PodcastZagreb - Zehn Monate nach dem Tod von Franjo Tudjman geht in Kroatien auch die Schonzeit für seine Familie zu Ende. Das Innenministerium bestätigte am Mittwoch, dass gegen die Tochter des im Dezember 1999 verstorbenen Präsidenten Ermittlungen wegen Korruption eingeleitet wurden. Nevenka Tudjman wird vorgeworfen, Bestechungsgelder in Höhe von 2,6 Mill. Kuna (4,81 Mill. S) genommen zu haben.
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"Das ist eine Kampagne, um den Ruf meines Vater zu zerstören", verteidigte sich die Geschäftsfrau. Die Mehrheit der Kroaten spricht indes von der "Spitze des Eisbergs"
Nevenka ist nämlich nicht das einzige Mitglied des "Tudjman-Clans", das sich in den vergangenen Jahren bereichert haben soll. Ihr beruflicher Aufstieg jedenfalls sorgte für Aufsehen. Als Franjo Tudjman zu Beginn der 90er Jahre die Macht erklomm, arbeite Nevenka als Buchhalterin in einem Zagreber Verlagshaus. Dann drang sie jedoch in kürzester Zeit in die höchsten Wirtschaftsetagen vor. Bald betrieb ihre Firma "Netel" lukrative "Duty Free Shops" an diversen Grenzübergängen.
Zudem eröffnete sie im Zentrum der Haupstadt Zagreb eine erkleckliche Anzahl von Geschäften. Die Lokale in bester Lage mietete sie angeblich für einen Spottpreis vom Verteidigungsministerium an. Als durch eine Gesetzesänderung die Einnahmen aus den Zollfreiläden drastisch zurückging, wurde flugs die Firma "Kornet" gegründet. Die Produktion von Eistüten lief deshalb so gut, weil "Kornet" zum Hauptlieferanten des kroatischen Eiscreme-Riesen "Ledo" avancierte. Dessen Besitzer Ivica Todoric ist einer der größten Tycoons des Landes. Nicht zuletzt deshalb, weil er die Sommer mit dem Präsidenten auf der Insel Brijuni zu verbringen pflegte.
Zum Verhängnis könnten ihr nun die guten Kontakte in das Wissenschaftsministerium werden, die sie vor ein paar Jahren nutzte, um dem französischen Konzern "Alcatel" einen Großauftrag für alle Fakultäten der Zagreber Universität zu vermitteln. Dabei sollen die besagten 2,6 Millionen Kuna in ihre Taschen geflossen sein. Nevanka ist die erste der "Tudjmans", gegen die ermittelt wird, Doch der kroatische Präsident Stipe Mesic ging neulich geradezu vorbeugend mit der ganzen Familie hart ins Gericht: "Sie nutzten ihre Positionen ausschließlich, um Profit zu machen."
Ein weiteres Beispiel ist Nevenkas Sohn Dejan, der in den neunzigern Jahren bis zum Direktor und Mehrheitseigentümer der "Kaptol banka" aufstieg und die Importrechte für "Happy Day"-Fruchtsäfte erwarb. Sehr einträglich war für Dejan Tudjman aber vor allem, die Einrichtung des Schießgeländes "Domagojevi strijelci", in dem jeder Kroate vor dem Erwerb des Waffenscheins ein ebenso obligatorisches wie kostenpflichtiges Training absolvieren musste. Auch die kroatische Exekutive und die Armee zählten zu den Stammgästen.
Franjos jüngster Sohn Stjepan Tudjman wiederum war als kleiner Angestellter eines Nahrungsmittelkonzern beschäftigt, ehe er 1990 Chef der "Domovina holding" wurde. Diese hatte in Folge die Alleinrechte zur Ausstattung der Armee inne. Heute führt Stjepan Tudjman noch einige Restaurants und Bistros in der Zagreber Innenstadt sowie eine bedeutende Leihwagenfirma. Aus der Reihe der Geschäftemacher tanzte lediglich sein Bruder Miroslav. Er ging zum Geheimdienst - als Chef natürlich.
Miroslav Tudjman koordinierte die Nachrichtendienste HIS (Kroatischer Informationsdienst) und UNS (Büro für Nationale Sicherheit). Insbesondere HIS wurde vom Präsidenten als Instrument für seine Machtausübung und -absicherung genutzt. Bespitzelt wurden angeblich nicht nur Kroaten, sondern auch ausländische Korrespondenten und Diplomaten. In Tudjmans Amtszeit fiel auch die Überwachung von Mitarbeitern internationaler Organisationen in Bosnien-Herzegowina, wo ein illegales kroatisches Agentennetz aufgebaut worden war. Erst das Ende der Regierung der HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft) Anfang des Jahres zwang Miroslav Tudjman in die Knie. Er trat im Februar zurück.
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