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EU liebäugelt mit Arktis-Ressourcen

Von WZ-Korrespondent Wolfgang Tucek

Europaarchiv

Brüssel will die Öl- und Gasförderung forcieren. | Zugang rechtlich bisher oft ungeklärt. | Brüssel. Die EU zittert, sieht aber eine Menge Chancen: Es geht um die Arktis. Einerseits schmilzt dort das Eis wegen der Klimaerwärmung. Das hebt den Meeresspiegel, die Küsten der Union sind von Überflutung bedroht. Doch andererseits könnten bisher unerreichbare Öl- und Gasfelder, andere Rohstofflager sowie neue Fischereigründe und alternative Seewege erschlossen werden. Selbstverständlich müsse das alles so umweltschonend wie möglich erfolgen, mahnt Brüssel. Aber "die arktischen Ressourcen könnten helfen, die EU-Versorgungssicherheit mit Energie und anderen Rohstoffen zu erhöhen", bringt es die EU-Kommission in ihrem jüngsten Strategiepapier für die Entwicklung einer gemeinsamen Arktispolitik auf den Punkt.


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Schließlich hat Russland schon letztes Jahr seine Fahne am Nordpol auf den Meeresgrund gepflanzt, um unmissverständlich seinen Anspruch auf weite Teile dieser recht unwirtlichen Region anzumelden, die bis jetzt in erster Linie vom Packeis beherrscht wird. Formell hat Moskau diesen Antrag bereits 2001 bei der UNO gestellt. Norwegen wurde inzwischen mit einem ganz ähnlichen Anliegen in New York vorstellig.

Ein Viertel der Gas- und Ölreserven vermutet

Vor allem mit diesen beiden Ländern müsse intensiv zusammen gearbeitet werden, schlagen die EU-Beamten vor. Die "umweltfreundliche Förderung der arktischen Kohlenwasserstoffreserven" solle von "gleichen Voraussetzungen und gegenseitigem Marktzugang" geprägt sein, wünschen sie sich. Bis zu 25 Prozent der bisher unentdeckten Öl- und Gasvorräte könnten sich in der Arktis befinden, sagte Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner.

"Trotz rauer Bedingungen werden das Schmelzen des Eises und neue Technologien den Zugang zu den arktischen Ressourcen Schritt für Schritt erhöhen", heißt es im Strategiepapier. Daher müsse die schon jetzt gut entwickelte Öl- und Gasförderung der EU-Industrie auf hoher See an den Einsatz in noch rauerem Klima und tieferem Wasser angepasst werden.

Da die EU eine der größten Handelsflotten der Welt besitze, könnten die Seefahrtsrouten in Richtung Pazifik künftig beträchtlich verkürzt werden. Allerdings werde das noch etwas dauern, schränken die EU-Beamten ein.

Die EU ist nach Brüsseler Sichtweise ein wichtiger Spieler um die Reichtümer der Arktis. Schließlich haben drei Mitgliedsländer direkten Zugang: Finnland, Schweden und Dänemark über seine teilautonome Provinz Grönland; gerade mit Grönland, das nach größerer politischer und vor allem wirtschaftlicher Unabhängigkeit von Kopenhagen strebt, müsse die Zusammenarbeit unbedingt intensiviert werden, findet die EU-Kommission. Norwegen und Island sind immerhin über die Efta mit der Union liiert, letzteres möchte vielleicht demnächst der EU beitreten.

Viele Rechtsfragenbis heute offen

Noch schwieriger könnte es mit den anderen Arktisanrainerstaaten werden. Das sind die USA, Kanada und Russland. Und schon heute gibt es zahlreiche ungeklärte Grenzverläufe im vielleicht nicht mehr so ewigen Eis. Russland zankt sich mit Norwegen und den USA, Dänemark mit Kanada. Der größte Teil der Arktis gehört aber noch niemandem. Es handelt sich quasi um internationale Gewässer, die mangels bisherigen Interesses noch bei weitem nicht vollständig von internationalem Recht geregelt sind.