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Erste Bank muss massiv ausmisten

Von Karl Leban

Wirtschaft


| Teure Abschreibungen auf Osttöchter größte Brocken in heuriger Bilanz.


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Wien. Diese Nachricht hat selbst die größten Pessimisten auf dem falschen Fuß erwischt: Statt eines Gewinns von fast einer Milliarde erwartet die mit Osteuropa stark verflochtene Erste Group im Gesamtjahr 2011 nun einen Riesenverlust von 700 bis 800 Millionen Euro. Erstmals seit ihrem Börsengang vor 14 Jahren wird die Wiener Großbank somit eine rote Bilanz abliefern.

Die ursprünglich geplante vorzeitige Rückzahlung der 1,22 Milliarden Euro schweren Staatshilfe fällt ins Wasser und wird um mindestens ein Jahr verschoben. Um seine Zinsen muss der Bund allerdings nicht bangen. Diese will Erste-Chef Andreas Treichl in voller Höhe zahlen - so wie bisher acht Prozent oder knapp 98 Millionen Euro. Für die Aktionäre hingegen wird es für heuer keine Dividende geben. Dass die Haupteigentümerin der Bank, die hoch verschuldete Erste-Stiftung, dadurch Probleme bekommen könnte, stellte Treichl in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Abrede. "In Sachen Liquidität haben wir da schon lange vorgesorgt."

Hohe Einmalbelastungen

Schuld daran, dass das Ergebnis heuer massiv in die Verlustzone dreht, sind Sonderabschreibungen auf den Firmenwert von Tochterbanken in Ungarn und Rumänien. Aber auch die Abwertung von Credit Default Swaps (CDS) - Papieren, die mit Ausfallrisiken von Krediten und Anleihen handeln - auf Marktpreise reißt der Ersten ebenso wie die Bankensteuer in Österreich und Ungarn sowie die von Budapest verfügte Konvertierungspflicht bei Euro- und Franken-Krediten tiefe Löcher in die Bilanz (siehe Grafik).

Im abgelaufenen dritten Quartal fielen milliardenschwere Belastungen an, was dem Institut nach den ersten neun Monaten unter dem Strich 920 bis 970 Millionen Euro Verlust bescherte. An der Wiener Börse sorgte das am Montag für Schockwellen: Die Erste-Aktie stürzte um bis zu 19 Prozent ab und setzte auch den übrigen Markt unter Druck.

"Wir ziehen uns warm an, und das ist teuer", sagt Treichl, der sich 2010 eine Gehaltssteigerung um 88 Prozent auf 2,8 Millionen Euro gegönnt hatte. Mit dem Saubermachen in der Bilanz bereite sich die Bank darauf vor, dass sich die Euro-Schuldenkrise weiter zuspitzt und die Realwirtschaft mit sich zieht. Treichl: "Wir stellen uns auf harte Zeiten ein, indem wir schon jetzt reinen Tisch machen." Mit den in der Bilanz schlummernden Problemen länger zuzuwarten hätte die Sache nicht besser gemacht, heißt es aus Erste-Aufsichtsratskreisen zur "Wiener Zeitung". Daher der Befreiungsschlag.

Kein Hilfsgesuch an Bund

Frisches Kapital brauche die Erste trotzdem nicht, betont Treichl. Die Kapitalquote (auf das Gesamtrisiko) werde - unterstützt durch ein anhaltend starkes Betriebsergebnis - bei 9,2 Prozent bleiben. Weder will Treichl die Börse anzapfen noch die Republik erneut um Hilfe bitten: "Da müsste man uns hinprügeln." Auch ein Anklopfen beim Euro-Krisenfonds EFSF kann sich Treichl für sein Haus nicht vorstellen. Intern muss die Erste aber zwei ihrer Tochterbanken rekapitalisieren - die Erste Bank Hungary mit bis zu 600 Millionen Euro und die rumänische BCR mit rund 100 Millionen.

Nationalbank-Chef Ewald Nowotny begrüßte es, dass die Erste das Staatskapital behält und die Dividende streicht.

Franz Hahn, Bankenexperte des Wifo, erwartet, dass auch andere österreichische, aber auch größere europäische Banken ähnlich wie die Erste gezwungen sein könnten, Risiken in der Bilanz radikal zu bereinigen. Bei der Finanzmarktaufsicht und der Nationalbank heißt es dazu nur: "Kein Kommentar." Die Raiffeisen Bank International kündigte jedenfalls weiterhin einen Gewinn für 2011 an - trotz einer notwendigen Abschreibung auf ihre Ungarn-Tochter. Kryptisch gab sich die Bank Austria: "Wir werden so wie bisher keine Gewinnprognose abgeben", sagte ein Sprecher auf Anfrage der "Wiener Zeitung".

10.10.2011 18:32