Zum Hauptinhalt springen

Euphorie und Vorsicht

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Beim ersten Fernsehduell mit Hillary Clinton tat sich Donald Trump schwer in der Rolle des Staatsmanns. Ob ihm das nachhaltig schaden wird, ist trotzdem alles andere als fix.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 7 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

New York. Die vielleicht wichtigste Einordnung erreichte die amerikanische Öffentlichkeit bereits Stunden vor Beginn des Spektakels, aber ihre Kernaussage galt auch danach: "Nationale Umfragen sind egal. Das Einzige, was zählt, ist das Electoral College. Und darin liegt Hillary Clinton gestern wie heute vorn." Der Mann, der das kurz zuvor der "Washington Post" mitteilte, gilt nicht umsonst als der US-Wahlkampfguru schlechthin. Mit seinen revolutionären Methoden der demografischen und politischen Datenerhebung, -analyse und -anwendung hat David Plouffe zweimal entscheidend dazu beigetragen, Barack Obama ins Weiße Haus zu befördern. Mittlerweile gibt es sogar auf Seiten der Republikaner kaum mehr ernstzunehmende Kandidaten, die sich von Plouffes Werk nicht mindestens eine Scheibe abschneiden. (Allen voran Ted Cruz, der seine auf Plouffes Modell basierende Wählerdatenbank seit Monaten gewinnbringend an Donald Trump vermietet.)

Clinton braucht Begeisterung

Für Clintons erste Fernsehdebatte mit Trump sah der mittlerweile beim Car-Sharing-Service Uber beschäftigte 49-Jährige indes nur einen Auftrag: "Es reicht nicht, dass manche Leute Angst vor Trump haben (. . .) Sie muss die Diskussion nützen, um mehr Begeisterung für ihre eigene Kandidatur zu wecken. Nur dann kann es ihr gelingen, den Sack zuzumachen." Inwieweit Clinton das am Montag Abend (Ortszeit) gelungen ist, gingen die Meinungen am Tag danach auseinander. Vordergründig hatte die ehemalige Außenministerin und Ex-First Lady auf der Bühne des Auditoriums der Hofstra University von Hempstead, New York, alles richtig gemacht. Über die gesamte Dauer von eineinhalb Stunden gab sie sich cool, besonnen und dezent angriffslustig.

Bisweilen gelang es ihr gar, den New Yorker Immobilienmagnaten und Reality-TV-Star derart zu provozieren, dass der die Fassung zu verlieren drohte. Beständig suchte sie, ihr in 50 Jahren in der Politik gesammeltes Wissen und ihre dementsprechende Kompetenz in den Vordergrund zu stellen. Selbst die eine Frage des Moderators - NBC-Nachrichtensprecher Lester Holt, der seine Aufgabe weitgehend tadellos bewältigte - die sie potenziell in Schwierigkeiten bringen hätte können, die leidige nach ihren E-Mails, wehrte sie souverän ab.

Der einfache Verweis darauf, dass sie einen Fehler gemacht habe, der ihr in den Monaten zuvor so schwer über die Lippen zu kommen schien, reichte, um das Thema zumindest für die Dauer dieser Debatte zu beerdigen. Erste Blitzumfragen unmittelbar nach deren Ende schienen zu bestätigen, dass die 69-Jährige in Hempstead einen guten Job gemacht hatte; und auch die professionellen Beobachter waren sich weitgehend darob einig, dass Clinton, wenn sie die Diskussion nicht gleich ganz "gewonnen", zumindest merklich besser abgeschnitten habe als ihr republikanischer Widersacher.

Aber selbst wenn das stimmt - und hier kommt die Plouffe’sche These von der Bedeutungslosigkeit nationaler Umfragen ins Spiel: Wird diese erste Debatte wirklich einen Unterschied in Sachen Wählermobilisierung ausmachen? Der Weg für Trump, die Grenze zu jenen 270 von 538 Wahlmännern zu überschreiten, die ihm den Einzug ins Weiße Haus garantieren würden, ist und bleibt ein ungleich steinigerer als der von Clinton. Zum jetzigen Zeitpunkt - und völlig ungeachtet des Ausgangs dieser Debatte und der noch folgenden - gibt es fast nichts, was darauf hindeutet, dass er mehr Stimmen bekommen wird als Mitt Romney vor vier Jahren. Was eine klare Niederlage bedeuten würde: In absoluten Stimmen lag der letzte Kandidat der Konservativen fürs Präsidentenamt nur dreieinhalb Millionen Stimmen hinten.

Clinton hat Vorteile

Am Ende kam er trotzdem nur auf 206 Wahlmänner. Nachdem die größten Brocken - Kalifornien, New York, sowie der Großteil des Nordostens und Nordwestens - fest in Hand der Demokraten sind, ergibt sich daraus ein quasi natürlicher Vorsprung für Hillary Clinton. Und dann sind da auch noch die demografischen Veränderungen, die prinzipiell den Liberalen in die Hände spielen: die wachsende Bevölkerung hispanischer Abstammung, deren Großteil sich von Trump aufgrund von dessen extremer Anti-Immigrations-Rhetorik abgewandt hat, sowie die Minderheit der Afroamerikaner, deren Trump-Affinität gegen null tendiert. Ergo sind die Einzigen, die dem Milliardär als Hoffnung bleiben, die weißen Männer und Frauen im Land - und von denen gibt es in den sogenannten "Swing States" wie Florida, Ohio oder Colorado (und sogar in traditionell den Demokraten zuneigenden Bundesstaaten wie Pennsylvania und Wisconsin) theoretisch immer noch genug, um das Pendel zu seinen Gunsten ausschlagen zu lassen. Motto: Alles auf eine Karte - die von der einst von Richard Nixon berühmt gemachten "schweigenden Mehrheit", die zuhause vor ihren Fernsehern sitzt, Fox News schaut und sich angesichts der Bilder von Terroranschlägen und Ausschreitungen wie zuletzt in Charlotte und Tulsa ernsthaft vor Chaos und Anarchie fürchtet. Nachdem Trumps Strategie mittlerweile einzig und allein darauf hinauszulaufen scheint, möglichst viele von ihnen zu mobilisieren, war die Euphorie im Clinton-Camp am Tag eins nach der ersten Debatte bei weitem nicht so groß wie unter den Politikanalysten aus Funk und Fernsehen.

Trump fiel nicht aus Rahmen

Anders als die meisten Medienvertreter scheinen ihre Berater aus den Primaries die richtigen Schlüsse gezogen zu haben: Während der republikanischen Vorwahlen gab es praktisch keinen Monat, in dem Trump von den professionellen Beobachtern in Politik und Medien nicht mindestens einmal für politisch mausetot erklärt worden war. Am Ende gewann er mehr Stimmen als jeder andere konservative Kandidat in der Parteigeschichte.

Was gegen seinen Erfolg am 8. November spricht, wenn es zu den Urnen geht: Im Vergleich mit der extrem geringen Anzahl an Wahlberechtigten in den Primaries stellt die amerikanische Öffentlichkeit für jeden Kandidaten eine weitaus höhere Hürde dar. Aber Tatsache bleibt, dass er am Montag für seine Verhältnisse nicht aus dem Rahmen fiel: Wenn es darum ging, seine eigene Wählerbasis zu konsolidieren und seine radikalen Positionen weiter unter die Leute zu bringen, hat er seinen Job ungeachtet der üblichen grenzwertigen Aussagen mindestens so gut erledigt wie Clinton. In den in Sachen Mobilisierung mittlerweile enorm wichtigen sozialen Medien dominierte er entsprechend eindeutig die Agenda - vielleicht nicht inhaltlich, aber in Sachen Publicity. Die Leute, die schon zuvor eine Präferenz für ihn erkennen ließen, lieferte er nichts, was sie wirklich enttäuscht hätte.