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Ethik

Von Rotraud A. Perner

Wissen

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Die älteste Form normativer Ethik, meint der jungianische Psychoanalytiker Erich Neumann in seinem Buch "Tiefenpsychologie und neue Ethik", war die Talion: Das Prinzip "Aug um Aug, Zahn um Zahn" beinhalte nämlich nicht ein Recht darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern lege eine Beschränkung auf: nur ein Aug für ein verletztes oder zerstörtes anderes, nicht aber alle beide - oder gar das ganze Gebiss, wenn einem ein Zahn ausgeschlagen wurde....

Rachsucht - Zorn - gehört zu den sieben Ursünden, ebenso wie die Gier nach dem "Mehr": mehr als man gestern hatte, mehr als der Nachbar hat, mehr als Symbol eines grenzenlosen Zuwachses - für sich selbst und alles, was man sich zurechnet. "Mein" statt "gemein(schaftlich)", und in der Verkehrung: "gemein" statt gerecht. Natürlich als Vorwurf an andere...

Grenzsetzungen

Neumann zeigt, wie aus dem Talionsprinzip die konventionelle Ethik entsteht - immer mehr Regeln zur Einschränkung der ausufernden, grenzüberschreitenden, grenzverletzenden Gier-Gesetze, Spielregeln, Usancen, und das, was üblicherweise als Moral, als Sittengesetz, bezeichnet wird. Je gebildeter, klüger, bewusster die Menschheit wird, desto mehr "Gesetze", "Satzungen" - Grenzsetzungen für ihre krebsartig auswuchernden Begehrlichkeiten - kann man ihr zumuten, in der Hoffnung, dass sie diese verinnerlichen - und irgendwann im Sinne einer "postkonventionalen Ethik" das Prinzip der Rücksichtnahme auf die Folgen ihres Handelns und die Wirkungen auf andere so umfassend integriert hat, dass sie diese Verantwortlichkeit immer und überall synchron mitbedenkt und -lebt.

"Rücksicht" - da steckt der Begriff des Sehens drinnen, ähnlich wie im Wort Vorsicht, Voraussicht und wortwörtlich im vom Lateinischen abgeleiteten Respekt. Nur hat der eine etwas andere Bedeutung - warnt viele wieder vor Unannehmlichkeiten mit einer Machtperson und empfiehlt Demutsgesten, nähert sich also viel mehr der Vorsicht an...

Kunst des Sehens

"Sehen" auf Wirkungen und Folgen bedeutet aber, dass man seine Aufmerksamkeit ein- und nicht ausschaltet. Und das braucht Ich-Stärke und Frustrationstoleranz. Erich Neumann schreibt: "Ein wesentlicher Teil der Erziehung wird immer der Bildung der Persona gewidmet sein, die das Individuum ,stubenrein' und ,gesellschaftsfähig' macht... wobei der Erlernung des Nichtsehens, Übersehens und Wegsehens in jeder Gesellschaft und in jeder Zeit ein größerer Anteil gebührt, als der Schärfung des Blickes, der Entwicklung der Wachheit und der Liebe zur Wahrheit."

Im archaischen Stammhirndenken dominieren Triebimpulse - wie bei den Tieren. Einschränkungen sind nur mittels Dressur erzielbar. Selbstreflexion gehört zu den höchstentwickelten Fähigkeiten der Großhirnrinde, ist also etwas sehr Junges gemessen an der Äonen langen Zeit der Entwicklung des menschlichen Gehirns. Und: sie kann nicht dressiert werden. Sie muss vorgelebt werden. Sie muss bestätigt werden. Nur: meistens verspotten die Denkverweigerer die Nachdenklichen und besonders die Vordenker. Dabei sind es gerade Letztere - ich zitiere Neumann - "für welche Probleme persönlich brennend werden, 50 Jahre bevor das Kollektiv von dem Vorhandensein dieser Probleme Kenntnis genommen hat".