Zum Hauptinhalt springen

Erste Schritte im Dickicht der Ideen

Von Wolfgang Fritz

Wissen

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 20 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wie es den linke Orientierung suchenden jungen Goldscheid gerade nach Berlin hatte drängen können, ist weiters keine Frage. Dort spielte, um es im Slang der Stadt zu formulieren, die Musik. Kanzler Bismarck hatte seinen langjährigen und hinhaltenden Kampf gegen die Sozialdemokratie verloren, es gab einen ehrgeizigen jungen Kaiser, Wilhelm II, der meinte, keines Vormundes mehr zu bedürfen, ihn daher im Frühjahr 1890 einfach absetzte und durch einen ganz unbedarften Militaristen namens Georg Leo Grafen von Caprivi ersetzte. Ein Jahr später war auch die Sozialdemokratie vom Sozialistengesetz befreit und in allen Ehren als Partei eingesetzt. In dem Jahr, als der 22-jährige Rudolf Goldscheid nach Berlin kam, gab sich die Partei ihr Erfurter Programm, und Bismarcks Überwinder, der große August Bebel, wurde ihr Vorsitzender. Bebel war nicht nur Arbeiterführer und Parteimann, er hatte die Jahre der Verfolgung dazu genützt, die versäumte Bildung nachzuholen, und war ein höchst erfolgreicher Buchautor geworden. Sein bedeutendstes Werk, "Die Frau und der Sozialismus", eines der meistgelesenen sozialistischen Bücher überhaupt, hatte in den Jahren der Verfolgung nicht in Deutschland erscheinen dürfen.

Wir wissen von Rosa Mayreder, dass Goldscheid die Bekanntschaft des bedeutenden Mannes gesucht und auch gefunden hat, wenn auch leider nicht wann und unter welchen Umständen. Jedenfalls meint Rosa Mayreder, dass diese Begegnung den jungen Goldscheid zum Sozialisten gemacht hätte, wobei man wohl einschränken muss, dass er ein Sozialist im Sinne Bebels nie geworden ist.

Was seine Berliner Lebensumstände anbelangt, so können wir wieder mit aller Vorsicht Anleihen bei seinem Protagonisten Georg Wilken nehmen, über den er schreibt: "Er bezog von seinen Eltern ein ausreichendes Gehalt und war dadurch vor Not geschützt, auch wenn seine Feder gänzlich ruhte. So flossen seine Tage ohne äußere Sorge dahin; von denjenigen, die seine inneren Nöte nicht kannten, wurde er beneidet. Seine Kunst bereitete ihm aber manche schlaflose Nacht, und sein zersetzender Verstand und sein skrupulöser Charakter ließen ihn nur selten zu einem ungetrübten Genuss gelangen. Seine Zeit hatte er sehr regelmäßig eingeteilt. Bis zum Sonnenuntergang in seine Arbeiten vertieft, verließ er fast nie vor Abend sein Zimmer." Auch von einem Bücherschrank ist die Rede: "Dicke schwarze Bände über Nationalökonomie reihten sich neben philosophischen und historischen Werken in der oberen Hälfte; unten ... war der Platz für Klassiker und Belletristik."

Über seine Studien in Berlin liegt ein von Jochen Fleischhacker entdecktes Abgangszeugnis vom 11. Jänner 1895 vor, in welchem die von ihm gehörten Vorlesungen verzeichnet sind:

Es wird nicht verwundern, dass der künftige Vertreter eines staatlich angeleiteten Sozialismus seine ökonomische Bildung bei den beiden Hauptvertretern des Kathedersozialismus und führenden Geistern des Vereins für Socialpolitk Adolph Wagner und Gustav Schmoller erhielt.

Schmoller war der führende Ökonom des kaiserlichen Deutschland, Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik. Er war auch Herausgeber des Jahrbuchs für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich, -später einfach bekannt als Schmollers Jahrbuch.

Herrn Adolph Wagner sind wir schon in Wien begegnet. Er hatte sich mittlerweile auch in der Politik umgetan und gemeinsam mit dem antisemitischen Hofprediger Adolf Stoecker im Jahre 1881 eine Christlichsoziale Partei gegründet, welche den Einfluss der Sozialdemokratie bei den Arbeitern brechen wollte, und ohne Erfolg blieb. Auch vertrat der Mann, dessen politisches Programm heute wahrscheinlich auch der SPD zu links wäre, die Konservativen einige Jahre lang im Preußischen Abgeordnetenhaus.

Was nun den in Berlin herrschenden philosophischen Geist betrifft, so sei zunächst eine Rückblende gestattet: Während Frankreich und Amerika große Revolutionen erlebten, hatte das erlebnisarme aber gedankenreiche Deutschland wenigstens große Philosophen gesehen. Deren bedeutendste: der Ostpreuße Immanuel Kant (1724-1804) und der Schwabe Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831).

Kant entwickelte eine Erkenntnistheorie, welche die Begrenztheit der menschlichen Erkenntniskraft durch das Wahrnehmungsvermögen in den Mittelpunkt stellte. Wie das "Ding an sich", von dem uns unsere Sinne einen bescheidenen Abklatsch geben, beschaffen sei, werden wir niemals wirklich wissen. Mehr Popularität erzielte Kants Ethik, welche den Menschen höchst realistisch im Spannungsfeld zwischen seinem Egoismus und den Erfordernissen der Gemeinschaft, die er ja zum Leben braucht, sah. So muss er auch, wenn er sich nicht das Nest zerstören will, in dem er haust, aus eigenem Willen und eigener Einsicht gemeinschaftsverträglich handeln. Diese Auffassung gipfelt in Kants berühmten Kategorischen Imperativ, dem Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

Viel optimistischer die Philosophie Hegels: Was vernünftig sei, das sei wirklich, und was wirklich sei, das sei vernünftig. Die Vernunft beherrsche die Welt, so dass es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei. Der Weltgeist bediene sich zur Erfüllung seiner Zwecke einzelner großer Menschen, und es sei die List der Vernunft, dass sie glaubten, ihre individuellen Zwecke zu verfolgen, in Wahrheit aber den höchst vernünftigen Zielen des Weltgeistes dienten. Als Inbegriff eines solchen Menschen erschien Hegel der Kaiser Napoleon, den er am 13. Oktober 1806 selbst in Jena beobachten konnte: Als Weltseele zu Pferde. Und der Staat sei überhaupt sich wissende Vernünftigkeit und vollendeter Gottesdienst. Der preußische Staat aber, der ihn 1818 in Berlin als Philosophieprofessor ins Brot setzte, war wieder von allen Staaten der vernünftigste und vollendetste. In Hegel tritt uns also der Vater einer Staatsvergötzung entgegen, die gar nicht erst fragt, was könnte der Staat tun, um das Leben der Menschen zu verbessern. "Der Großvater der Gegenwart - der alte Hegel.", sollte Goldscheid in seiner "Ethik des Gesamtwillens" von ihm schreiben. " Mit seiner an sich bedeutungsvollen, aber der infamsten Auslegung fähigen Lehre: indem etwas so ist, ist es zugleich anders, hat er für alle Zeiten ein Bollwerk der Misslogik geschaffen das unangreifbar ist."

Als nun das deutsche Bürgertum die Revolution von 1848 mit ihren wenig ermutigenden Ergebnissen erlebt hatte, war Hegels Optimismus nicht mehr gefragt. Ein Kant-Schüler namens Arthur Schopenhauer (1788-1860) verbreitete die Auffassung, mit den Menschen könne es nichts Rechtes werden. Man müsse daher sein Leben in Entsagung und Trauer hinbringen. Der Lehre Hegels aber nahm sich sein bedeutendster Schüler, Karl Marx (1818-1883), an. Er stellte sie, wie er das selber einschätzte, vom Kopf auf die Beine, indem er erklärte, nicht die Ideen machten die materiellen Verhältnisse, sondern die materiellen Verhältnisse stifteten die Ideen. Und es komme darauf an, die Verhältnisse so zu ändern, dass der Mensch kein unmündiges und notdürftiges Wesen mehr sei. Für dieses Werk habe nun die Geschichte die Arbeiterklasse ausersehen, welche die Herrschaft von Menschen über Menschen und damit Unrecht und Ausbeutung beseitigen werde. Der Staat werde dann aber mangels Aufgabe absterben.

Das mit Bismarck hoch hinaus geratene Bürgertum fand indes in Friedrich Nietzsche (1844-1900) einen neuen Herold, der ihm Mut zu Herrentum und Grausamkeit machte.

Die sensibleren und nachdenklicheren Elemente unter den Bürgern gaben allerdings schon Anfang der Sechzigerjahre die Losung "Zurück auf Kant" aus. Seine skeptische und doch niemanden vom Handeln abhaltende Erkenntnistheorie passte ohnehin besser zu den grundstürzenden neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaft, welche das so überschaubare Weltbild des 19. Jahrhunderts völlig zu zerstören im Begriffe waren. Und Kants Kategorischer Imperativ, insbesondere in seiner Form: "Handle stets so, dass du die Menschen nie zum Objekt deines Handelns, sondern immer zum Subjekt machst", war zweifellos humaner als Nietzsches Eisenbeißerei.

Der Begründer der Marburger Schule des sich bald in zahlreiche Schulen verzweigenden Neukantianismus Hermann Cohen (1842-1918) war es, der offen auf die grundlegende Bedeutung der Kantischen Ethik für die Fundamentierung des Sozialismus hinwies und verlangte, die Sozialdemokratie solle ihre von Hegel abgeleitete Geschichtsauffassung zu seinen Gunsten aufgeben. Über Eduard Bernstein (1850-1932) und Max Adler (1873-1937) fand der Neukantianismus schließlich tatsächlich auch Eingang in die Sozialdemokratie.

Der Neukantianismus war nun jene Philosophie, die Goldscheid auch bei seinen Berliner Lehrern vorfand. So bei dem vom Psychophysiologen Wilhelm Wundt (1832-1920) und dem Psychophysiker Gustav Theodor Fechner (1801-1887) beeinflussten Friedrich Paulsen (1846-1908), welcher der neukantianischen Schule des Neokritizismus angehörte. Für ihn hatte das Wirkliche zwei Seiten: von außen, mit den Sinnen gesehen, ist es Körper, von innen, im Selbstbewusstsein, ist es seelisch. Der Kern alles Seelischen aber ist der konkrete, bewusst gerichtete Wille. Paulsen war es auch, der den Begriff des Voluntarismus prägte. Über Psychologie als Erfahrungswissenschaft unterrichtete sich Goldscheid bei Wilhelm Dilthey (1833-1911), dem Begründer der Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften.

Ethik hörte Goldscheid bei Paulsen und auch bei dem ebenfalls dem Neukantianismus zugerechneten Georg Simmel (1858-1918), dem Star unter den Berliner Universitätslehrern seiner Zeit, zu dessen Vorlesungen sich die Hörer drängten, wie zu einem Kunstereignis. Schon 1894, also noch während Goldscheids Studienzeit, veröffentlichte er seinen Aufsatz "Das Problem der Soziologie", ein Programm der Soziologie als selbständiger Wissenschaft.

Auch Goldscheid fand, wie noch näher darzulegen sein wird, seine geistige Prägung bei Kant, in dessen Denkgebäude er vor allem das zu integrieren versuchte, was der noch ausführlich zu besprechende Charles Darwin auf der einen Seite, Wundt und Paulsen auf der anderen Seite in die Welt gebracht hatten, wozu noch sein Hang zu einem von Hegel befreiten Sozialismus kam.