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Es war einmal das süße Leben

Von Simon Rosner

Politik

Saeed hat in Syrien Mathematik studiert und sein Leben genossen. Dann begannen die Proteste.| Ein Gespräch über das Leben in Damaskus, über Träume und Hoffnungslosigkeit und die Flucht nach Europa.


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Wien. Saeed ist 28 Jahre alt, seit zwei Jahren ist er auf der Reise. Auf einem Foto, das ihn davor in Damaskus, seiner Heimatstadt, zeigt, wirkt er noch fast jugendlich. Er steht da inmitten seiner Familie - seine zwei Schwestern, der Bruder, Vater, Mutter - und alle lächeln. Sie stehen vor einer Apotheke, die seine Eltern im Jahr der Revolte eröffnet haben. Ganze fünf Jahre haben sie an diesem Traum gearbeitet, dem Traum der eigenen Apotheke. "In Syrien braucht man sehr, sehr viele Genehmigungen", sagt Saeed belustigt. Als wären Bürokratie und unzählige Bewilligungen ein kurioses, syrisches Spezifikum.

Als die Apotheke eröffnete, begann der Alptraum.

Das Leben, das Saeed - sein voller Name ist der Redaktion bekannt - in Damaskus führte, war ein gutes, das eines Studenten der Mathematik, und zwar mit Betonung auf Student. Acht Jahre habe er studiert, erzählt er, und wieder muss er schmunzeln. Denn eigentlich hätte er ja nur vier Jahre benötigen sollen. Dass das in Europa nicht viel anders ist, überrascht ihn fast. "Also bin ich nicht der Einzige, der so lang gebraucht hat." Haha.

Alle wussten vonder Korruption

Zwischendurch hatte Saeed aufgehört zu studieren, um stattdessen in einer Modeboutique zu arbeiten. Er wollte gutes Geld verdienen, mit dem er dann jene Frauen einladen konnte, die er an der Universität kennengelernt hatte. Man will ja etwas bieten, und in Damaskus gab es viele Cafés, Bars und Geschäfte. Der Wunsch vom Studienabschluss trat vorübergehend also in den Hintergrund. Kann schon einmal passieren. "Ich habe dann eher davon geträumt, eine schöne Freundin zu finden." Saeed muss wieder über sich selbst lachen. Immerhin diesen Traum hat er sich dann erfüllt: "Wir waren so kindisch", sagt er.

Im Jahr 2011 schwappte der Arabische Frühling auch nach Syrien, zunächst aber noch nicht nach Damaskus. Natürlich habe man immer gewusst, dass es Korruption im Al-Assad-Regime gibt, erzählt Saeed, auch dass es kein wirklich freies Land war. Aber es ließ sich doch gut leben. "Das werden alle sagen, auch seine Gegner." Aus Syrien wegzugehen, und sei es nur für ein paar Monate, "war nie in meinem Kopf". Doch jetzt ist er in Wien, nach einer langen, teuren und grauenvollen Reise, die alternativlos war. Er hofft, nach Schweden zu gelangen, sich dort ein neues Leben aufbauen zu können.

Das alte Leben endete für Saeed irgendwann im Jahr 2013. Die Lage in der Hauptstadt hatte sich zusehends verschlechtert, die internationalen Sanktionen haben die Preise steigen und die Wirtschaft zusammenbrechen lassen. Noch bevor alles unmöglich wurde, schloss Saeed sein Studium ab, gerade noch rechtzeitig. Heute ist er froh darüber, es könnte seinen Start in der Emigration erleichtern. In Syrien gab es dagegen auch mit Universitätsabschluss keine Zukunft mehr. Syrien war Kriegsland geworden, und die Proteste, denen er sich angeschlossen hatte, waren aussichtslos. "Das wussten wir alle", sagt er. "Ich hatte keine Hoffnung mehr."

Wer zum Militär geht,kommt nicht mehr zurück

Durch das Studium war Saeeds Militärdienst aufgeschoben worden, doch nach dem Abschluss und dem Ausbruch des Krieges war die Einberufung nur noch eine Frage der Zeit. "Und dann weißt du, dass du nicht mehr zurückkommst", sagt er. Das Militär in Syrien ist wie Machthaber Bashar al-Assad alevitisch, Saeed gehört aber der Gruppe der Sunniten an, die in Syrien die Mehrheit bilden. "Als Sunnit stehst du immer in der ersten Reihe, und wenn du nicht schießt, erschießen sie dich von hinten." Egal, ob das tatsächlich so stimmt oder nicht, es war jedenfalls Saeeds Wahrheit und seine Angst.

Auf seinem Smartphone zeigt Saeed "a little joke", wie er sagt, einen kleinen Witz, den sich Syrer gegenseitig schicken. Es ist ein Foto, das zwei Westen zeigt, eine Schwimmweste und eine Militärweste. Darüber steht auf Arabisch: "Die zwei Optionen, die Syrer haben." Saeed schmunzelt, er findet das recht witzig. Es ist der Moment in dem Gespräch, in dem ich nicht weiß, wie ich reagieren und was ich sagen soll. Ist das wirklich witzig?

Auch Saeed stand vor dieser schrecklichen Entscheidung. Und er entschied sich für das Militär, zunächst. Seine Mutter verstand die Welt nicht mehr, sie war verzweifelt. "Ich habe zu ihr gesagt: ,Es müssen so viele sterben, und was macht mich besser als andere? Schau’ mich an, ich bin 26 Jahre, habe keine Träume mehr, ich habe nicht einmal fünf Lira in der Tasche.‘" Danach, erzählt er, sei seine Mutter einfach nur still gewesen. Saeed war also bereit, in den Tod zu gehen.

Die Türkei alsRettung und Hölle

Dass es anders kam und Saeed nun in Österreich sitzt, und, wie man hier sagt, durchaus auch Schmäh führt, war einem Freund zu verdanken, der ihm die mit hoher Wahrscheinlichkeit todbringende Entscheidung erfolgreich ausredete. Stattdessen machte er sich auf den Weg in die Türkei, nach Istanbul, die Grenze war offen. "Ich habe meinen Vater um Geld gebeten für die Reise, er hat mir gesagt: ,Komm nicht zurück.‘ Wir haben beide gewusst, dass es nicht besser werden wird und dass es kein Zurück mehr gibt." Seither telefoniert er nur noch mit seinen Eltern. "Sie haben Angst um mich, dabei sollte ich der sein, der Angst um sie hat." Die Flucht bedeutete auch die Trennung von seiner Freundin.

Istanbul, das halb so viele Einwohner wie ganz Syrien hat, war für Saeed die Rettung. Die Rettung und die Hölle. Zwölf Stunden pro Tag arbeitete Saeed in einer riesigen Schuhfabrik, dazu kamen zwei Stunden Fahrtzeit zu seinem Quartier. Schuhe für Europa. Die Türkei stellt Flüchtlingen zwar eine Arbeitserlaubnis aus, allerdings endet diese nach einem Jahr. "Dann schicken sie dich weg", sagt er. Oder man arbeitet in der Illegalität, dann aber ist die Gefahr der Ausbeutung noch weit größer. Das ist keine Perspektive, kein Leben.

Der Gedanke an Europabringt Lebensmut

Dass die Zeit in Istanbul hart, zu hart war, erzählt Saeed nicht nur, es lässt sich auch daran ermessen, dass ihm keine einzige launige Geschichte einfällt wie aus Syrien oder sogar von der Flucht. "Ich habe gearbeitet wie eine Maschine, da gab es keine Träume." Die kamen erst wieder, als er die Idee von Europa hatte. Der Gedanke allein brachte wieder Lebensmut. Es ist in der Türkei nicht schwer, in Erfahrung zu bringen, wie man in die EU kommt und wie viel Geld man dafür benötigen würde: 3000 Euro. "1000 für das Boot nach Griechenland, 1000 für Essen, Trinken und den Transport bis Serbien, 1000 Euro, um Ungarn zu vermeiden." Er musste das Geld dafür erst verdienen.

Der Weg in die EU ist gesäumt von armen Ländern und armen Menschen, die den Schutzsuchenden zwar helfen, sie aber manchmal auch neppen oder sogar richtig ausnehmen. Die Grenzen verschwimmen, wie bei Saeed in Belgrad, als er und seine Fluchtgefährten zwar für "nur" 50 Euro ein Zimmer für die Nacht bekamen, sie dann aber in einem dreckigen Loch schlafen mussten.

Und sie gefährden auch das Leben der Flüchtlinge. Schon die erste Etappe in der Türkei wäre für Saeed beinahe die letzte gewesen. Ein Schlepper nahm ihm und seinen zwei Fluchtgefährten nicht nur 1000 Euro pro Person ab, um sie zu einem Boot zu bringen, sie mussten auch noch den 40 Kilogramm schweren Motor dafür über mehrere Stunden und sogar Berghänge tragen. Dann harrten sie noch drei Tage im Wald aus, bekamen weder zu trinken noch zu essen. Drei lange Tage lang, ehe es in einem übervollen Boot nach Lesbos ging. Dort müssen sich Szenen abgespielt haben, die Saeed kaum in Worte fassen kann, doch zwei Zahlen reichen: 40.000 Menschen, die tagelang auf engem Raum auf eine Bescheinigung warten, nur ein einziger Beamter, der sie ausstellt.

Angst vor Ungarnwar unbegründet

Die Flucht, die Saeed dann weiter über Mazedonien und Serbien führte, ist auch eine Geschichte der Überforderung. Mazedonien ließ die Flüchtlinge nicht hinein, doch bald waren es nicht ein paar, sondern ein-, zweitausend, die an der Grenze standen. Und dann begann es noch zu schütten. Einen vollen Tag warteten die Flüchtlinge im Stehen. Sitzen konnten sie nicht, weil alles zu Schlamm wurde. Eine Verpflegung gab es nicht. Was sollte Mazedonien also anderes tun, als die Menschen hineinzulassen, es hätte sonst eine Katastrophe gegeben.

In Serbien war es dann nicht anders, doch in Ungarn hatte Saeed Glück. Die 1000 Euro, um Ungarn zu umgehen, benötigte er nicht. Er erwischte ein kleines Zeitfenster, in dem Ungarn Flüchtlinge direkt an der Grenze abholte und tags darauf mit Bussen in Richtung Österreich brachte. "Die Polizisten in Ungarn waren nett zu uns, es gab auch Essen und Trinken." Über Ungarn kann Saeed nichts Schlechtes sagen. Es zeigt, dass die Fluchterfahrungen selektiv und subjektiv sind, traumatisch aber war die Reise jedenfalls. "Ich bin überrascht, überlebt zu haben", sagt er. "Wenn du gehst, kannst du nicht mehr zurück, es gibt kein Zurück", sagt Saeed. Und auch in Syrien gibt es kein Zurück mehr, es ist kein Ende des Krieges in Sicht. "Wir mussten es (Proteste, Anm.) aber tun, auch wenn der Preis dafür viel zu hoch war."

Den schwierigsten, gefährlichsten Teil seiner Reise hat Saeed nun hinter sich. Welche Träume hat er jetzt? Ist Schweden jetzt sein Traum? "Nein", sagt er. "Schweden ist kein Traum, es ist nur ein Weg."


Redaktioneller Nachtrag: In der Nacht auf Samstag hat Saeed dem Autor eine Nachricht gesendet. "We reached Malmö. It's done"