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Es lebe die Revolte!

Von Alexander Decken

Gastkommentare

Die Menschen in Arabien kämpfen sich blutig ans Licht der Freiheit. Und die westliche Wertegemeinschaft macht schon die Rechnung auf, zu welchem Preis sie zu haben ist.


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Der demokratische Gedanke ist zur Handelsware verkommen, die den Mechanismen von Angebot und Nachfrage unterliegt. Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien sind nur einige Beispiele, weitere drohen in Nahost zu folgen. Die westliche Wertegemeinschaft schafft die Freiheit ab.

Derzeitiger Höhepunkt: Der libysche Rebellenoffizier Abdel Hakim Belhadj erwägt eine Klage gegen die Regierungen in London und Washington. Die Geheimdienste beider Länder sollen bei seiner Festnahme 2004 in Bangkok und seiner Überstellung nach Tripolis geholfen haben. Einst Gaddafi-Unterstützer, heute Freund der Rebellen - so schnell geht das, wenn sich die politischen Koordinaten verschieben. Zur Not pflegt man eben auch den Pferdefuß des Teufels. Normalität im politischen Alltag: Washington oder London - die Machtmetropolen sind beliebig gegen Paris, Rom oder Berlin austauschbar. Die Skrupelgrenze ist nirgends besonders hoch.

Alle geschlossenen Systeme, die politisch künstlich beatmet wurden oder aus eigener Kraft existieren, ob zu Zeiten des Kalten Krieges, davor oder danach, sind letztendlich implodiert. Häufig mit dem Ergebnis, dass einem korrupten System das nächste folgte. Albert Camus thematisiert dies sehr eindringlich in "Der Mensch in der Revolte", indem er die Begriffe Revolte und Revolution gegeneinander abgrenzt.

Die Revolution, die sich am Leuchtfeuer einer politischen Vision orientiert, opfert das Schicksal der Menschen dem historischen Determinismus: Ein Menschenleben zählt nur so viel, wie es der Umsetzung des Zieles nützlich ist. Also wenig. Die Revolte hingegen lebt von der Aktion aus dem Zentrum heraus. Das immer und immer wieder aufbegehrende Individuum beschreibt mit seinem Streben aus der sinnlosen Wirklichkeit nach einer ewigen Ordnung den jeweiligen Stand des Fortschritts. Es ist selbstbestimmt.

Der Einzelne bestimmt die Grenzen der Freiheit, die Allgemeingültigkeit für alle haben, wodurch die Revolte auch ihren allgemein-menschlichen Charakter erhält. Die Freiheit ist in diesem Denken nicht verhandelbar. Unrecht lässt sich definieren, aber eben nicht interpretieren. Da beginnt das Unheil. Das ist Denken nach Immanuel Kant.

Soll die Idee der Freiheit in den Köpfen überleben und neu erblühen, muss die Politik Persönlichkeiten hervorbringen, die das philosophische Moment ihres Tuns erfassen und in Einklang mit ökonomischen Gegebenheiten bringen können - zum Wohle der Menschen. Denn die Freiheit per se ist nichts anderes als eine Begrifflichkeit ohne jede Sinnhaftigkeit, aus der sich vortrefflich politischer Honig saugen lässt - zum Nachteil der Menschen.

Der Faktor Mensch lässt sich nicht mehr aussperren, das beweist die Situation in Nahost. Die sozialen Netzwerke haben den Globus zu einem Informationsdorf gemacht. Wer diesem Umstand nicht Rechnung trägt, läutet dem Gedanken der Freiheit das Totenglöcken. Der Aufstand in Arabien ist eine Riesenchance!

Alexander Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen.