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Erreicht der Wind des Wandels auch Nordkorea?

Von Stefan Haderer

Gastkommentare
Stefan Haderer ist Kulturanthropologe und Politikwissenschafter.

Nach dem Tod des "geliebten Führers" Kim Jong-il wird es nicht zuletzt von China abhängen, welche politischen Auswirkungen der Führungswechsel hat.


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Abgöttisch geliebt von den höchsten Kadern seiner Partei, abgrundtief verhasst von einer nicht geringen Zahl der Bevölkerung - nur diese beiden Extreme reichen wohl aus, um die Person Kim Jong-ils oder vielmehr den Personenkult, der 17 Jahre lang zum Sinnbild Nordkoreas geworden ist, zu beschreiben. Mit dem friedlichen Ableben des "geliebten Führers" während einer Zugfahrt durch sein von Armut geprüftes und von der Außenwelt völlig abgeschirmtes Land steht Nordkorea allerdings nicht vor einem Machtvakuum, wie dies in Libyen nach der Ermordung Muammar al-Gaddafis der Fall ist. In weiser Voraussicht sorgte Machthaber Kim Jong-il noch zu Lebzeiten für seine Nachfolge durch die Beförderung seines Sohnes Kim Jong-un in hohe militärische Würden.

Seit seiner Gründung 1948 ist Nordkorea, eine der letzten kommunistischen Diktaturen und der am stärksten isolierte Staat der Welt, den USA und ihren Verbündeten Japan und Südkorea ein Dorn im Auge. Hatte das Land während der Herrschaft des "väterlichen Führers" Kim Il-Sung, dessen Tod 1994 im ganzen Land eine Massenpsychose auslöste, noch einen beachtenswerten Wirtschaftsaufschwung zu verzeichnen, so schlitterte es unter seinem Sohn Kim Jong-il endgültig in den Abgrund. Der "geliebte Führer" hat auch nichts getan, um dies zu verhindern. Der Bevölkerung in Nordkorea mangelt es neben Treibstoff und Infrastruktur an Grundnahrungsmitteln und medizinischer Versorgung.

Die Wiedervereinigung zwischen West- und Ostdeutschland gibt vielen Koreanern im Norden wie im Süden Hoffnung, doch noch jene Grenze zu öffnen, die unüberwindbar scheint. Jenseits der verminten demilitarisierten Zonen liegen einander aber zwei Staaten gegenüber, die eher zwei Galaxien gleichen. Ein Blick auf nächtliche Satellitenaufnahmen genügt: Während Südkorea hell erstrahlt und alle Vorzüge des Westens genießt, leuchtet in Nordkorea höchstens der Juche-Turm von Pjöngjang, der Rest des Landes wird von der Finsternis verschlungen. Eine Öffnung der Grenzen - darin sind sich Experten und Politiker einig - würde Südkorea zweifellos überfordern. Es bedürfe nicht nur des Aufbaus moderner Infrastruktur im Norden, sondern auch eines Umdenkens innerhalb der Gesellschaft, das sich nicht von heute auf morgen erzwingen ließe. Diese Herausforderung allein wird über Generationen hinweg bestehen.

Außenpolitisch konnte Nordkorea stets auf China, seinen einzigen Verbündeten, zählen. China war auch das erste Land, das der Regierung in Pjöngjang sein Beileid für den plötzlichen Tod Kim Jong-ils aussprach. Dieser diplomatische Zug zeigt, dass sich an Chinas enger Bindung zu Nordkorea auch nach dem Führungswechsel nichts ändern wird. Für Asiens Supermacht übernimmt das kommunistische Regime auf der koreanischen Halbinsel weiterhin die Funktion eines Schutzschilds, den China in Hinblick auf seine wirtschaftliche Expansion im Pazifik nicht missen will. Ob der Wind des Wandels nun auch Nordkorea erreichen wird, hängt also letztlich auch von den Nachbarn ab.