"Es läuft besser als gedacht"

Von WZ-Korrespondent Denis Trubetskoy

Politik

Die finanzielle Situation hat sich für viele Menschen in Kiew verschlechtert, die Katastrophe blieb aus.


"Ich habe das so lange geplant, dass ich mir dann einfach gesagt habe: Ich ziehe das Ding trotzdem durch", erzählt Andrij, ein Kleinunternehmer mittleren Alters aus Kiew. Noch vor Russlands großem Angriff am 24. Februar wollte er drei oder vier Dönerstände im Norden Kiews eröffnen, dafür hatte er mehrere Monate lang Geld gesammelt und bereits einige Mietverträge unterschrieben. Nach der Invasion war Andrij kurz aus Kiew weg, bis Ende März befand er sich im westukrainischen Iwano-Frankiwsk. Doch gleich, nachdem die Russen ihre Truppen aus den Vorstädten von Kiew abgezogen hatten, kehrte er zurück in die Hauptstadt.

"Nachdem ich eineinhalb Monate so gut wie nichts getan hatte, dachte ich weniger daran, ob mein Kalkül jetzt aufgeht oder nicht", führt er weiter aus. "Wenn das Ganze gescheitert wäre, hätte ich am Rande des Krieges kein Problem damit. Ich wollte es trotz allem versuchen und einfach mit etwas beschäftigt sein."

Es gibt genug Kunden

Das Ergebnis: Ein gewinnbringendes Geschäft sind die Dönerstände zwar noch nicht - nicht zuletzt, weil Andrij nach Beginn der gezielten russischen Angriffe gegen ukrainische Infrastruktur Benzingeneratoren kaufen musste, die jeweils umgerechnet 1.500 Euro gekostet haben. Hinzu kamen beachtliche Benzinkosten, denn die Stromausfälle waren im Winter teils gewaltig. "Es läuft aber insgesamt viel, viel besser als gedacht", meint der Kiewer Kleinunternehmer.

Ihm hilft unter anderem, dass mehrere große Einkaufszentren, die es in der näheren Umgebung gibt, während der Luftalarme schließen müssen. "Die Realität ist: Die meisten Kunden und Mitarbeiter gehen nach fast einem Jahr Krieg nicht in einen Luftschutzkeller, sondern stehen vor unserem Kiosk oder vor kleineren Kaffeeständen in der Schlange, während sie auf Wiedereröffnung des Einkaufszentrums warten. Da verdient man viel." Aber auch sonst hat er eigentlich recht viele Kunden.

Andrij geht es damit besser als den meisten Unternehmern, aber auch als den meisten ukrainischen Bürgern und der Wirtschaft generell. Im vergangenen Jahr ist der Bruttoinlandsprodukt der Ukraine beträchtlich geschrumpft, was bei den Zerstörungen der Industrie im Osten sowie im Süden der Ukraine alles andere als verwunderlich ist.

Doch wie betrifft die aktuelle Wirtschaftslage konkret die Ukrainer? Laut der neuesten Umfrage des renommierten Soziologie-Instituts Rating Group sagen 65 Prozent der Menschen im Land, dass sich ihre Einnahmen 2022 im Vergleich zum Vorjahr vermindert haben. Allerdings waren es bereits bei der gleichen Umfrage 2021 rund 50 Prozent - die Covid-Pandemie war finanziell ebenfalls nicht die beste Zeit für die Ukrainer.

Laut dem analytischen Forschungsinstitut Zentrum für wirtschaftliche Strategie sind die faktischen Einkommen im Land im vergangenen Jahr um 21 Prozent gesunken. Die finanzielle Lage hat sich bei drei von vier Bürgern verschlechtert. Die faktische Arbeitslosigkeit beträgt rund 30 Prozent - rund 5 Millionen Ukrainer im arbeitsfähigen Alter haben also aktuell keinen Job.

Am schwierigsten ist die Situation der Binnenflüchtlinge. In der Ukraine sind 4,8 Millionen Menschen als solche registriert. Das Ministerium für Reintegration geht jedoch davon aus, dass die reale Zahl bei ungefähr 7 Millionen liegt. Dem Zentrum für wirtschaftliche Strategie zufolge ist der Anteil der arbeitenden Binnenflüchtlinge zwar von 30 Prozent im Sommer auf 40 Prozent im Dezember 2022 gestiegen, das sind trotzdem um mindestens 20 Prozent weniger als beim Rest der Bevölkerung. Die Arbeitslosen, die als Binnenflüchtlinge registriert sind, bekommen staatliche Zahlungen, die allerdings nicht groß sind und kaum dabei helfen, über die Runden zu kommen. Daher sind viele auf ihre Ersparnisse angewiesen.

Das Geld wird ausgegeben

Doch der Markt bleibt hart und ist nicht zwingend solidarisch. So sind die Mieten in der Westukraine, wo sich besonders viele Binnenflüchtlinge aufhalten, wegen der großen Nachfrage deutlich gestiegen, während sie in Kiew, wo die Gefahr eines neuen russischen Bodenangriffs nicht auszuschließen ist, so niedrig wie noch nie in der jüngsten Vergangenheit sind. Interessant ist aber auch, dass die Menschen in einer völlig undurchsichtigen und unplanbaren Ausgangslage recht problemlos Geld etwa in Cafés und Restaurants liegen lassen - ob sie bedeutende Ersparnisse haben oder nicht.

"Seit dem Sommer haben wir an den besten Tagen Einnahmen, die wir vor dem 24. Februar nicht hatten", erzählt Oleksandra Tscherednitschenko, Chefin eines georgischen Restaurants in Kiew. Sie und ihre Kollegen sagen einstimmig: Die Gäste hätten den großen Wunsch nach einer gewissen Restnormalität, und ihnen sei bewusst, dass es ein Morgen oder Übermorgen vielleicht gar nicht geben könnte. Daher tendiere man dazu, weniger Geld zu sparen und mehr im Jetzt und Heute zu leben. Doch die Gastronomiebranche leidet an der Instabilität und Unplanbarkeit. So findet seit Oktober alle ein bis zwei Wochen ein größerer Beschuss mit jeweils 50 bis 60 Raketen statt, um der ukrainischen Energiestruktur so stark wie möglich zu schaden.

Kino mit Unterbrechungen

"An diesen Tagen kommen die Gäste kaum, das ist ja klar", sagt Tscherednitschenko. "Am Valentinstag haben wir romantische Frühstücke angeboten, doch am Morgen gab es einen längeren Luftalarm, wenn auch ohne Beschuss. Und wir gehen jetzt sicher davon aus, dass es am 24. Februar fast keine Gäste geben wird, weil alle Angst vor Raketenangriffen um den Jahrestag haben. Es gibt auch nur wenige Mitarbeiter, die am 23. und 24. Februar nicht zu Hause bleiben wollen."

Anderen Branchen geht es ähnlich. Während Restaurants, die nicht etwa in einem Einkaufszentrum liegen, während der Luftalarme nicht zwingend schließen müssen, befinden sich fast alle Kiewer Kinos in Einkaufszentren. "Natürlich wollen sich die Menschen immer noch Marvel-Filme anschauen", meint die Kassiererin Alina. Der Zeitplan der Filmvorführungen sei aber unmöglich einzuhalten. "Bei einer halben Stunde Luftalarm wird die Vorführung ab dem Zeitpunkt des Abbruchs fortgesetzt. Wenn er aber länger dauert, müssen wir die Vorführung absagen und das Geld zurückzahlen. Sonst würde der Zeitplan gar nicht funktionieren. Und manche Luftalarme dauern bis zu sechs Stunden." Es ist nicht überraschend, dass rund die Hälfte der Kinobesucher weggefallen ist, weil kaum jemand Lust darauf hat, dass ein Film wegen eines Luftalarms fünf Minuten vor dem Ende abgebrochen wird.

Es wird improvisiert

Eine neue Realität entstand auch für jene Nebentätigkeit, der viele Arbeitslose mit einem eigenen Auto in der Vergangenheit nachgingen: bei Uber oder dem ukrainischen Pendant Uklon Taxi zu fahren. Gerade nächtliche Fahrten mit oft nicht ganz nüchternen Fahrtgästen waren für die Lenker nicht unbedingt gemütlich, brachten aber durchaus Geld.

Im Krieg gilt nun eine Sperrstunde, die in Kiew von 23 bis 5 Uhr dauert. Das bedeutet, dass die meisten Bars und Restaurants um 21 Uhr, spätestens um 22 Uhr schließen. Clubs und die in der Ukraine sehr beliebten Karaoke-Bars haben teils noch offen, machen aber ganz schwere Zeiten durch - was auch für nebenberufliche Taxifahrer eine schlechte Nachricht ist. Als Ausweg bleibt eigentlich nur die Lieferung von Lebensmitteln, ein Bereich, wo immer noch große Nachfrage besteht.

Generell ist die Lage jedoch weniger katastrophal, als viele Ukrainer es sich vor einem Jahr vorgestellt haben. Und obwohl laut der neuesten Umfrage der Rating Group zufolge 45 Prozent der Menschen im Land ihr Leben überhaupt nicht mehr planen, glauben trotz der schwierigen Wirtschaftslage fast 40 Prozent an eine positive Zukunft. Ende 2021 lag dieser Wert übrigens bei lediglich 14 Prozent.