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Erkaltete Liebe im Gas-Sektor

Von Veronika Eschbacher

Politik

Die South-Stream-Pipeline kommt voran, Russland blickt aber schon nach Osten.


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Sofia. Es ist eines der großen Hoffnungsprojekte der Gazprom: Heute, Donnerstag, will Bulgarien als letztes Transitland mit dem russischen Energiegiganten das Abkommen zum Bau des bulgarischen Teilstücks der "South Stream"-Gaspipeline unterzeichnen. Der Spatenstich für das Großprojekt, das Russland mehr Unabhängigkeit von ungeliebten Transitländern wie der Ukraine bringen soll, soll am 7. Dezember im russischen Anapa erfolgen - ungeachtet noch ausstehender rechtlicher Entscheidungen und der verbliebenen Unklarheiten beim Bau des Offshore-Abschnitts durch das Schwarze Meer.

Doch der russische Energiekonzern ist bei weitem nicht der Einzige, der nach neuen Transportwegen sucht. Spätestens seit den mehrmaligen Gaskonflikten zwischen der Ukraine und Russland ab 2005, die auch die Versorgungssicherheit Europas trafen, halten die zumeist von russischem Gas abhängigen europäischen Länder die Augen für Alternativen weit offen. Leichte Verbesserungen konnten bereits durch Umstellungen von Pipelineflüssen oder dem Aufbau von Speicherkapazitäten erzielt werden. Weit gediehen ist der Fortschritt jedoch noch nicht. Bulgarien etwa hängt nach wie vor zu 90 Prozent von Gasimporten ab - und davon wiederum werden 100 Prozent von einer einzigen Firma, nämlich der Gazprom geliefert.

Europas Bestrebungen, dagegen zu halten, sind zwar vorhanden, die Erfolge jedoch dürftig. "Europa tut nichts, um mehr Gas nach Europa zu bringen und bleibt auch in der Frage der Logistik untätig", beklagt OMV-Chef Gerhard Roiss am Mittwoch bei der Präsentation des "World Energy Outlook" der Internationalen Energieagentur in Wien. Während Amerika völlig unabhängig würde, steige in Europa die Abhängigkeit von Gas von 70 auf knapp 90 Prozent an. "Es passiert in Europa auch nichts, um Schiefergas zu unterstützen", sagt Roiss.

Zu den größten Sorgenkindern der europäischen Energiepolitik gehört die von der EU unterstützte "Nabucco"-Pipeline, mit der Gas vom Kaspischen Meer unter Umgehung Russlands nach Europa gebracht werden soll. Vor kurzem erinnerte die OMV in ihrem Ausblick, dass der weitere Fortschritt von der Entscheidung des Shah-Deniz-II-Förderkonsortiums abhängig sei. Diese wird sich wohl entweder für die kürzere "Nabucco West", die von der türkisch-bulgarischen Grenze nach Österreich führt, oder die "Trans Adriatic Pipeline" (TAP), die über Albanien, Griechenland und Italien geht, entscheiden. Dass sich das Konsortium aus BP, Statoil, Socar und Total für beide Leitungen aussprechen könnte, glaubt man in der OMV nicht - für eine wirtschaftliche Auslastung beider Projekte wird am Kaspischen Meer schlicht und einfach nicht genug Gas gefördert. Ein Beschluss wird für das Frühjahr 2013 erhofft.

Russland späht vermehrt in Richtung Asien

Die europäischen Ambitionen, eine eigene Energieaußenpolitik zu entwickeln und Energiequellen, Lieferanten und Transportwege stärker zu diversifizieren, bekommen aber von unerwarteter Seite Schützenhilfe. Der Schiefergasboom in den Vereinigten Staaten und der Ausbau der Produktion im Irak wird langfristig dazu führen, dass Gas auch über ganz andere Wege zu den europäischen Abnehmern findet.

"Die goldenen Jahre für Gazprom sind zweifellos vorbei", sagt der Russland- und Energieexperte Gerhard Mangott im Gespräch mit der "Wiener Zeitung. Die Wettbewerbsfähigkeit des russischen Gasproduzenten sei - langfristig gesehen - im Sinken. Davon zeugen auch Preiskonzessionen, die Gazprom heuer schon Polen, Deutschland oder aber auch Bulgarien gewährt hat.

Historisch wurden Gaslieferverträge mit Russland auf 20 bis 25 Jahre abgeschlossen und der Gaspreis an den Ölpreis gebunden. So sollte garantiert werden, dass die hohen Investitionen für Förderanlangen und Pipelines sich rechnen und die Abnahme garantiert werden. "Vor allem bei der Ölpreisbindung und den Klauseln über die fix festgelegten Abnahmemengen wird es wohl Änderungen geben müssen", schätzt Mangott. Der Anpassungsbedarf an die neuen Marktgegebenheiten könne durch politischen Druck verstärkt werden.

In Russland sei bereits auf Regierungsebene wie auch bei Gazprom und bei Rosneft eine stärkere Orientierung hin nach Asien zu beobachten, sagt Mangott. Man könne davon ausgehen, dass - bei sinkender Rentabilität des europäischen Markts - der Schwerpunkt der Erschließung neuer Gasfelder jenseits des Urals liegen wird und die Gasfelder, die bisher für Europa gedacht waren, für Russland an Priorität verlieren. "Ob das für Europa wünschenswert ist, sei dahingestellt", sagt Mangott. Immerhin hat die EU-Kommission bereits einen energiepolitischen Konflikt mit dem Kreml laufen, seit sie Anfang September ein Wettbewerbsverfahren gegen Gazprom eröffnet hat. Der Staatskonzern hätte seine Marktmacht missbraucht. Fundamentale Zukunftsängste müssen die Russen aber dennoch nicht plagen. Das Land besitzt nach wie vor die weltweit größten Erdgasreserven und wird der größte Gasexporteur bleiben.