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Es gibt nur eine "Rasse": Homo sapiens

Von Stephanie Anko

Politik

Fremdenfeindlichkeit ist oft auf die Einteilung in "Rassen" zurückzuführen - aus genetischer Sicht gibt es diese aber nicht.


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Wien. Rassismus fängt da an, wo Menschen in unterschiedliche "Rasse"-Kategorien eingeteilt werden. Diese Einteilung ist nicht nur fremdenfeindlich, sondern entspricht nicht der Realität. Unter uns Menschen gibt es nur eine Rasse: den Homo sapiens. Dennoch herrscht immer noch zu oft der Glaube, dass Intelligenz, Verhalten oder gar sexuelle Neigungen rein genetisch bedingt seien. Dass ein Tiroler aus molekulargenetischer Sicht mehr mit einem Äthiopier gemeinsam haben kann als mit anderen Österreichern, erklärt der Humangenetiker Markus Hengstschläger.

"Wiener Zeitung": Warum wird in der Wissenschaft nicht mehr von "Rassen" in Bezug auf Menschen gesprochen?Markus Hengstschläger: Der Begriff ist im Zusammenhang mit Menschen abstrakt und wissenschaftlich überholt. Ursprünglich erfolgte die Unterteilung in Rassen aufgrund von äußeren Merkmalen wie etwa den Hautfarben. Auf molekulargenetischer Ebene gibt es aber unzählige Unterschiede und Übergänge.

Das heißt, zwei Menschen aus komplett unterschiedlichen Regionen der Welt können sich genetisch sehr ähnlich sein?

Heute wissen wir, dass beispielsweise zwei Asiaten, die sich ähnlich schauen, auf molekulargenetischer Ebene weniger gemeinsam haben können als ein Asiate und ein Europäer. Ein sehr großer Anteil an genetischer Varianz besteht oft innerhalb von geographischen Populationen. Der Begriff "Rasse" kann diese enorme Vielfalt und die fließenden Übergänge auf molekulargenetischer Ebene einfach nicht widerspiegeln und entspricht daher beim Menschen nicht mehr dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

Ein Mensch mit österreichischen Wurzeln könnte also einem Menschen mit äthiopischen Wurzeln ähnlicher sein als anderen Österreichern?

In der Summe seiner molekulargenetischen Unterschiede theoretisch ja, nicht aber nach den äußeren Merkmalen. Die Äußerlichkeit ist aber nur eines von tausenden Merkmalen. Seit dies festgestellt wurde, spricht man nicht mehr von verschiedenen Rassen des Menschen.

Wie groß ist der Anteil der Gene, die über die äußere Erscheinung entscheiden?

Es kommt stets auch auf das Wechselspiel der 25.000 Gene des Menschen mit den entsprechenden Umweltfaktoren an. Bei den komplexen Eigenschaften oder Merkmalen wissen wir nicht, welche und wie viele Gene genau woran beteiligt sind. Darum können wir nur begrenzt sagen, welche Gene bei der Haar-, Haut- oder Augenfarbe zusammenspielen.

Wie sieht es mit dem Verhalten von Menschen aus?

Da können unsere Gene auch eine Rolle spielen, aber eine wesentlich geringere als beim äußeren Erscheinungsbild. Hierbei ist der Mensch noch viel weniger auf seine Gene reduzierbar.

Und bei sexuellen Vorlieben? Es gibt ja Menschen, die Homosexualität auf die Genetik zurückführen.

Nein, die Genetik bestimmt nicht die sexuellen Neigungen eines Menschen. Vor etwa 20 bis 25 Jahren gab es Literatur dazu, die besagte, dass es eine genetische Neigung dafür gibt. Der heutige Stand ist jedoch: Selbst wenn es so etwas gibt, hat es nur in geringem Ausmaß Einfluss auf die sexuellen Vorlieben. Die Umwelt und die freie Entscheidung spielen hier eine größere Rolle.

Wie stark sind Gene am Intelligenzquotienten beteiligt?

Vielleicht etwa 50 Prozent. Die restlichen 50 Prozent kommen von der Umwelt, was gar nicht einmal so wenig ist.

Nicht nur in der Literatur zur Zeit des Nationalsozialismus, sondern zum Teil auch heute noch gibt es Personen, die der Überzeugung sind, andere Kulturen oder nicht-weiße Menschen wären aufgrund ihrer genetischen Veranlagung weniger intelligent. Kann das überhaupt stimmen?

Das ist kompletter Unsinn.

Kann man anhand der Gene erkennen, woher jemand kommt?

Was praktiziert wird, ist Abstammungsgenetik. Das heißt, man vergleicht zwei, drei oder vier Proben. Diese kann man zueinander in Relation setzen und sagen "Probe A ist mit Probe B mehr verwandt als mit Probe C". Das wird in der Kriminologie, Medizin oder Anthropologie gemacht - auch, wenn man den Neandertaler mit dem Homo sapiens vergleicht. Um den Verwandtschaftsgrad festzustellen, kann man das schon machen. Im Zuge dessen kann man auch auf genetische Anlagen stoßen, die bestimmten geographischen Regionen eher zuordenbar sind. Aber, wenn Sie einem Genetiker eine einzige Probe ohne Vergleichsproben schicken und fragen, wo dieser Mensch herkommt, dann würde der Genetiker wahrscheinlich scheitern.

Es gibt ja genetisch bedingte Krankheiten, die in bestimmten Regionen häufiger vorkommen als in anderen. Warum ist das so?

Ziehen wir das Beispiel der Sichelzellenanämie heran. Das ist eine erbliche Erkrankung, bei der beide Gene, das väterliche und das mütterliche, mutiert sein müssen, um die Symptomatik zu entwickeln. Überträger der Krankheit, die selbst nicht betroffen sind, haben nur ein mutiertes Gen. In mediterranen Gebieten kommt diese Erkrankung viel häufiger vor als etwa in Österreich, weil der Überträger der Sichelzellenanämie, der selbst nicht krank ist, eine gewisse Resistenz gegen Malaria entwickelt. In Regionen also, wo die Tsetsefliege Malaria überträgt, verschafft sich der Körper damit Vorteile. Der Preis, den man dafür zahlt, ist, dass die Menschen in der Region häufiger Träger eines defekten Gens sind. Wenn diese Menschen dann Kinder bekommen, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder zwei defekte Gene haben. Darum kommt die Sichelzellenanämie in mediterranen Regionen öfter vor.

Warum schauen Menschen eigentlich anders aus? Was hat das für einen Sinn?

Es als sinnlos abzutun, dass Menschen verschieden aussehen, wäre nicht richtig. Inwieweit äußere Unterschiede des Menschen aber direkt und klar Ergebnis der Wechselwirkung zwischen Umwelt und Genetik sind und welche Konsequenzen sich daraus ergeben, wird aber immer noch intensiv erforscht.

Was tut sich eigentlich aus genetischer Sicht, wenn zwei Menschen aus komplett verschiedenen Kontinenten ein Kind bekommen?

Nichts Besonderes. Wenn man als Humangenetiker jedoch lang- oder mittelfristig denkt, ist das Ziel, eine höchstmögliche Individualität. Die höchste Widerstandsfähigkeit ist gegeben, wenn wir eine höchstmögliche Individualität aufweisen. Langfristig kann das also aus Sicht des Genetikers kein Nachteil sein.

Markus Hengstschläger ist Vorstand des
Instituts für Medizinische Genetik an der MedUni Wien und ist u.a. stv. Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission.