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Es braucht Visionen statt Bomben

Von Alexander von der Decken

Gastkommentare
Alexander von der Decken ist freier Journalist, Publizist und Schriftsteller. Er hat Philosophie und Romanistik studiert und in Barcelona und Paris gelebt.

Im Nahen Osten herrscht Endzeitstimmung. Ein neues Denken ist nötig. Vertreter einer Panzerturmpolitik passen nicht mehr in die Zeit.


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Ernüchterung im Nahen Osten: Die "Arabellion" war ein Strohfeuer. Wo Menschen für ihre Freiheit auf die Straße gegangen sind, patrouilliert vielerorts nun der Fanatismus. In Ägypten wurde die Uhr zurückgestellt - das Militär führt die Amtsgeschäfte. Bashar al-Assad führt die Vereinten Nationen am Nasenring durch syrische Trümmerlandschaften. Israel bombt Gaza und sich selbst ein Stück weiter an den Abgrund. Es herrscht Endzeitstimmung.

Das israelische Sicherheitsdenken bedarf eines Updates. Personen wie Avigdor Lieberman, Vertreter einer Panzerturmpolitik, passen nicht mehr in die Zeit. Mit ihrer Rhetorik sind sie für Israel eine größere Gefahr als Hamas und Fatah zusammen - sie reden das Land in die Isolation. Die Weltpresse bilanziert jeden toten Palästinenser akribisch, für die Hamas ist das ein medialer Sieg, für Israel ein Disaster.

Seit der letzten Intifada ist klar, dass die militärische Karte auf dem Weg zum Frieden nicht mehr sticht. Sie befeuert ausschließlich den Hass.

Ein neues Denken ist nötig, um historische Altlasten vom Verhandlungstisch zu wischen.

Es braucht Visionen statt Bomben: Israel muss seine Hintertürpolitik beenden, es muss sein Atompotenzial offenlegen und sich von der apokalyptischen Variante seiner Sicherheitsdoktrin verabschieden, es muss ohne Vorbedingungen den Palästinensern Gespräche auf Augenhöhe anbieten. Kurz: Es muss mit einem neuen Denken die Gegenseite entwaffnen.

Traumtänzerei? Vielleicht, doch die Alternative wäre eine Fanatisierung des Nahen und Mittleren Ostens, wie sie vom Isis-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi vorangetrieben wird - ein Schüttelfrostpanorama für die Welt. Ein neues Denken in Tel Aviv böte die Chance, die Kalifatsträume der Hardcore-Fanatiker zum Platzen zu bringen.

Das neue Denken kann sich auf ein "altes" Denken stützen. Der französische Schriftsteller Albert Camus hat es mit dem "mittelmeerischen Gedanken" begründet. In seinem Buch "Der Mensch in der Revolte" hat er verdeutlicht, dass das Virus der Unterdrückung in jeder Lehre schlummert. Die Macht des Wortes wird von den Heilsbringern missbraucht, um Herrschaft zu erlangen. Camus stellt mit dem "mittelmeerischen Gedanken" eine Philosophie des Maßes und Maßhaltens gegen die Tyrannei.

Der Tod macht jedes Leben scheinbar absurd. Erlösung böte nur der Selbstmord. Der aber ist laut Camus sinnlos, weil man das Absurde nicht überwindet, sondern ihm ausweicht. Erst die permanente Revolte gegen das Absurde begründet den Sinn des Seins. Der "mittelmeerische" Gedanke besagt: Wenn ich mein Leben bejahe, kann ich das Leben anderer nicht verneinen. Es muss also zwischen unterschiedlichen Lebenssichten eine moralische Grenze verlaufen. Diese ist verschiebbar, endet aber vor Mord und Unterjochung - durch Akzeptanz des anderen.

Seit der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 lebt das Land im Krieg mit seinen Nachbarn. Der Hass vererbt sich von Generation zu Generation, mit Panzern und Bomben lässt er sich nicht ersticken. Das alte Denken der Avigdor Liebermans dieser Welt muss dem der Visionäre Platz machen - und zwar auf beiden Seiten.