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Es wird noch schlimmer werden

Von Jörg Zeuner

Gastkommentare
Jörg Zeuner ist Chefvolkswirt und Leiter Research & Investment Strategy bei Union Investment sowie Mitglied des Union Investment Committee.
© Union Investment

Die Industrie ist von den guten alten Zeiten weit entfernt. Auch dem Konsum weht ein eisiger Wind entgegen.


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Es ist schlimmer gekommen als befürchtet: Die Industrieproduktion in Deutschland - der größten EU-Volkswirtschaft - hat sich im August schlechter entwickelt als erwartet und ist um 0,8 Prozent gesunken. Der Konsens hatte nur mit einem leichten Rückgang gerechnet. In Details sieht es aber nicht so schlimm aus. Denn die Schwäche kommt hauptsächlich von der Energieproduktion, da im Sommer weniger Strom verbraucht wurde als im Vormonat. Das Produzierende Gewerbe hingegen lag nur 0,1 Prozent unter der Produktion im Juli.

In Sicherheit sollte sich trotzdem niemand wiegen. Zwar sind die Orderbücher noch ordentlich gefüllt und werden schrittweise abgearbeitet. Auch kommen neue Aufträge nach. Aber die Dynamik ebbt ab. Das spiegeln die Stimmungsindikatoren im Verarbeitenden Gewerbe wider. Die Industrie leidet zunehmend unter den hohen Produktionskosten. Hinzu kommt eine sinkende Nachfrage im Umfeld einer drohenden Rezession in der Eurozone und den USA. Zusätzlich sind die Probleme in den Lieferketten noch vorhanden, wenn auch nicht so bedrohlich wie noch vor einigen Monaten. Von den guten alten Zeiten vor der Corona-Krise ist die Industrie aber weit entfernt.

Unter dem Strich wird der Rückgang der Industrieproduktion noch schlimmer werden. Zu erwarten ist eine Verringerung über die nächsten zwölf Monate um 4 bis 5 Prozent - und das von einem niedrigen Niveau aus. Denn wir liegen immer noch um rund 6 Prozent unter den vor der Pandemie erreichten Werten.

Der GfK-Konsumklimaindex ist im Oktober auf ein neues Rekordtief gefallen und ging von minus -36,8 auf minus 42,5 Punkte zurück. Das ist der niedrigste Stand überhaupt. Zum Vergleich: Der Tiefstand während der Pandemie lag bei minus 23,1 Punkten.

Der Grund ist, dass ein Ende des Krieges in der Ukraine nicht absehbar ist. Dadurch bleiben die Energiepreise in Europa bis auf Weiteres hoch, und die Inflation wird so rasch nicht zurückgehen. Das wissen die Verbraucher und schränken ihre Konsumpläne immer mehr ein. Denn die Unsicherheit ist groß, wie lange die Energiekrise andauert und wie teuer sie letztendlich wird. Wie so oft in unsicheren Situationen setzt beim Verbraucher dann erst einmal der Sparreflex ein.

Bisher hat sich der tatsächliche Konsum im Vergleich zu den Konsumerwartungen zwar noch recht gut gehalten. Dies ist auf den Wegfall vieler Corona-Einschränkungen zurückzuführen - von denen vor allem die Gastronomie und der Tourismus profitiert haben. Doch diese Stütze bricht nun immer mehr weg, denn die Auswirkungen der gestiegenen Gas- und Strompreise werden sich erst in den nächsten Monaten so richtig in den privaten Haushaltsbudgets niederschlagen.

Klar ist: Dem Konsum wird im kommenden Winterhalbjahr ein eisiger Wind ins Gesicht blasen - selbst wenn die Temperaturen überdurchschnittlich hoch bleiben sollten und damit eine Gasmangellage verhindert werden könnte. Alleine in Deutschland droht deshalb ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um rund 2 Prozent bis zum Frühjahr 2023, vor allem getrieben von einem schwächeren privaten Konsum.