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"Erst Nobelpreis heilte Wunden"

Von Alexander Dworzak

Politik

Einigen sich Schwarz und Rot nun nicht, präferiert Bahr Minderheitsregierung.


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SPD-Übervater Brandt: Der Charismatiker zählt für Egon Bahr (v.) zu den drei großen Regierungschefs Deutschlands nach 1945.
© Foto: reu

Wien. Für nur ganz wenige Personen ist das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden aufgehoben - Egon Bahr zählt zu ihnen. Doch während Deutschlands Ex-Kanzler Helmut Schmidt unentwegt seine Mentholzigaretten inhaliert, greift Bahr bei seinem Besuch in Wien nur zwei Mal binnen eineinhalb Stunden zum Glimmstängel. Der mittlerweile 91-Jährige gilt als Architekt der Ostpolitik während der Kanzlerschaft von Willy Brandt (1969 bis 1974). "Wer waren Deine Freunde?", fragte Lars Brandt seinen Vater bei deren letzter Begegnung. "Egon", lautete die knappe Antwort. Anlässlich von Brandts 100. Geburtstag im Dezember stellte Egon Bahr auf Einladung des Bruno Kreisky Forum für internationalen Dialog sein Buch "Das musst Du erzählen - Erinnerungen an Willy Brandt" vor.

"Wiener Zeitung": Der Eiserne Vorhang ist vor Jahrzehnten gefallen, Willy Brandt vor mehr als 20 Jahren verstorben - und weiterhin fest im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert. Woher rührt das?Egon Bahr: Die Bevölkerung schätzte an Brandt, dass er seine menschlichen Schwächen nicht verborgen hat. Und er war ein Glücksfall für Ost und West: Der Osten respektierte ihn aufgrund seiner antifaschistischen Haltung. Im Westen wurde Brandt als Verteidiger Berlins angesehen, schließlich war er zur Zeit des Mauerbaus Bürgermeister der Stadt. Drittens erkannten sich die Deutschen in ihm wider, als er 1971 für die Ostpolitik den Friedensnobelpreis erhielt. Sie durften nach den grausamen Erfahrungen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg wieder stolz auf sich sein.

Brandts Kniefall 1970 am Mahnmal des Ghetto-Aufstandes in Warschau ist weltberühmt. Welcher Moment seiner Polit-Karriere hat Sie am stärksten bewegt?Als Brandt im selben Jahr auf dem Moskauer Flughafen landete (zur Unterzeichnung des "Moskauer Vertrages", der unter anderem die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens als "unverletzlich" erklärte, Anm.). Ich stand auf dem Flugfeld, Brandt kam mit einer Maschine der Luftwaffe, auf dem Flugzeug prangte also das Eiserne Kreuz. Vor Ort wurde die deutsche Hymne gespielt. Ich habe ein Kribbeln im Rücken verspürt. Das ist mir nochmals ein Jahr später passiert, als eine solche Maschine auf der Krim-Halbinsel landete. Der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew nahm Brandt in Empfang und sagte: "Zum ersten Mal landet wieder ein deutsches Flugzeug auf der Krim. Ist doch viel angenehmer, dass die Deutschen nur einen guten Gast bringen und nicht Bomben."

Sie haben einmal gesagt: "Im Grunde war Brandts ganzes weiteres Leben der Versuch, nach 1945 wieder in Deutschland aufgenommen zu werden." Ab wann fühlte er sich aufgenommen?

Mit der Verleihung des Nobelpreises. Ab dann formulierte Brandt auch klarer, sagte "ich" statt "man". Mit der Auszeichnung konnten Verletzungen durch den Mauerbau, Wunden die nur vernarbt waren, endlich heilen. Kanzler Konrad Adenauer schmähte ihn 1961 als "Herrn Brandt alias Frahm" - eine mehrfache Verunglimpfung: Er warf ihm die Emigration nach Norwegen vor und spielte auf Brandts uneheliche Geburt an, was zur damaligen Zeit ein gesellschaftliches Tabuthema war.

Brandt bezeichnete 1984 die Wiedervereinigung als Lebenslüge. Hat er tatsächlich nicht mehr damit gerechnet?

Die Wiedervereinigung als Lebenslüge ist in mehrfacher Hinsicht zu verstehen. Erstens war es eine Lebenslüge zu denken, dass das Thema das Wichtigste war. Zweitens gab es für Brandt keine Wiedervereinigung, denn es wurde nicht das wiedervereinigt, was zusammengewesen war. Drittens stand das Wort Wiedervereinigung nicht einmal in der Verfassung, sondern Selbstbestimmung des Volkes. Alle drei Faktoren zusammen bedeuteten für Brandt eine Lebenslüge: Von Wiedervereinigung nur zu schwätzen, obwohl es nicht korrekt war und nichts bewirkte. Denn wir waren nicht kompetent, bis uns die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges die Wiedervereinigung auf dem Silbertablett servierten.

Sie haben Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl als große Kanzler bezeichnet. Was fehlt Angela Merkel, um eine große Kanzlerin zu sein?

Ich kann sie noch nicht endgültig beurteilen.

Merkel amtiert aber bereits seit 2005 . . .

Das reicht nicht. Ich kann eine Kanzlerschaft nicht beurteilen, ehe sie nicht beendet ist. Genauso wenig kann ich im Vorhinein beurteilen, wer das Zeug zum Kanzler hat.

Vielleicht wollen Sie ein Urteil zur SPD abgeben: Sie sind seit knapp sechs Jahrzehnten deren Mitglied. In welchem Zustand befindet sich die Partei?

In der SPD ist man enttäuscht, der geringe Zugewinn bei der Bundestagswahl erscheint angesichts der enormen Gewinne der Konservativen als Verlust. Gleichzeitig ist die SPD fast unentbehrlich, solange Angela Merkel denkt, dass sie die Sozialdemokraten in einer Regierung braucht.

Fast 16 Prozentpunkte lagen CDU/CSU bei der Wahl vor der SPD. Welche Fehler sind da passiert?

Entscheidend war, dass wir nicht den Kanzler gestellt haben. Frau Merkel hat den besten Wahlkampf geführt, indem sie so getan hat, als würde es keinen Wahlkampf geben unter dem Gesichtspunkt "Mutti wird‘s schon richten". Die Deutschen glauben das gerne und sind zufrieden, wenn sie in Ruhe gelassen werden. Und was möglich gewesen wäre, hat Mutti abgeräumt, die CDU nach links geführt.

Die Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD laufen zäh. Rechnerisch wäre Rot-Rot-Grün möglich - eine Alternative?

Nicht auf Bundesebene, denn die Linkspartei hat in Außen- und Sicherheitspolitik keine tragbaren Positionen. Deutschland muss aber berechenbar bleiben. Eher könnte ich mir eine Minderheitsregierung vorstellen; SPD und CDU/CSU würden in jenen außen- und sicherheitspolitisch wichtigen Themen eine stabile Mehrheit bilden.

Sehen Sie in der europäischen Linken derzeit Personen vom Format des früheren Triumvirats Brandt-Kreisky-Palme?

Ich sehe niemanden, der die anderen Politiker in ähnlicher Weise überstrahlt.

Egon Bahr wechselte vom Journalismus in die Politik, wirkte unter Willy Brandt u.a. als Sprecher des Berliner Senats und Minister für besondere Aufgaben im Kanzleramt. Nach Brandts Rücktritt war er Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und SPD- Bundesgeschäftsführer.