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Erst die Trauer und dann gleich die Wut

Von Mercan Falter

Gastkommentare
Mercan Falter ist Fotografin und Redakteurin bei der Arbeiterkammer Wien. Die Wienerin hat durch das Erdbeben in der Türkei mehrere Verwandte verloren.
© privat

Eine ganz persönliche Betrachtung des verheerenden Erdbebens im türkisch-syrischen Grenzgebiet mit rund 50.000 Toten.


Wie trauert man um sechs Menschen gleichzeitig? Es funktioniert nicht. Man weiß nicht, wo anfangen und wie weitermachen. 50.000 Menschen sind tot, und sechs von ihnen gehören zu meinen engsten Verwandten. Tausende sind noch verschüttet. Millionen Menschen sind obdachlos und stehen vor dem Nichts. 23 Millionen Menschen sind in der riesigen Region betroffen. Das sind Dimensionen, die unser Verstand gar nicht in der Lage ist zu verarbeiten. Seither versuche ich jeden Tag, Menschen das Ausmaß der Katastrophe näherzubringen. Den Opfern und Überlebenden Gesichtern zu geben. An die zerstörten Gebiete zu erinnern, das Vorgehen der Regierung in Kontext zu setzen.

Ich versuche für meine Gefühle Worte zu finden, um anderen begreiflich zu machen, was es bedeutet, wenn deine Liebsten verschüttet sind und tagelang keine Hilfe kommt. Alles davon ist ein Versuch, das Ausmaß, das Leid und die benötigte Hilfe von uns allen fassbar zu machen. Dabei begreife ich selbst noch gar nicht, welchen persönlichen Verlust wir verkraften müssen. Vier Tage lang haben wir um Hilfe gebetet und gebangt. Jetzt ist klar, dass die Städte und Häuser, in denen ich die Sommer meiner Kindheit verbracht habe, unwiderruflich zerstört sind. Der Geburtsort meiner Eltern, meiner Großeltern, meiner Urgroßeltern - die Orte meines Ursprungs, ein Teil meiner Heimat.

Unsere Wurzeln gehen tief

Hatay hat im vorigen Jahrhundert einige Male seine staatliche Zugehörigkeit geändert, vom Osmanischen Reich, zum französischen Mandat, zum autonomen Staat, und schließlich wurde es als jüngste Provinz Teil der Türkei. Die Heimat und damit Zugehörigkeit meiner Familie zu diesem paradiesischen Ort hat sich in all der Zeit nicht geändert. Unsere Wurzeln gehen tief. Bebt dort die Erde, beben wir alle mit. Reißen auf und verschieben uns. Wie gedenkt man sechs Menschen und seiner Identität gleichzeitig? Ich wage den Versuch.

Man sagt, Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Onkel Rafi, Tante Cahide - das wart und seid für immer ihr. Wenn ich an euch denke, spüre ich eure Hände, wie sie vorigen Sommer meine in Henna wickeln und der Liebe meines Lebens übergeben. Wie ihr mich wie euer eigenes Kind in Liebe gehüllt und aufgezogen habt. Ich höre Cahide lachen und singen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich dich stets tanzend. Wie sollen wir nur weitermachen ohne dich? Ohne deine Fürsorge, deine Wärme, deine arabischen Lieder und deinen nie enden wollenden Drang, anderen Menschen zu helfen? Unsere Matriarchin. Niemand hat es so gut verstanden, unsere riesige, chaotische Familie zurechtzuweisen, wie du.

Selbst die Sturköpfigsten sind deinem Rat gefolgt, denn du hast immer Worte der Weisheit gefunden, wenn wir keine hatten. "Sultan Cahide" nannte dich mein Onkel, liebevoll. Du warst allen eine Mutter, die eine brauchten, gabst und verkörpertest das Essen, das uns nährte, die Kleider, die uns wärmten, die Betten, in denen wir zur Ruhe kamen. Nun flackerst du als hellster Stern am Firmament. Ich werde nie aufhören, mich mit dir zu unterhalten. Onkel Rafi, für deine wunderschöne Seele habe ich nicht ausreichend an Worten. Als dein Vater, mein Opa, als Gastarbeiter nach Österreich ging, warst du erst ein Teenager. Der Älteste von zehn Geschwistern. Als dein Vater mit nur 51 Jahren starb, hast du gemeinsam mit meiner Tante die Familie zusammengehalten. Du hast sie großgezogen und geleitet, hast so jung eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen und dich um deine Geschwister gekümmert. Bis zum Schluss.

Der Pol für unseren Kompass

Ich habe dir das nie gesagt, aber ich habe immer bewundert, wie jemand, der sein ganzes Leben so stark und standhaft sein musste, es geschafft hat, nicht auch hart und kalt zu werden. Doch du warst das Gegenteil. Du warst weich und sanft und verspielt. Hast das größte Herz getragen, in dem jede und jeder Platz hatte, und einen Sinn für Gerechtigkeit, von dem du dich durchs Leben hast leiten lassen. Dein Lieblingsort war das Meer. Ich denke heute oft daran zurück, wie du mir als Kind stets versichert hast, du würdest auf meine Ankunft aus Wien warten, damit wir gemeinsam die Schwimmsaison eröffnen. Das war dein Märchen, dass ich dir gerne geglaubt habe. Ich war älter, als ich zugeben möchte, als ich verstand, dass du täglich im Meer schwimmen warst, ohne mir davon zu erzählen. Du wolltest, dass ich weiß, wie besonders es für dich war, mit mir gemeinsam darin zu baden. Für dich waren das Salzwasser und die Schwerelosigkeit heilsam, die Wellen deine Therapie. Ich muss daran glauben, dass es dort, wo du jetzt bist, ein Meer für dich gibt.

Euer Tod ist der Verlust des Pols, nachdem sich unser Kompass ausgerichtet hat. So orientierungslos wir nun sind, werden wir uns neu finden müssen. Denn wir wissen: Ihr würdet nichts anderes von uns dulden. Mit dem Wissen, dass es nie wieder so sein kann, wie es war, und für immer ein bisschen dunkler ist.

Serhan, mein Cousin. Seine Frau, Basak. Eine Geschichte einer Jugendliebe. Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen, als wir im Sommer 2021 in Arsuz vor eurem Pub gesessen sind und angestoßen haben. Ihr hattet an dem Tag herausgefunden, dass ihr Mahir erwartet. Serhan, wir haben noch über das Timing gescherzt, gerade erst eine eigene Bar übernommen - und nun ein Baby im Anmarsch? Weißt du noch? Doch ihr wart überglücklich. Mit einer Art von Liebe füreinander, die alles andere um sich herum verblassen ließ. So habe ich euch in Erinnerung, und so seid ihr auch gegangen. Einander schützend, festhaltend, in eurer Mitte euer Baby.

Heute bin ich unendlich dankbar, dass ich ihn zumindest einmal im Arm halten und über seine Wangen streicheln konnte, Serhan. Heute bin ich jedoch auch wütend darüber, dass wir nicht erfahren durften, ob er wohl eher so still und sanft wie sein Vater oder so herzlich und kontaktfreudig wie seine Mutter werden würde. Es ist nicht fair. Ihr hattet noch so viel vor.

Ein Ausschnitt der Katastrophe

Ganze Familien wurden ausgelöscht und auseinandergerissen. Nejdet, als es um euch laut und dunkel wurde, hast du deine Frau und deine zwei kleinen Kinder in Sicherheit gebracht. Für dich selber fehlte die Zeit. Vor den Augen deiner Familie verschwandest du für immer unter einer herabstürzenden Wand. Und mit dir deine schlechten Witze und deine kindliche Leichtigkeit. Zurück bleibt eine Schwere, die meine Cousine auf einen Schlag ohne Mann, Haus und Job mit zwei kleinen Kinder zurückgelassen hat. Wir werden sie auffangen, wie du es getan hast. Nejdet, ich gebe dir unser Wort.

Wir sind nur ein Ausschnitt dieser Katastrophe. Unsere Geschichte ist eine von tausenden. Wir stammen aus einer Region, einem Volk, einer Geschichte, die im Kollektiv denkt. Im "Wir" erzählt und handelt. Als Minderheit in der Türkei ihr Überleben damit gesichert hat. An die Trauer schließt sich sogleich die Wut. Die Wut über die schlecht gebauten Häuser, die Korruption, den strukturellem Rassismus, die ausbleibende Hilfe. Die Wut über Menschen, die von einer Naturkatastrophe reden, obwohl bloß das Erdbeben selbst natürlichen Ursprungs war und alles davor und danach auf politisches Versagen zurückzuführen ist.

Es fehlt immer noch an allem

Drei Wochen sind vergangen seit der Nacht, in der wortwörtlich alles in sich zusammenfiel, und die Realität ist: Es gibt noch immer nicht genug medizinische Versorgung, es fehlt an Zelten, Proviant, Duschen, Klos. Es ist kalt, es war zu kalt, als die Menschen in Pyjamas bekleidet aus ihren Häusern flohen. Die hygienischen Bedingungen sind unmenschlich und unwürdig, der Leichengeruch drängt sich durch die Straßen und bleibt in der Nase der Überlebenden haften. Wovor sollen die Verbliebenen mehr Furcht haben: vor einer Erkrankung oder vor einem weiteren Beben? Die Region hört nicht auf zu beben. Die Erde nimmt keine Rücksicht auf die physisch und psychisch an ihren Grenzen angelangten Überlebenden, entlädt sich weiter.

Das Beben hatte sich lange genug davor angekündigt. Hatay und seine Bewohnerinnen und Bewohner wurden sich selbst zum Sterben überlassen. "Wir sind zwar nicht eingestürzt, aber wir stehen auch nicht", sagen sie. Was sie und wir als Angehörige jetzt brauchen, ist Hoffnung. Die Aussicht auf eine mögliche Zukunft. Sie brauchen das Gefühl, global gesehen, gehört und geholfen zu werden. Nicht allein gelassen zu werden. Und was das Gedenken betrifft: Meine Lieben, ich kann euch nur versprechen, dass ich niemanden vergessen lassen werde. Ich werde niemals aufhören, an euch zu erinnern. Ich werde niemals aufhören, das Unrecht, das euch widerfahren ist, zu benennen und unseren Leuten zu helfen, sich wieder aufzurichten. "Sultan Cahide" würde nichts anderes durchgehen lassen.