaner fühlen sich weniger an das Scheitern anderer Großmächte in Afghanistan, sondern an ein nationales Trauma erinnert. "Obamas Vietnam" setzte das Magazin "Newsweek" schon wenige Tage nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten auf den Titel. Der jüngste Taliban-Überfall im Herzen Kabuls erinnert das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel" an die Tet-Offensive des Vietcong 1968, "die Amerikas Niederlage im südostasiatischen Dschungel bereits ahnen ließ".

Die derzeitigen Abzugspläne lassen gleichfalls ein wenig an Vietnam denken. Nach massiven US-Flächenbombardements wurde 1973 ein Friedensvertrag samt Waffenstillstand unterzeichnet, zwei Jahre später war das auf sich selbst gestellte Südvietnam von nordvietnamesischen Truppen überrannt. Die Regierung in Hanoi entmachtete im Süden die Bündnispartner von der Nationalen Befreiungsfront FNL und errichtete ein antikapitalistisches Regime, das alsbald in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet - zehntausende "Boat people" flohen.

So überstürzt wie sein Vorgänger Richard Nixon will Barack Obama den Verbündeten nicht verlassen. Zwar soll im nächsten Jahr mit dem Truppenabzug begonnen werden, aber auch dieses Datum ist nicht in Stein gemeißelt, noch weniger ein Termin, an dem der letzte US-Soldat Afghanistan verlässt.

Die Bevölkerung der in Afghanistan engagierten Staaten könnten den Willen, eine explizite Niederlage zu vermeiden, freilich schwinden lassen. Zwar gibt es keine großen Antikriegsdemonstrationen wie vor 40 Jahren. Doch sinkende Umfragewerte könnten für Politiker ein Grund sein, einen nicht zu gewinnenden Krieg aufzugeben.

Siehe auch:Taliban: Fanatiker als Friedensengel?